Exhumierung in Ramallah: Die Arafat-Verschwörung

Von , Beirut

Hatte Jassir Arafat Aids? Wurde er mit Polonium vergiftet? Welche Rolle spielte seine Witwe? Rund um den legendären Palästinenser-Chef werden wilde Verschwörungstheorien erzählt. Das wird auch so bleiben - selbst wenn sein Leichnam jetzt exhumiert worden ist.

Arafat mit Ehefrau Suha (Aufnahme von 2004): Exhumierung in Ramallah Zur Großansicht
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Arafat mit Ehefrau Suha (Aufnahme von 2004): Exhumierung in Ramallah

So chaotisch sein Begräbnis war, so minutiös wurde seine Exhumierung geplant: Die Autonomiebehörde in Ramallah überließ am Dienstagmorgen nichts dem Zufall, als Knochenproben von der Leiche des 2004 verstorbenen Palästinenserführers Jassir Arafat entnommen wurden: Der Mukataa genannte Sitz der palästinensischen Präsidenten, in dessen Hof Arafat beigesetzt ist, war weiträumig abgeriegelt. Von den zigtausend Palästinensern, die sich hier vor sechs Jahren drängten, um ihren Anführer zu Grabe zu tragen, keine Spur. Sicherheitsleute hielten Neugierige auf Abstand, Fernsehkameras war der Blick auf das kubistische Mausoleum am Dienstagmorgen durch blaue Planen versperrt.

Was hinter dem Sichtschutz vor sich ging, soll Aufklärung zu einem der wohl am heißesten diskutierten Todesfälle der vergangenen Jahrzehnte bringen: Woran starb Arafat - der Terrorist, der sich im Laufe eines langen, kämpferischen Lebens bis zum Friedensnobelpreisträger gewandelt hatte? Experten aus Frankreich, der Schweiz und Russland sollen das Rätsel nun lösen. Vorangetrieben wurde die Exhumierung des Palästinenserführers von seiner Witwe Suha. Sie erstattete in Frankreich Anzeige wegen Mordes, die französische Justiz nahm deshalb Ermittlungen auf.

Zur Vorgeschichte: Mitte Oktober 2004 lebte der damals 75-jährige Arafat als De-facto-Gefangener Israels unter Hausarrest in der Mukataa, als er plötzlich erkrankte. Schwerer Durchfall, ständiges Erbrechen, rapider Gewichtsverlust: Arafats Leibärzte konnten ihrem Patienten keine Linderung verschaffen. Nach zwei Wochen erlaubte Israel seinem einstigen Erzfeind die Ausreise. Die Bilder, wie ein abgemagerter Arafat sich tapfer lächelnd zu einem wartenden Hubschrauber schleppte und ein letztes Mal seine Anhänger grüßte, gingen um die Welt.

Nach Arafats Tod machen Verschwörungstheorien die Runde

Der Schwerkranke wurde nach Frankreich geflogen. Zwei Wochen später starb der PLO-Führer dort in einem Militärkrankenhaus. Die Frage nach der Art der Infektion, die Arafat dahingerafft hatte, ließen die Ärzte offen.

Und so machten, kaum dass Arafat unter der Erde war, Verschwörungstheorien die Runde. Die zwei gängigsten: Israel hat ihn vergiftet - davon ist bis heute ein großer Teil der Palästinenser überzeugt, ebenso wie Arafats Witwe. Bei seinen Gegnern findet eine andere Erklärung großen Anklang: Arafat war schwul und starb an Aids, glauben viele Israelis.

Die Vergiftungstheorie bekam im Sommer dieses Jahres neuen Aufwind, als der Nachrichtensender al-Dschasira die Ergebnisse einer neunmonatigen Recherche präsentierte. Demnach haben Wissenschaftler des Schweizer Instituts für Strahlenphysik in Lausanne erhöhte Polonium-Werte in Arafats Hinterlassenschaften gemessen. Besitztümer des Kranken - seine Unterwäsche, eine Zahnbürste, sogar eins seiner legendären Palästinensertücher - sollen bis zu zehnmal so viel des radioaktiven Elements aufgewiesen haben wie Vergleichsgegenstände. "Ich kann bestätigen, dass diese Gegenstände, die mit Herrn Arafats Körperflüssigkeiten befleckt sind, nicht erklärbare erhöhte Wert von Polonium 210 aufweisen", sagte der Institutsdirektor François Bochud in der al-Dschasira-Dokumentation.

Israel kann kaum Interesse gehabt haben, Arafat zu töten

Polonium wurde der breiten Öffentlichkeit ein Begriff, als 2006 der ehemalige KGB-Agent und spätere Putin-Kritiker Alexander Litwinenko an den Folgen einer durch Polonium 210 verursachten Strahlenkrankheit starb. Eine britische Untersuchung des Falls ergab, dass ihm das Gift mittels eines verseuchten Tees verabreicht worden war. Litwinenkos Krankheitssymptome vor seinem Tod ähnelten denen Arafats.

Doch selbst wenn sich herausstellen sollte, dass Arafat durch Polonium vergiftet wurde: Die Frage, wer hinter einem solchen Giftmord steckte, wäre dadurch nicht beantwortet. Israel kann Ende 2004 eigentlich kaum Interesse daran gehabt haben, den Palästinenserführer zu töten. Jerusalem musste im Gegenteil daran gelegen sein, den alten Mann so lange wie möglich an der Macht zu halten.

