Zu wenig Kinder in Japan Mit Macht zum Baby

Japan hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Die Regierung will einen Babyboom erzwingen. Doch junge Menschen - unter Druck im Job und bei der Versorgung der älteren Generation - weigern sich.

Mütter beim Babytanzen in Tokio:  Nur 1,4 Kinder pro Familie
AFP

Mütter beim Babytanzen in Tokio: Nur 1,4 Kinder pro Familie


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Die Bewohner der Zentralprovinz Aichi zelebrieren jedes Jahr im März ein traditionelles Fruchtbarkeitsfest. In Prozessionen wird ein überdimensionaler Penis auf einem tragbaren Schrein zum Heiligtum getragen, der die Shinto-Götter wohlgesonnen stimmen soll. Auch beim jährlichen Fest des Stahlpenis in Kawasaki bittet man traditionell um eine komplikationsfreie Niederkunft und Harmonie in der Ehe.

Was für Besucher aus anderen Kulturkreisen ein wenig befremdlich wirken mag, treibt in Japan niemandem die Schamesröte ins Gesicht. Das Thema ist sogar aktueller denn je. Denn der Mangel an Nachwuchs in der japanischen Gesellschaft ist ein allgegenwärtiges Thema.

Die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe will das Problem aber nicht allein den Göttern überlassen. Wie die "Japan Times" berichtet, soll ein eigens aufgelegtes Programm den japanischen Frauen das Kinderkriegen wieder schmackhaft machen. Nachdem zusätzliche Betreuungsplätze oder Finanzhilfen für Familien wenig Wirkung gezeigt hätten, denke man nun an unkonventionellere Maßnahmen.

Dazu gehört zum Beispiel die Idee, den Anteil der Väter, die direkt nach der Geburt eine Auszeit für ihre Kinder nehmen, bis 2020 auf rund 80 Prozent zu steigern. Auch die Akzeptanz der Elternzeit nach dem Vorbild des deutschen Modells soll verstärkt werden. 2013 waren es gerade 2,03 Prozent der Männer, die sich für einige Monate der Kindererziehung widmeten. Bis 2020 soll dieser Anteil auf 13 Prozent steigen. Das Konzept habe die Regierung am Donnerstag vorgelegt, berichtet die "Japan Times".

Wilde Ehen sind tabu

Der Entwurf versucht aber auch in Ansätzen, zur Wurzel des Übels vorzudringen. Ein großes Problem in Japan ist, dass die jungen Menschen seltener heiraten. Uneheliche Kinder oder "wilde Ehen" sind in dem ostasiatischen Land jedoch ein gesellschaftliches Tabu. Da den Autoren des Konzepts die Überwindung dieser gesellschaftlichen Normen offenbar zu langwierig erscheint, wollen sie den jungen Leuten die Ehe wieder schmackhaft machen - durch staatliche Heiratsvermittlungen, die in den einzelnen Regionen etabliert werden sollen.

Den Kampf gegen sinkende Geburtenraten führt Japan nicht erst seit der vergangenen Woche. Der demografische Trend mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit hält schon seit Jahren an. Im Sommer vergangenen Jahres hat deshalb schon ein Rat für Wirtschaft und Finanzpolitik der Regierung ein Konzept vorgelegt, das die Drei-Kinder-Familie quasi zum Staatsziel erhebt. 300.000 neue Betreuungsplätze für Grundschulkinder sollten geschaffen werden, damit die Eltern Vollzeit arbeiten können. Das Ziel: die Geburtenrate zu erhöhen, damit es auch in 50 Jahren noch mehr als hundert Millionen Japaner gibt.

Vom Ziel der Drei-Kind-Familie ist das Land jedoch weit entfernt. 2012 bekamen japanische Frauen im Schnitt 1,41 Kinder - etwas mehr als in Deutschland. In der Hauptstadt Tokio, einem Anlaufpunkt für junge Menschen aus allen Teilen des Landes, liegt die Quote derzeit bei nur 1,0. Sollte der Wert landesweit bis 2030 auf 2,07 steigen, werde es 2060 noch eine Bevölkerung von 105,4 Millionen geben, rechneten die Berater der Regierung vor.

Durchschnittsverdiener überfordert

Derzeit erscheint für viele junge Japaner eine Familie mit mehreren Kindern einfach nicht attraktiv. Nachdem sie sich durch das kostenintensive Bildungssystem mit stumpfer Paukerei und Prüfungsdruck gekämpft haben, wartet meist eine Arbeit auf sie, die kaum Zeit für Privates lässt. Immer weniger Menschen möchten dies ihren Kindern zumuten.

Eng verzahnt mit dem Problem der niedrigen Geburtenrate ist natürlich auch die Altenpflege. Die Heime sind entweder heillos überfüllt oder für eine Durchschnittsfamilie kaum bezahlbar. Wer also gleichzeitig arbeiten, sein Kind in einer guten Ausbildungsstätte unterbringen und den Großeltern ein würdiges Leben im Alter gewährleisten möchte, muss tief in die Tasche greifen - den Kostenaufwand können viele gar nicht leisten.

Ökonomen warnen bereits seit Längerem, die rapide schrumpfende und alternde Bevölkerung werde bald zu einem Mangel an Arbeitskräften führen. In manchen Branchen, wie der Bauindustrie, sei er bereits zu spüren. Anders als zum Beispiel die Vereinigten Staaten oder auch Deutschland, die den Geburtenrückgang durch Einwanderung ausgleichen, sieht die japanische Regierung in der Zuwanderung von Ausländern keinen Weg, um die Entwicklung umzukehren. Das sieht auch der kinderlose Ministerpräsident Shinzo Abe so.

Zusammengefasst:
Die Regierung in Japan kämpft mit niedrigen Geburtenraten. Nachdem finanzielle Anreize und zusätzliche Betreuungsplätze bislang wenig bewirkt haben, versucht es Shinzo Abe nun mit unkonventionellen Mitteln.

mik/nww

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