Nach Singapur-Gipfel Warum Japan jetzt auch ein Treffen mit Kim erwägt

Donald Trump und Kim Jong Un haben nur vage Vereinbarungen unterschrieben. Dennoch hat ihr Treffen Auswirkungen auf die Nachbarstaaten, die in den Konflikt involviert sind. Wie soll es weitergehen? Der Überblick.

Donald Trump, Shinzo Abe
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Donald Trump, Shinzo Abe

Von , und , Washington, Tokio und Peking


Erst Seoul, dann Peking: Während US-Präsident Donald Trump längst wieder zurück in Washington ist, besucht sein Außenminister Mike Pompeo Hauptstadt nach Hauptstadt, um zu erläutern, was sein Chef mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un eigentlich vereinbart hat - und wie es nun weitergehen soll.

"Wir haben sehr deutlich gemacht, dass die Aufhebung der Sanktionen und die wirtschaftlichen Erleichterungen, die Nordkorea erfahren wird, erst nach der vollständigen Denuklearisierung erfolgen werden", sagte Pompeo zum Beispiel nach dem Treffen mit seinem chinesischen Amtskollegen Wang Yi.

Wenige Stunden zuvor hatte er bei Gesprächen in Seoul mit Top-Diplomaten aus Südkorea und Japan betont, dass die USA weiterhin am Ziel einer "vollständigen, überprüfbaren und unumkehrbaren" Denuklearisierung festhalten würden. Und sicherheitshalber auch noch erklärt, was die Amerikaner darunter verstehen: eine komplette atomare Abrüstung.

Berichten zufolge soll Japans Ministerpräsident Shinzo Abe nun auch selbst ein Gespräch mit Kim in Erwägung ziehen. Er prüfe eine Reise nach Pjöngjang im August, hieß es am Donnerstag.

So wollen die Regierungen nach dem Gipfel weiter vorgehen:

USA

Auch wenn US-Präsident Donald Trump sich jetzt selbst für sein Gipfeltreffen mit Kim Jong Un feiert, haben die Vereinigten Staaten in dem Poker mit Nordkorea noch nicht viel gewonnen. Zwar hat Kim Jong Un unter anderem zugesagt, keine weiteren Raketentests mehr abzuhalten. Doch sämtliche konkreten Schritte hin zu der angepeilten Denuklearisierung müssen erst noch besprochen werden.

Gleichzeitig beginnt China, Amerikas großer Rivale in der Region, die Sanktionen gegen Pjöngjang wieder zu lockern. Damit könnte Trump schon bald sein wichtigstes Druckmittel verlieren, um Kim Jong Un zur Abgabe seiner Atomwaffen zu bewegen. Womöglich wird das am Ende gar nicht mehr gelingen. Trump hätte dann dazu beigetragen, einem brutalen Diktator politische Legitimität und Anerkennung auf der internationalen Bühne zu verschaffen.

Im Video: Friedenskonferenz oder alles nur Show?

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Auch der von Trump zugesagte Stopp von Militärmanövern und eine mögliche Reduzierung von US-Truppen in der Region könnten für Washington langfristig Nachteile bringen. China würde so seinen Einfluss in Ostasien weiter stärken, die USA verlieren als Ordnungsmacht im Pazifik an Bedeutung.

China

China betrachtet sich als Gewinner des Gipfels von Singapur. Peking hatte sich offiziell immer für ein direktes Treffen zwischen Trump und Kim ausgesprochen; inoffiziell waren zuletzt aber Sorgen laut geworden, Washington könnte zu viel Einfluss in der Nordkorea-Frage gewinnen.

Ziel der chinesischen Außenpolitik ist seit dem Ende des Koreakriegs, den geopolitischen Rivalen USA auf Abstand zu halten, ja die US-Streitkräfte langfristig ganz aus dem westlichen Pazifik zurückzudrängen. Entsprechend zufrieden nehmen chinesische Kommentatoren Trumps Ankündigung zur Kenntnis, dass er die gemeinsamen Militärmanöver mit Südkorea beenden wolle, ja dass er sich langfristig sogar den Abzug amerikanischer Truppen aus Südkorea vorstellen könne.

Videoanalyse: Der Gewinner ist China

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Der sogenannte double freeze, also die gleichzeitige Einstellung von Atom- und Raketentests in Nordkorea und der Militärmanöver der USA und Südkoreas, ist exakt die Formel, die Peking schon vor Jahren als ersten Schritt zur Lösung der Korea-Frage vorgeschlagen hat. Frühere US-Administrationen hatten diesen Ansatz stets abgelehnt, weil er Nordkoreas Atom- und Raketentests und ihre Manöver auf eine Stufe stelle. Trump hat sich über diese Bedenken nun hinweggesetzt - und die Generäle der Volksbefreiungsarmee damit von einer Sorge befreit: Peking empfand die US-südkoreanischen Militärübungen nicht nur als Provokation des Bündnispartners Nordkorea, sondern als Bedrohung für China selbst.

Japan

Anders als der Rest der Welt interessierten sich die Japaner weniger für den Atomstreit mit Nordkorea als für ein nationales Anliegen: Vom Singapur-Gipfel erwarteten sie, dass US-Präsident Donald Trump sich gegenüber Diktator Kim Jong Un für japanische Landsleute einsetzen würde, die seit den Siebzigerjahren nach Nordkorea entführt und dort teilweise zu Spionagezwecken missbraucht wurden. Tatsächlich erfüllte Trump die Bitte von Premier Shinzo Abe und sprach das Schicksal der Verschleppten an.

