S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Die vergessenen Toten von Flug MH17

Zwei Talksendungen von Günther Jauch kreisten um Wladimir Putin. In 140 Minuten fand sich jedoch keine Sekunde Raum für die Toten von Flug MH17. Dabei weisen bei der Frage nach den Verantwortlichen für den Absturz immer mehr Spuren nach Moskau.

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Trümmerteile von MH17: Kein Wort bei Jauch
REUTERS

Trümmerteile von MH17: Kein Wort bei Jauch


Seit der Jauch-Sendung vom vergangenen Sonntag wissen wir, wie weit bei denjenigen, die solche Sendungen planen, die Erinnerung an die 298 Menschen reicht, die am 17. Juli im Luftraum über der Ostukraine ihr Leben ließen. 63 Minuten redeten die Talkgäste über Wladimir Putin - es war die zweite Sendung in Folge, die den russischen Präsidenten und seine geopolitischen Ideen zum Thema hatte. Die Toten von Flug MH17 kamen, wie schon am Sonntag zuvor, nicht ein einziges Mal vor. Kein Wort über den Abschuss der Malaysia-Airlines-Maschine, bei dem vieles dafür spricht, dass die Waffe aus Russland stammt. Keine Nachfrage des Moderators, warum man einem Mann vertrauen soll, der bis heute Lügen verbreiten lässt, wenn es um den Ablauf der Katastrophe geht.

Es hätte nahegelegen, näher auf den Absturz einzugehen, der vor vier Monaten die Welt entsetzte. Am Sonntagnachmittag hatten die Nachrichtenagenturen gemeldet, dass die Bergung der Trümmerteile durch internationale Ermittler abgeschlossen ist. Aber die Redaktion hat es nicht für nötig befunden, dazu einen Einspieler vorzubereiten oder einen Vermerk auf den Karten anzulegen, denen Jauch seine Stichwörter entnimmt. Stattdessen examinierte Gabriele Krone-Schmalz die Teilnehmer über die russische Auslegung des Völkerrechts.

Dass eine Rakete aus russischen Beständen MH17 im Flug traf, halten inzwischen Leute, die ihre Informationen nicht nur von "Russia Today" beziehen, für mehr als wahrscheinlich. Man muss dabei nicht dem BND glauben, der die Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Oktober anhand von Satellitenaufnahmen entsprechend unterrichtete. Oder den niederländischen Ermittlern, die schon im September zu dem Ergebnis kamen, dass ein Terroranschlag oder Unfall als Ursache des Absturzes praktisch ausgeschlossen ist. Man kann sich selber ein Bild machen. Man muss dazu nur auf die Enthüllungswebseite "Bellingcat" gehen und sich mit den Erkenntnissen vertraut machten, die Rechercheure um den britischen Blogger Eliot Higgins dort zusammengetragen haben.

"Bellingcat"-Recherchen ergeben dichte Indizienkette

"Bellingcat" arbeitet mit öffentlich zugänglichem Material wie Fotos, Karten und Videos, die sich im Netz bei Facebook, YouTube oder Twitter finden lassen. Die Rechercheure vergleichen diese mit Satellitenaufnahmen und Datenbanken, um sagen zu können, wo und wann ein Bild entstanden ist. Es ist ein mühsamer Prozess, der Geduld erfordert, aber es ist erstaunlich, was man auf diese Weise zutage fördern kann.

So hat das "Bellingcat"-Team nicht nur den Tieflader ausfindig gemacht, auf dem das Luftabwehrsystem am 17. Juli von Donezk in Richtung Snischne, nahe dem vermutlichen Abschussort, transportiert wurde. Das Team hat auch Fotos der 53. russischen Flugabwehrbrigade gefunden, die den Schluss zulassen, dass dieses Waffensystem Teil eines russischen Militärkonvois war, der sich zwischen dem 23. und 25. Juni nahe der ukrainischen Grenzen im Rahmen einer Übung bewegte. Es gibt sogar Aufnahmen, die den Tieflader nach dem Abschuss zeigen, bei der Fahrt durch das von Separatisten kontrollierte Luhansk: Von den vier Raketen, mit denen er ursprünglich beladen war, fehlt darauf eine, die zweite von rechts.

