Türkischer Reporter beim ZDF Der Rächer des Entehrten

Beim ZDF wurde Präsident Erdogan beleidigt, also sitzt dort das Übel. Das dachte sich offenbar ein türkischer regierungsnaher Sender und schickte einen Reporter nach Mainz. Es folgen vier Minuten Realsatire.

A Haber

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Das Video beginnt mit bedrohlicher Musik. Und damit jeder sofort weiß, worum es geht in diesem Beitrag der Sendung "Yaz Boz", wird gleich ein Text eingeblendet: "Das ZDF hat die Türkei beleidigt. 'Yaz Boz' hat ihm gezeigt, wo der Hammer hängt."

Was dann kommt, ist ein hochgradig satirisch wirkender, aber ernst gemeinter Fernsehbeitrag des türkischen Senders A-Haber. Vier Minuten lang zeigt die Kamera den sichtlich aufgebrachten Reporter vor dem Eingang des ZDF in Mainz. Der Sender wolle ihn mithilfe des Sicherheitsdienstes vertreiben, erklärt er - aber er werde an der Pressefreiheit festhalten. Zwei Männer in Anzügen unterhalten sich nahe des Eingangs - das müssen "ZDF-Verantwortliche" sein, folgert der Reporter. Und dazu noch sehr unhöfliche. "Sie sehen, die Hände in der Tasche, er steht da in sehr grober Weise. Und sehen Sie die Gestik: Er zittert regelrecht vor Zorn."

Davon sieht der Zuschauer nichts, so wie die Szenerie im Hintergrund ohnehin so aufregend wirkt, wie der graue Eingang des ZDF eben wirken kann. Die Männer in Anzügen unterhalten sich und ignorieren den Reporter, einer der beiden ist ZDF-Sprecher Alexander Stock.

Im Bild ist der Beitrag unspektakulär, im Ton dafür höchst dramatisch. Der tapfere, mutige Berichterstatter hat sich in die Höhle des Löwen vorgewagt, einen ZDF-Verantwortlichen am Kragen gepackt und zur Rechenschaft gezogen für das zur Staatsaffäre hochstilisierte Schmähgedicht von Jan Böhmermann. Und nun zittert das ZDF, vor Wut, vor Angst, man weiß es nicht. Jedenfalls hat er, der rasende Reporter, dem ZDF gezeigt, wo der Hammer hängt.

"Yaz Boz" heißt auf Deutsch übersetzt "Schreib! Zerstör!" und läuft samstagabends im türkischen Nachrichtensender A-Haber. Es ist eine Sendung, die die Welt aufteilt in die Türkei und den Rest der Welt. Und immer ist der Rest der Welt gegen die Türkei. Stets geht es den USA, dem Mossad, dem BND und jetzt dem ZDF um nichts anderes, als den Aufstieg der Türkei zu alter osmanischer Stärke zu verhindern.

A-Haber gehört wie viele andere regierungstreue Zeitungen und Sender zur Erdogan-nahen Mediengruppe Turkuvaz, die wiederum Teil der Calik-Holding ist, eines Industriekonzerns, dessen Chef bis vor Kurzem Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak war.

Aber Reporter Mevlüt Yüksel weiß sich als Retter in der Not zu präsentieren - als der Mann, auf den die Türkei sich in dunklen Stunden verlassen kann, weil er sich dem Feind stellt. In dieser Sendung ist die Türkei immer der Gewinner. Das Gute siegt über das Böse. Das ist keine Satire. Eine Menge Menschen in der Türkei nehmen die Sendung ernst, ein anderer Teil lacht darüber - wie so oft ist die türkische Gesellschaft gespalten.

Mevlüt Yüksel, der während der Sendung geradezu bebt vor Empörung über die angebliche Beleidigung des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, verkörpert das Gefühl vieler Türken. Zwar sehen viele eh in allem und jedem, der kritisch gegenüber Erdogan oder der türkischen Regierung ist, einen Feind.

Aber hört man genau hin, was viele Türken derzeit bewegt, was sie in Interviews sagen und in den sozialen Medien schreiben, fühlen sie sich bei Böhmermanns Worten an Ressentiments und Beleidigungen erinnert, die sie im Lauf ihres Lebens immer wieder erfahren haben. Hinweise auf Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit bringen einer gekränkten Seele wenig. Für sie ist Böhmermanns Text unabhängig vom Kontext ehrabschneidend und bösartig.

"Yaz Boz" versteht sich offenbar als Rächer der Gedemütigten, so muss man diese Sendung verstehen. Nur tut Mevlüt Yüksel das mit fragwürdigen Methoden. In der Zeitung "Takvim", deren Nachrichtenchef er ist und die ebenfalls zur Turkuvaz-Gruppe gehört, veröffentlichte er im Sommer 2013 ein Interview mit der CNN-Reporterin Christiane Amanpour. Darin bekannte die Journalistin, Grund für die ausführliche "parteiische" CNN-Berichterstattung über die Gezi-Proteste wären "Profitinteressen" gewesen. Auf einer hinteren Seite erst fand sich der Hinweis, dass es sich um ein "fiktives Interview" handelte. Man habe die "Lügen von CNN in gleicher Münze heimzahlen" wollen.

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