Von Andreas Lorenz
Berlin - Die Krise um acht kleine unbewohnte Inseln im Ostchinesischen Meer spitzt sich zu. Die Regierung in Peking droht dem Erzrivalen Japan mit Handelssanktionen, die Volksrepublik könnte sogar den Export wichtiger Rohstoffe stoppen.
Zudem haben zahlreiche chinesische Fischerboote Kurs auf die umstrittenen Inseln genommen, die auf chinesisch Diaoyu und auf japanisch Senkaku heißen. Die Botschaft ist klar: Die Boote sollen den Hoheitsanspruch Chinas demonstrieren. Schiffe der Küstenwache beider Länder patrouillieren derzeit in den Gewässern, die von beiden Staaten beansprucht werden.
Damit rückt ein Konflikt in den Vordergrund, der schon in der Vergangenheit immer wieder Streit zwischen Japan und China ausgelöst hat und der Ostasien in eine politische Katastrophe stürzen könnte.
Begonnen hat alles Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, als zwei Experten im Auftrag des Uno-Wirtschafts- und Sozialrats auf dem Kontinentalsockel zwischen Japan und China auf 80.000 Quadratmeilen Sedimente entdeckten, die vermutlich ölhaltig sind und womöglich so ergiebig sein könnten wie der Persische Golf.
Kaum war das Ergebnis der Untersuchung bekannt, wurden die Inseln zum internationalen Zankapfel. Zudem geht es um drei Gasfelder, die China begonnen hat zu erforschen. Japan fürchtet, die Chinesen könnten die Vorräte aus ihrem Territorium "absaugen".
Rechtliche Lage im Ostchinesischen Meer völlig unklar
Wie auch in der Südchinesischen See, wo China sich mit etlichen asiatischen Staaten um die Spratley- und Paracelinseln streitet, ist die rechtliche Lage im Ostchinesischen Meer völlig unklar. Die territorialen Konflikte dienen den Regierungen, von inneren Problemen abzulenken und nationalistische Gefühle zu schüren.
Der Streit um die Inseln ist überdies Folge wachsender wirtschaftlicher Konkurrenz der beiden ostasiatischen Rivalen. Dabei hatte KP-Patriarch Deng Xiaoping, dessen Wort bei den KP-Funktionären eigentlich noch immer Gesetz ist, 1972 den Streit so kommentiert: "Wir werden wohl keine Lösung finden, weil beide Seiten keine Ideen haben. Aber die nächste Generation ist vielleicht klüger und in der Lage, mit neuen Ideen aufzuwarten."
Neue Ideen, der Sache friedlich beizukommen, gibt es auf beiden Seiten bislang nicht. China und Taiwan, sonst einander spinnefeind, sind sich in diesem Fall einig: "Die Diaoyu-Inseln gehören uns" - präziser: Sie gehören demnach der Stadt Toucheng im Bezirk Yilan auf Taiwan.
Begründung: Chinesen hätten die Inselgruppe im 16. Jahrhundert gefunden. Als Beweis legen sie eine alte Seekarte vor, die auf einem Trödelmarkt in Nanjing gefunden wurde. Bis 1895 seien die Inseln vom Reich der Mitte verwaltet worden. Dann fielen sie nach dem japanisch-chinesischen Krieg an den Sieger Japan. Auch die Insel Taiwan, die Peking für sich beansprucht, wechselte damals übrigens den Besitzer, es wurde japanische Kolonie.
Japan hingegen behauptet, es habe die Senkaku-Inseln 1884 entdeckt und dort keine Spur gefunden, die darauf schließen ließe, dass jemand vorher, etwa Chinesen, dort gewesen sei. Tokio kontrollierte die Inseln von 1895 bis zu seiner Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945.
Beweise aus alten Atlanten, Zeitungsberichten, Geschichtsbüchern
Die Siegermächte entzogen 1945 in Potsdam den Japanern die Kontrolle über viele Inseln, so auch über die Senkakus. Die Amerikaner verwalteten sie bis 1972 und gaben sie schließlich an die Präfektur Okinawa zurück, was Pekings und Taipeis Diplomaten noch immer die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Um zu beweisen, dass Japan der rechtmäßige Besitzer ist, ziehen seine Politiker und Diplomaten offizielle chinesische Atlanten zwischen 1930 und 1960, diplomatische Noten, Zeitungsartikel und Geschichtsbücher der Taiwaner und Festland-Chinesen hervor. Die wiesen die Inseln bis 1979 ausdrücklich als japanisches Territorium aus.
Seit rund zehn Jahren zeigt Peking aber Zähne und schickt immer wieder Fischerboote, Flugzeuge und Kriegsschiffe in die umstrittene Region. Japans rechts-nationale Jugendliga antwortete mit dem Bau eines Leuchtfeuers auf einem der Eilande.
Beim Streit um die derzeitigen Besitzverhältnisse kommt aber noch ein weiterer Sachverhalt hinzu: Um die Jahrhundertwende kaufte der japanische Unternehmer Tatsushiro Koga vier Inseln, er siedelte dort 200 Leute an, um Fische zu verarbeiten. 1940 ging der Betrieb ein, seither lebt dort keine Menschenseele. Sein Sohn Yoshitsugu Koga starb 1978, seine Witwe verkaufte drei Inseln an einen gewissen Kurihara Kunitatsu weiter, der in Saitama nahe Tokio ein Hochzeitsgeschäft betreibt.
Derzeit hat die japanische Regierung die Inseln von ihm gepachtet und will sie nun für rund zwei Milliarden Yen (umgerechnet gut 19,6 Millionen Euro) kaufen - was die Chinesen maßlos erzürnt und die jüngsten anti-japanischen Demonstrationen auslöste. Was Tokio mit den Inseln vorhat, ist bislang unklar.
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