Nachruf auf Jaruzelski Held oder Verbrecher

General Wojciech Jaruzelski ist tot. Der Mann mit der Sonnenbrille hatte 1981 die Niederschlagung der Solidarnosc-Bewegung befehligt. Doch damit konnte er nicht verhindern, dass Polen als eines der ersten Länder die kommunistische Herrschaft abschüttelte.

AFP

Sein Markenzeichen war die Sonnenbrille, dick, schwarz und kastig. Er trug sie, seit er sich in sibirischer Verbannung eine Art Schneeblindheit zugezogen hatte. Er setzte sie nicht einmal ab, als er in der bitterkalten Nacht zum 13. Dezember 1981 vor die Kameras des polnischen Staatsfernsehens trat und verkündete, er sei jetzt der Machthaber und der Kriegszustand sei über das Land verhängt.

Die steife Ansprache von General Wojciech Jaruzelski machte dem polnischen Frühling ein Ende: 1980 hatte die Gewerkschaft Solidarität unter Lech Walesa den kommunistischen Machthabern viele Rechte abgerungen. Sie war die erste legale nicht-kommunistische Arbeitervertretung im Ostblock. Doch nach etwas mehr als einem Jahr rissen die Kommunisten unter Führung des Generals das Heft wieder an sich. Tausende Solidarnosc-Funktionäre, darunter Walesa, wurden festgenommen. Bei Straßenschlachten kamen mindestens 56 Menschen ums Leben.

Jaruzelski wurde 1923 in Kurow geboren. Er besuchte vor dem Krieg ein katholisches Internat in Warschau. 1939 floh die Familie vor den Deutschen nach Litauen. Als das Land 1940 von der Sowjetunion annektiert wurde, wurde die Familie nach Sibirien verschickt. Jaruzelski kehrte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges als polnischer Soldat einer unter Stalins Kontrolle stehenden Armeeeinheit nach Polen zurück. In der Volksrepublik macht er schnell Karriere und wurde in den Sechzigerjahren Verteidigungsminister.

Bis heute wird ihm vorgeworfen, unter dem Decknamen "Wolski" auch für die polnische Stasi gearbeitet zu haben. Jaruzelski hat das immer bestritten. Sicher ist aber, dass er damals Anhänger einer harten Gangart gegen jede Form der Abweichung war. Als 1970 Arbeiter in Danzig rebellierten, war er mitverantwortlich dafür, die Menge zusammenschießen zu lassen. Bilanz: 44 Tote.

Über die Verhängung des Kriegszustandes elf Jahre später wird bis heute heftig gestritten: Warf Jaruzelski damit die Demokratiebewegung um Jahre zurück? Oder verhinderte er durch den Schritt ein größeres Übel, nämlich einen Einmarsch der Sowjetunion wie 1968 in Prag? Das halten ihm viele in Polen, zum Beispiel Ex-Präsident Aleksander Kwasniewski, zugute. Sogar Walesa besuchte 2011 den todkranken Jaruzelski in der Klinik und reichte ihm die Hand zu einer späten Versöhnung. Andere allerdings wollten Jaruzelski für die Toten von 1970 und 1981 hinter Gittern sehen. Ein Prozess musste mit Rücksicht auf die Krebserkrankung des Generals abgebrochen werden.

Jaruzelskis Machtübernahme in jener Winternacht 1981 konnte die Demokratie-Bewegung auf Dauer nicht aufhalten. Die Solidarnosc existierte im Untergrund weiter. Um 1988 war das kommunistische System politisch, wirtschaftlich und moralisch bankrott. Am Runden Tisch wurde der friedliche Übergang zur Demokratie herbeiverhandelt. Und Lech Walesa, der Elektriker aus Danzig, folgte dem General ins Präsidentenamt.



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