Familienstreit an der Spitze des Front National Vater muss weg

Bei den Le Pens ist die lange schwelende Familienkrise eskaliert. Front-National-Gründer Jean-Marie durchkreuzt die Pläne seiner Tochter Marine, die französischen Rechtsextremen hoffähig zu machen. Jetzt reicht's ihr.

Marine und Jean-Marie Le Pen: Auf Distanz
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Marine und Jean-Marie Le Pen: Auf Distanz


"Tieftraurig" sei sie, schrieb Marine Le Pen am Vormittag auf ihrer Facebook-Seite. Fast hätte man erwartet, dass auch ihr Porträt daneben entsprechende Regungen zeigt. Aber das tut es natürlich nicht. Das Bild zeigt sie im - genau: marineblauen Blazer. Den Blick fest in die Kamera gerichtet, das blonde Haar adrett geföhnt.

Sie ist seit 2011 Chefin des Front National (FN) und mittlerweile ein politisches Schwergewicht in Frankreich. Nun betrübt es Le Pen, dass sie tatsächlich das Führungsgremium ihrer Partei einberufen muss, um gemeinsam zu beraten, wie man die "politischen Interessen des Front National am besten schützen" könne.

Vor wem?

Vor ihrem Vater, Jean-Marie Le Pen, 86 Jahre alt.

Vor demjenigen, der die Partei 1972 gründete und der 2002 in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen gegen Jacques Chirac antrat. Der bis heute den Ehrenvorsitz der "Bewegung" innehat. So nennen FN-Anhänger ihre Partei - sicher auch, um damit den Rückenwind auszudrücken, der sie begleitet, seit Marine Le Pen die Chefin ist.

Seit die Tochter 2011 das Amt der Vorsitzenden von Jean-Marie Le Pen übernahm, soll sich die Mitgliederzahl mehr als vervierfacht haben. Seither gilt der Front - anders als früher - vielen Franzosen als denkbare Alternative zu den beiden etablierten Parteien, zur konservativen UMP und zum sozialistischen PS.

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Familienkrach in Frankreich: Le Pens Provokationen
Das zeigen die konstant guten Wahlergebnisse, nicht zuletzt das der Departementswahlen. Dabei hatte der FN im März zum ersten Mal auch lokale Kandidaten aufgestellt und gleich mehr Stimmen auf sich vereinigt als die regierenden Sozialisten.

Das zeigt aber auch die Präsenz des FN-Personals in den Medien. Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Partei noch quasi geächtet. Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an dem ihre Granden oder auserkorene Subalterne nicht morgens, mittags, abends im Radio oder Fernsehen ihre Sicht auf die Dinge erklären.

"Tieftraurig" und wahrscheinlich auch stinksauer

Auch diese ständige Präsenz ist nun zum Problem zwischen Marine Le Pen und ihrem Vater Jean-Marie geworden. Man darf deshalb annehmen, dass Tochter Le Pen jetzt nicht nur "tieftraurig" ist, sondern auch stinksauer, denn wenn ihr einer in kurioser Regelmäßigkeit ihre Erfolge vergällt - die mittlerweile selbst von politischen Gegnern anerkannt werden -, dann ist das vor allem ihr eigener Vater.

Jean-Marie war immer das Ungeheuer der französischen Politik: Vom Anhänger der radikalen Bewegung der Poujadisten wurde er im Laufe der V. Republik zur rechtsextremen Wuchtbrumme, die man als aufgeklärter Franzose mit Verve und forschen Worten verurteilen konnte. Schwieriger wurde das Ganze, als Marine Le Pen übernahm. Sie verschrieb sich der Aufgabe, den Front zu "entteufeln" (Dédiabolisation), ihn also mehr Richtung politische Mitte zu führen. Das Konzept geht auf - bisher. Aber es ist natürlich schwer, einer Partei das Böse auszutreiben, wenn der Hexenmeister weiter als Ehrenpräsident fungiert.

Den norwegischen Attentäter Anders Breivik nannte Jean-Marie Le Pen einen "Unfall"; er grüßt mitunter mit der sogenannten Quenelle, einer Geste des früheren Komikers und heutigen Antisemiten Dieudonné. Nach dem gigantischen Erfolg des FN bei den Europawahlen drohte Papa Le Pen mit maliziösem Lächeln dem jüdischen Sänger Patrick Bruel mit einer "Ofenladung". Seine Äußerung, die Gaskammern seien lediglich ein "Detail der Geschichte", scheint der Alte geradezu mit Genuss zu wiederholen, gespannt, welchen Widerhall sie diesmal findet.

Immer wieder betont Jean-Marie Le Pen, dass er die Strategie seiner Tochter für falsch hält. Er möchte nicht, dass die Bewegung den Namen ändert; es scheint fast, als gönne er seiner Marine den Erfolg nicht. Der Front National, das scheint sein Wunsch zu sein, soll lieber eine furchterregende Randerscheinung bleiben. Eine, die sich eher über rhetorische Entgleisungen definiert als über wirklichen politischen Einfluss.

