Jassir Arafat Der Getriebene seiner Vision

Der einst weltweit geachtete Palästinenserführer ist auf dem besten Weg als gescheiterter Revolutionär in die Geschichte einzugehen. Die beste Chance hat Jassir Arafat vertan. Als sein Traum von der Gründung des Staates Palästina zum Greifen nah war, zögerte er.

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Schwer zu durchschauen: Jassir Arafat
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Schwer zu durchschauen: Jassir Arafat

Es fehlte nur ein Handschlag, damals, im Sommer 2000 in Camp David. Jassir Arafat war nur diese eine Geste von der Erfüllung seines Jahrzehnte alten Traumes entfernt: der Gründung des Staates Palästina. Doch er schlug nicht ein, als ihm der damalige israelische Regierungschef Ehud Barak so weit entgegenkam wie noch keiner zuvor. Für den Politiker Arafat war es damals sicher verlockend, die ausgestreckte israelische Hand zu greifen - für den Revolutionär und Taktiker in ihm undenkbar. "Wollen Sie zu meiner Beerdigung kommen?", begründete er gegenüber dem damaligen US-Präsidenten und Verhandlungsführer Bill Clinton seine Ablehnung. Er musste deutlich mehr mit nach Hause bringen, als Barak geben wollte - oder eben gar nichts. Radikale Palästinensergruppen hatten ihm kaum verhüllte Drohungen mit auf den Weg in die USA gegeben.

Seit damals sind keine ernsthaften Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern mehr geführt worden. Bald nach Camp David begann die Intifada II. Inzwischen gilt schon jeder Tag ohne Terror auf der einen oder anderen Seite als friedliche Phase - und davon gibt es nur sehr, sehr wenige. Ginge es nicht um Leben und Tod, könnte man die Kontrahenten mit einem zänkischen alten Ehepaar vergleichen, bei dem keiner dem anderen nachgeben will.

Ariel Scharon, israelischer Ministerpräsident, altgedienter Militär und mit Arafat in jahrzehntelanger Feindschaft verbunden, wäre den Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde lieber heute als morgen los. Wenn nicht die Gefahr bestünde, dass Arafat als toter Märtyrer noch weitaus gewaltiger wirken könnte als zu Lebzeiten.

Dabei ist der alte Mann bereits ein Denkmal -trotz aller Fehlentscheidungen, Niederlagen und inzwischen auch körperlichen Gebrechen. Seine Hände und Lippen können das Zittern schon lang nicht mehr verbergen - er leidet seit Jahren an der Parkinsonschen Krankheit. Jassir Arafats Gesicht ist aufgedunsen, und hartnäckig halten sich die Gerüchte, er könne sich inzwischen nur noch schlecht konzentrieren, schlafe noch weniger als früher. Schon 1998 meinte der PLO-Chef, er lebe vielleicht nur noch kurze Zeit. Doch bis heute liegt das Schicksal des palästinensischen Volkes größtenteils in seiner Hand.

Arafat zu durchschauen war immer schwer. Der 72-Jährige liebt es, sich mit einem Hauch von Geheimnis zu umgeben - nur sehr wenig gab er von sich preis. Ein Mysterium ist schon der Geburtsort: Er selbst sagt, das sei Jerusalem, möglicherweise war es Gaza. Vieles spricht allerdings dafür, dass er in Kairo als Sohn eines reichen Textilhändlers unter dem Namen Mohammed Abd al-Rauf Arafat al-Kudwa geboren wurde.

Schon als Teenager engagierte sich Arafat im Kampf gegen die damalige britische Mandatsmacht in Palästina und militante zionistische Gruppen. Während des ersten israelisch-arabischen Krieges 1948 schmuggelte er Waffen für die arabischen Truppen. Anfang der fünfziger Jahre schrieb er sich in Kairo für das Studienfach Elektrotechnik ein. Dabei verfolgte er seine politischen Ziele weiter: Schnell avancierte er zum Präsidenten der Palästinensischen Studentenvereinigung.

1957 ging er für acht Jahre nach Kuwait, wo er eine erfolgreiche Baufirma betrieb. In einem "Playboy"-Interview sagte er einmal, dabei sei er fast zum Millionär geworden. Sein Kampf für einen Staat Palästina lief parallel dazu weiter, Arafat gründete 1959 die militante Organisation "Fatah". Zehn Jahre später wurde diese in die PLO (Palästinensische Befreiungsorganisation) aufgenommen und Arafat zu deren Präsident gewählt. Trotz viel Streit, Rivalität und heftiger Flügelkämpfe blieb er es bis heute.

In den vergangenen 40 Jahren wandelte sich der Mann, der stets mit Keffiya (Palästinensertuch) und in der gleichen Phantasieuniform auftritt, vom Terroristen zum Präsidenten - allerdings bis heute eines Volkes ohne Staat. Zwar gibt es in den Autonomiegebieten Gaza und Westjordanland inzwischen ein Parlament, einen (kürzlich von den Israelis zerbombten) Flughafen und eine eigene Polizei. Doch wenn der Regierungschef mit dem Hubschrauber von seinem Haus in Gaza ins Westjordanland fliegen will, dann muss er jedes Mal Israel um Erlaubnis bitten - für Arafat eine unerträgliche Schmach. Derzeit erübrigt sich das allerdings: Die israelische Armee hat die beiden Helikopter kürzlich zerschossen.

Der Missionar in Sachen Palästina hat so viele Staats- und Regierungschefs getroffen wie kaum ein anderer. Unvergessen bleibt sein legendärer Auftritt vor der Uno-Generalversammlung in New York 1974 als er die Palästinadebatte mit umgeschnallter Pistole eröffnete. 1994 erhielt er gemeinsam mit Jizchak Rabin und Simon Peres den Friedensnobelpreis, nachdem Arafat und Rabin mit einem historischen Handschlag das bis heute nicht umgesetzte Friedensabkommen von Oslo besiegelt hatten.

Er verfolgte manchmal eine dramatisch falsche Taktik: etwa 1971, als er vergeblich versuchte Jordaniens König Hussein zu stürzen und die PLO daraufhin für Jahre politisch schwer angeschlagen war oder 1990, als er sich im Golfkrieg mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein solidarisierte und deswegen die reichen arabischen Ölstaaten ihre Spenden an die PLO weitgehend einstellten, was die Organisation in arge Finanznöte stürzte. Doch er erwies sich als politisches Stehaufmännchen: Arafat ist bis heute nahezu das einzige lebende Symbol der nationalen Identität der Palästinenser. Wenn auch inzwischen Kritik laut wird, das Volk verehrt ihn. Sein Konterfei hängt in jedem Haus.

Obwohl die nachfolgenden Generationen längst in den Startlöchern stehen: Arafat ist noch immer derjenige, der die Massen zum Kämpfen auf die Straße bringt. Arafat ist ein Getriebener seiner Vision.



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