Abe (r.) bei einem Treffen mit Angehörigen von nach Nordkorea verschleppten Japanern
AP

Abe (r.) bei einem Treffen mit Angehörigen von nach Nordkorea verschleppten Japanern

Abweichend von Pjöngjangs bisheriger Haltung soll Kim den Streitpunkt diesmal nicht als "bereits gelöst" abgetan haben. Vielmehr habe er sich aufgeschlossen für ein Treffen mit Abe gezeigt, verlautete am Donnerstag aus der Regierung in Tokio. Als möglichen Termin für einen solchen Gipfel ist der September im Gespräch. Ohne eine Lösung der Entführungsfrage dürfte Japan nicht bereit sein, sich an den umfangreichen wirtschaftlichen Hilfen zu beteiligen, die Trump den Nordkoreanern im Tausch für die Denuklearisierung in Aussicht gestellt hat.

Südkorea

Zunächst schien es, als laufe der Gipfel zwischen US-Präsident Donald Trump und Diktator Kim Jong Un ganz im Sinne der Entspannungspolitik von Südkoreas Präsident Moon Jae In. Doch dann kam der Schock für Moon und viele seiner Landsleute: Auf der Pressekonferenz gleich nach dem Gipfel kündigte Trump an, die regelmäßigen Militärmanöver der USA mit den südkoreanischen Verbündeten einzustellen. Sie würden zu viel kosten, sagte Trump, auch seien sie eine Provokation für den Norden.

Die Südkoreaner wurden von der Ankündigung völlig überrascht - und zutiefst alarmiert. Sie schürte Ängste, dass Trump die 28.500 US-Soldaten langfristig ganz aus dem Süden abziehen könne. Sie gelten nicht nur als Schutz gegenüber dem Norden, der den Süden im Koreakrieg einst überfiel und fast völlig überrannte. Ihre Präsenz gilt auch als Symbol für die Bereitschaft der USA, den Süden notfalls gegenüber dem mächtigen China zu verteidigen.

insgesamt 12 Beiträge
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neutralfanw 14.06.2018
1.
Trump ist zur Zeit sehr ruhig. Hat man ihn in Washington aufgeklärt? Er lobt sich im Moment nicht. Er ist Kim und China auf den Leim gegangen. Zu spät. Aus dieser selbst verbockten Situation muss er sich jetzt wieder befreien. Also wird er wieder zum Deal breaker.
Francois S. 14.06.2018
2. Kann mich nicht erinnern das ein großer Schritt für den Weltfrieden
so viel Bitterkeit bei unseren Medien ausgelöst hat. Das ist schon sehr, sehr merkwürdig. Gibts eine Erklärung dafur?
Benefranz2 14.06.2018
3. @2: Bitterkeit
Man kann es erklären. Ich hatte vor ein paar Tagen ziemlich ähnlich wie im Artikel dargestellt, wer Gewinner und Verlierer sind. Kurzfassung: Gewinner sind Weltfrieden, China, NK. Verlierer sind USA, Japan, SK und der gesamte Westen. Trump hat im Grunde genommen fast jede Position von der USA und somit vom Westen in Südpazifik geräumt, ohne dafür was zu bekommen. Vielleicht ist das gut für den Weltfrieden aber schlecht für westliche Ökonomien. Daher die Bitterkeit.
draco2007 14.06.2018
4.
Zitat von Francois S.so viel Bitterkeit bei unseren Medien ausgelöst hat. Das ist schon sehr, sehr merkwürdig. Gibts eine Erklärung dafur?
Welcher große Schritt? Sie meinen die Absichtserklärung von Kim? Diese Erklärungen gab es in der Geschichte von Nordkorea schon mind. 4 Mal. Jedesmal einseitig gebrochen. Oder meinen sie den Fakt, dass Donald Trump einen Diktator hoferiert, während er keine 48h vorher seine engsten Verbündeten brüskiert? Wissen sie wieso kein bisheriger Präsident einen nordkoreanischen Führer getroffen hat? Weil es eine Anerkennung des Regimes ist. Diesen "Regelbruch" kann man Trump sogar noch anrechnen, er ist nunmal "unkonventionell". Aber bei einem solchen Treffen nur heiße Luft zu produzieren, Zugeständnisse machen und einen Diktator so zu hoferieren, wie Trump es getan hat, das geht nicht. Vor allem nicht, wenn man in Betracht zieht, dass noch vor wenigen Monaten nichts anderes als Beledigungen und Drohungen aus der gleichen Richtung kam. Man kann nicht erst jemanden täglich als "little Rocketman" bezeichnen und dann als "sehr talentierten Führer". Man kann auch nicht vor dern UNO einem Volk von 24 Millionen mit der Vernichtung drohen, aber da sind wir wieder beim Thema "unkonventionell".
langenscheidt 14.06.2018
5. Notwändig
Nachdem der Irre aus Washington sich mit einem anderen Irren aus Nordkorea getroffen hat, ist es nötig zu erfahren, was wirklich beim Treffen vereinbart wurde. Da Trump der derzeit unberechenbarste Staatsmann ist, muss man den nicht ganz so unberechenbaren Staatsmann aus Nordkorea treffen und fragen. Trumps Elefanten-Porzellanladen-Trip nach Singapur macht Nordkoreas Kim nicht nur stärker sondern auch fester in seinem Sattel. Die Nachbarstaaten Nordkoreas freut es keineswegs.
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