"Er will mir offenkundig schaden"

Für Marine Le Pen scheint er den Bogen damit endgültig überspannt zu haben: Es handle sich hier nicht mehr um einen Familienkrach, erklärte sie am Mittwoch, sondern um "eine Krise, wie es sie vorher so nie gab". Das will etwas heißen in dieser Familie, die nicht nur durch engen Zusammenhalt gekennzeichnet ist, sondern auch durch Brüche.

Jean-Marie Le Pen befinde sich "in einer Spirale des politischen Suizids", sagte Marine Le Pen. Und fügte hinzu: "Er will mir offenkundig schaden."

Das ist ein neuer Ton, zuvor hatte sie Unstimmigkeiten mit dem Familienoberhaupt zwar nicht beiseitegewischt, aber öfter zärtlich ummantelt: Die Beziehung zwischen ihr und dem Vater sei wie der Himmel über der Bretagne, sagte sie zum Beispiel. Es stürmt, aber dann scheint auch wieder die Sonne.

Als sicher darf gelten, dass Jean-Marie Le Pen nach der neuerlichen Entgleisung seinen Herzenswunsch, im Dezember bei den wichtigen Regionalwahlen zu kandidieren, nicht erfüllt bekommt. Für die Region Provence-Alpes-Côte d'Azur steht jetzt Marion Maréchal-Le Pen, 25, bereit. Bitter für den Alten: Selbst seine Lieblingsenkelin, bisher stets loyal ihm gegenüber, hat sich dieses Mal lautstark von ihm distanziert.

Gemeinsam mit ihrer Tante Marine wird sie die Reihen schließen, das "Wohl der Partei" und den weiter wachsenden Einfluss derselben auf das Land fest im Blick.

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insgesamt 29 Beiträge
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mandelkow 08.04.2015
1. fassade
Jean-Marie Le Pen ist das wahre Gesicht dieser auf antisemitischen Reflexen beruhenden Partei, Marine ist lediglich ein Schaufenster.
franzmann68 08.04.2015
2. Natürlich darf Jean-Marie Le Pen bei den Regionalwahlen kandidieren.
Natürlich darf Jean-Marie Le Pen bei den Regionalwahlen kandidieren. Jeder darf kandidieren, mit oder ohne Unterstuetzung irgenwelcher Partei. Jean-Marie Le Pen hat in 'Provence Alpes Cote d'Azur' bei den Europawahl vor wenigen Monaten 33% gekriegt. Seine Name ist den Waehlern genauso gekannt, wie die Name der Partei die er gegründet hat. Auch wenn er rausfliegt kann er genug Stimmen kriegen, um in der lokalen Parlament trotzdem gewaehlt zu werden.
blauervogel 08.04.2015
3. Eine Frau zum Fürchten
Mehr noch als Marine Le Pen fürchte ich Marion Maréchal-Le Pen, die mit Ihrem jugendlichen Charme und gutem Aussehen, viele junge Wähler ansprechen wird und mit entsprechendem Abstand zu Ihrem Großvater den Rechten Ton in der französischen Politik noch weiter salonfähig machen könnte. Marine wird vielleicht nicht die erste Präsidentin werden, zu groß scheinen mir noch die Vorbehalte und zu sehr wird sie noch mit Ihrem Vater verbunden, wie mir Freunde berichten. Marion aber traue ich die Präsidentschaft bei kluger Entwicklung zu. In den zu erwartenden europa- und weltweiten wirtschaftlichen schweren Zeiten, wird die Idee einer europäischen Einheit, die uns bislang stabile politische Verhältnisse in Westeuropa bescherte, vielleicht nicht, oder nur teilweise überleben. Die zentrale wirtschaftliche Partnerschaft und politische Freundschaft von Frankreich und Deutschland sind die Klammer für die europäische Einheit. Wenn aber in Zukunft ein französischer Nationalismus sich wieder mehr an alter vergangener Größe einer Grand Nation orientiert, dürfte die unterschiedliche wirtschaftliche Stärke von Deutschland und Frankreich vielleicht zu einem Gegeneinander und damit zum Ende der EU führen. Für den Fall eines Sieges des Front National hoffe ich trotz Allem auf den Sieg des weiblichen Pragmatismus und der Vernunft: Letztendlich entscheiden Frauen doch mehr mit dem Stirn- als mit dem Mittelhirn.
achimasche 08.04.2015
4.
So eine Le Pen wäre auch ewas für die BRD. Man wird ja noch mal träumen dürfen...
franzmann68 08.04.2015
5. Quelle?
Ich lese hier, dass die FN-Anhänger ihre Partei inszwischen "die Bewegung" nennen, und nicht mehr "le Front National"? Ich lebe seit eh und je in diesem Land (FR), ich sympathisiere mit vielen Aspekten dieser Partei, und es ist mir total neu, dass die FN-Anhänger von der eigenen Name distanzieren.
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