Denn dass der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon stets auf die terroristische Vergangenheit Arafats hinweisen konnte, bot ihm eine hervorragende Entschuldigung, nicht in ernsthafte Friedensverhandlungen mit den Palästinensern zu treten. Es gebe keinen Partner auf palästinensischer Seite, hieß es in Jerusalem, wann immer die internationale Gemeinschaft auf eine Lösung des Nahost-Konflikts drängte.

Mit Arafat starb auch diese bequeme Ausrede: Sein Nachfolger Mahmud Abbas genießt großes internationales Ansehen. Israel muss sich seit dem Amtsantritt von Abbas die Frage gefallen lassen, warum es selbst mit einem gemäßigten Mann wie dem Fatah-Führer nicht in Verhandlungen tritt.

Wollte Suha Arafat ihren Status als Märtyrerwitwe verbessern?

Es gibt Leute, die die Machtübernahme von Abbas nach dem Tode Arafats als Beweis dafür ansehen, dass Verschwörer innerhalb der palästinensischen Elite den PLO-Chef aus dem Weg geräumt haben könnten. Abbas und Arafats langjähriger Berater Bassam Abu Scharif hätten den Tod des PLO-Führers geplant - um sicherzustellen, dass sie nach seinem Tod ans Ruder kämen, behauptet zum Beispiel der Fatah-Dissident Faruk Kaddumi. In Ramallah hört man solche Anschuldigungen ungern. Nachdem al-Dschasira 2009 von Kaddumis Vorwürfen berichtet hatte, wurde der Sender für eine Weile verboten.

Einige Beobachter sehen die Untersuchung von Arafats Überresten als geglücktes Ablenkungsmanöver seiner Witwe. Suha Arafat ist seit dem Tod ihres Mannes permanent in Schwierigkeiten. In Frankreich laufen Ermittlungen wegen Unterschlagung gegen die 49-Jährige. Tunesien, das sie nach dem Tod ihres Gatten aufgenommen hatte, setzte sie 2007 vor die Tür. Inzwischen hat Tunis einen Haftbefehl wegen Korruption gegen sie ausgestellt. Neuer Wirbel um Arafats Tod könne ihr da sehr gelegen kommen, schrieb Amos Harel in der israelischen Zeitung "Haaretz". Es sei nicht ausgeschlossen, dass Suha sich auf dem Schwarzmarkt eine geringe Menge Polonium besorgt und die Kleidung ihres Mannes nachträglich verunreinigt habe, um ihren Status als Märtyrerwitwe zu verbessern.

Mittels akribischer Untersuchungen will das nun gebildete Expertenteam Licht ins Dunkel um den Tod Arafats bringen. Nützlich sein wird die Tatsache, dass Polonium extrem selten ist. Sollten sich Spuren des Elements in Arafats sterblichen Überresten finden, so könnten Experten im Idealfall durch die Isotopenzusammensetzung feststellen, woher es stammt.

Bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse werden allerdings noch bis zu vier Monate vergehen: Genug Zeit, um noch einige neue Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Perfekt!
hxk 27.11.2012
Zitat von sysopDie Autonomiebehörde in Ramallah überließ am Dienstagmorgen nichts dem Zufall, als Knochenproben von der Leiche des 2004 verstorbenen Palästinenserführers Jassir Arafat entnommen wurden: Der Mukata genannte Sitz der palästinensischen Präsidenten, in dessen Hof Arafat beigesetzt ist, war weiträumig abgeriegelt. Sicherheitsleute hielten Neugierige auf Abstand, Fernsehkameras war der Blick auf das kubistische Mausoleum am Dienstagmorgen durch blaue Planen versperrt.
Die Exhumierung wird nicht nur von den Palästinensern durchgeführt, sondern erfolgt auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Was wollen wir wetten, dass jetzt Giftspuren an seinen Überresten gefunden werden? Was den Rest des Artikels angeht, so hätte ich von Qualitätsjournalisten Hintergrundinformationen über Polomium erwartet. Wenn man die kennt, wundert man sich dass jetzt, aber nicht 2004 Polonium gefunden wurde. Blick auf die Welt – Giftmord mit Polonium (http://beer7.wordpress.com/2012/11/27/juden-vergiften/)
2. wäre echt der Hammer
tz88ww 27.11.2012
wenn man jetzt ein Aidsvirus bei ihm finden würde. Bin echt gespannt ;-)
3. Alles Verschwörungstheorien...
Virgin_Mary 27.11.2012
Waren die "Achsenmächte" anno dazumal auch eine Verschwörungstheorie?
4. weshalb
eastsider_zh 27.11.2012
informiert Spon nicht auch über die Tatsache, dass aufgrund der geringen Halbwertszeit von Pollonium beim Todeszeitpunkt von Arafat die Konzentration um ein millionenfaches höher hätte sein müssen und diese Tatsache alleine schon eine Polloniumvergiftung ausgeschliesst? Arafat ist infolge fortgeschrittenem Alter krankheitsbedingt verstorben. Aber die PR nützt natürlich Pallywood.
5.
holy10 27.11.2012
"Mittels akribischer Untersuchungen will das nun gebildete Expertenteam Licht ins Dunkel um den Tod Arafats bringen. Nützlich sein wird die Tatsache, dass Polonium extrem selten ist. Sollten sich Spuren des Elements in Arafats sterblichen Überresten finden, so könnten Experten im Idealfall durch die Isotopenzusammensetzung feststellen, woher es stammt." So ein Unsinn!! Plonium 210 findet man in jedem Tabak. Damit sollte sich jeder selbst ein bild von der Seltenheit dieses Stoffes machen können. Oder einfach mal Polonium und Tabak bei Google eingeben.
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