"Der endgültige Beweis, dass die Separatisten MH17 mit dem russischen Buk abgeschossen haben, sind auch die "Bellingcat"-Recherchen nicht", schreibt die "Zeit", die vor zwei Wochen in einem großen Artikel die Netz-Untersuchung erstmals ausführlich gewürdigt hat. "Aber sie ergeben eine dichte Indizienkette, in die sich die abgehörten Telefonate, die von der ukrainischen Regierung veröffentlicht und zunächst angezweifelt wurden, nahtlos einfügen." Denn auch das existiert ja: Gespräche und Netzeinträge, in denen sich die Freischärler brüsten, ein Flugzeug vom Himmel geholt zu haben. Erst als ihnen bewusst wurde, dass es sich um eine Boeing handelte, hörte die Prahlerei schlagartig auf.

Halbwahrheiten und Desinformation von russischer Seite

Die russische Regierung hat bis heute Halbwahrheiten und Desinformation zu dem Abschuss in Umlauf gebracht. Die Radardaten, die angeblich beweisen, dass sich ein ukrainischer Kampfjet der malaysischen Maschine bis auf drei bis fünf Kilometer genähert hat, blieb das russische Verteidigungsministerium bis heute schuldig. Ein Video, demzufolge sich die Buk-Raketen am Abend des 17. Juli in der Nähe von Krasnoarmijsk, also einer von der ukrainischen Armee kontrollierten Stadt, befand, ist eine Montage, wie "Bellingcat" herausgefunden hat.

Vielleicht wissen Leute wie Krone-Schmalz, die von sich behaupten, sie seien als Journalisten vor allem an Fakten interessiert, dies alles nicht. Vielleicht ist es ihnen auch egal, so wie ihnen egal ist, was mit den Waffen passiert, die Russland in die Ostukraine liefert, um dort einen Krieg am Leben zu halten. Warum man in der ARD allerdings die nächstliegenden Fragen ausspart, wenn man den russischen Präsidenten in einem halbstündigen Interview seinen Zuschauern präsentiert, ist ein Rätsel, das nur die Sendeverantwortlichen beantworten können.

Er sei "nicht der missionarische Typ", hat der ARD-Journalist Hubert Seipel bei Jauch erklärt, warum ihm Putin ein Exklusiv-Interview gewährt habe. Es habe auch keine Fragen gegeben, die man nicht habe stellen sollen und dürfen. Diese Auskunft ist angesichts des Ergebnisses fast niederschmetternder als es das Bekenntnis einer Absprache wäre.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
dieter-ploetze 25.11.2014
1. mit recht kein Thema einer Talkshow
da das noch nocht bewiesen ist,kann man auch kein Thema in dieser Richtung mit schuldzuweisung behandeln.ein Untersuchungsergebnis sollte ja wohl abgewartet werden können und nicht auf Gerüchte hin vorverurteilt werden.
wauz 25.11.2014
2. Fleischhauer lügt!
Es weisen keine Spuren nach Moskau. Niemand hat irgendetwas in der Hand, was die eine Ursachenfrage beim Absturz wirklich klären könnte. Jan Fleischhauer weiß das. Und behauptet trotzdem etwas anderes.
kopfrigger 25.11.2014
3. Wer braucht schon Indizien...
Auch die dichteste Beweiskette wird von den Verschwörungstheoristen in Frage gestellt.
mehrgedanken 25.11.2014
4. abwarten
Viel erschreckender finde ich dass keine Regierung hüben wie drüben sich massiv eingesetzt hat den zuständigen Ermittlern den Raum zu geben, ihre Arbeit zu machen. Normalerweise bekommen die die Ursache raus. DAS wäre entscheidend für Opferfamilien und Fluggäste. oder? Das Politikum kann sich anschliessend jeder je nach facon aussuchen. Dann ist es noch früh genug loszupoltern.
korrekturen 25.11.2014
5.
Jan Fleischhauer beklagt sich, dass G. Krone-Schmalz nichts über den Flug MH17 in einer Sendung gesagt hat. Ich weiß es nicht, ob das überhaupt mit dem Thema der Sendung zu tun hatte und inwiefern das relevant gewesen wäre. Er selbst aber hat in seinem Artikel nichts zum Massaker von Odessa gesagt, bei dem duzenden Leute verbrant wurden. Anders als im Fall vom Flugzeug, der möglicherweise das Ergebnis eines tragischen und schreklichen Fehlers war, wurde das Massaker von Odessa bewußt begangen. Er spricht von politischen Lügen, sagt auch nichts zu all den Lügen über Massenvernichtswaffen, die als Vorwand zu einem Krieg gedient haben mit hunderttausenden Opfer. Inkoherenz sollte Fleischhauer vielleicht bei sich selbst suchen.
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