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US-Republikaner Jeb Bush in der Krise: Kandidat im Schockzustand

Von , Washington

Präsidentschaftskandidat Jeb Bush: Einfach weitermachen - trotz allem Zur Großansicht
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Präsidentschaftskandidat Jeb Bush: Einfach weitermachen - trotz allem

Mit teils grotesken Fehlern stolpert Jeb Bush durch den Vorwahlkampf, seine Aussichten auf die Präsidentschaftskandidatur schwinden. Was ist los mit dem Republikaner?

Sie mussten mal reden. Wann, wenn nicht jetzt? Der Vater kam, George Herbert Walker Bush, Präsident Nummer 41. Der Bruder kam, George Walker Bush, Präsident Nummer 43. Man traf sich am Wochenende in einem Hotel in Houston, und am Ende ging der Bruder vor die Mikrofone und rief: "Es muss doch in diesem Wahlkampf um die Frage gehen, wer in der Lage ist, das Weiße Haus zu gewinnen!"

Es hat derzeit alles etwas leicht Verzweifeltes in der Kampagne von Jeb Bush. Donald Trump beleidigt Gott und die Welt und wird dafür noch belohnt. Ben Carson nuschelt ein paar abenteuerliche Thesen in die Kameras und steht in Umfragen bestens da. Nur Profi Bush, den sich vor ein paar Monaten noch so viele Amerikaner als Präsidenten wünschten, kämpft gegen die Bedeutungslosigkeit. Sein Clan versteht die Welt nicht mehr.

Dabei ist es eigentlich gar nicht so schwer zu erklären. Es gibt eine Reihe von Gründen für den so unglücklichen Zustand von Bushs Kampagne. Manche liegen auf der Hand, andere sind komplizierter, alle hängen irgendwie miteinander zusammen. Aber das eigentlich Tragische aus Bushs Sicht ist, dass er für die eigene Lage nur bedingt verantwortlich ist - also auch nur beschränkten Einfluss darauf hat, sie zum Besseren zu wenden.

"Viele andere coole Dinge"

Sicher, da sind die Fehler, er macht ganz eindeutig zu viele davon. Mal meint Bush bei der Gesundheitsversorgung von Frauen ein gewisses Sparpotenzial erkennen zu können und verprellt damit die weibliche Wählerschaft. Mal fordert er, dass Amerikaner für wirtschaftlichen Aufschwung länger arbeiten müssten und irritiert damit die Malocher. Dann wieder sagt er frustriert, er müsse ja nicht Wahlkampf machen, es gebe auch "viele andere coole Dinge", die er tun könne, und stößt damit all jene vor den Kopf, die für ihn ums Weiße Haus kämpfen.

Richtig ist auch, dass Bush das Charisma fehlt. Punkten will er mit politischem Handwerk, nicht mit Jovialität oder steilen Thesen. Bush hat Ahnung von Wirtschaft, er interessiert sich für Außenpolitik und sieht im Regierungshandeln nicht immer nur Teufelszeug. Doch weil er gemerkt hat, dass Fachwissen in diesen Vorwahlen (noch) nicht wirklich ankommt, versucht er, hin und wieder mal etwas Kerniges von sich zu geben, Stichwort längeres Arbeiten. Dass das oft als Patzer interpretiert wird, liegt auch daran, dass die Rhetorik nicht zu ihm zu passen scheint. Ihr fehlt die Authentizität.

Aber es spricht viel dafür, dass der Republikaner auch ohne die Fehler und mit mehr Elan dort stünde, wo er sich jetzt befindet. Eine der Erklärungen für seine Misere lautet, dass er den falschen Nachnamen mitbringe. Das stimmt, hat aber weniger mit der problematischen Amtszeit seines Bruders zu tun.

Politisch werden die Bushs von vielen Konservativen noch immer geschätzt, selbst George W. Bush wird von der Mehrheit der Amerikaner positiv gesehen. Systemisch aber verhält es sich mit dem Namen Bush anders. Das Problem ist, dass die vier Buchstaben zu einer Chiffre für eine bestens vernetzte und von Großspendern getragene Politikerkaste geworden ist. Das ist genau jene Spezies, mit der viele Republikaner momentan sehr wenig anfangen können, die in ihren Augen Washington und das ganze Land korrumpieren. Trump und Carson, die außerhalb der Politik groß geworden sind, profitieren von dieser Stimmung.

Bushs Teufelskreis

Jeb Bush wird bestraft, was ein Stück weit ungerecht ist. Er hatte mit nationaler Politik vor seiner Kandidatur weniger Berührungspunkte als seine Verwandten. Sein Hintergrund ist unkonventionell. Er hat eine mexikanischstämmige Frau, spricht fließend Spanisch. Aber er hat sich mit mächtigen Geldgebern arrangiert und ist der Darling des "Establishments". Mitgefangen, mitgehangen. Bush ist das Opfer des Zeitgeists in seiner Partei.

Er ist in einer unmöglichen Situation. Bush kann sich weder von seiner Familie lossagen, noch sie vollumfänglich umarmen. Er kann seinen Spendern nicht entsagen, aber jeder neue Dollar lässt ihn noch käuflicher erscheinen. Greift er Trump an, riskiert er seinen Ruf als Schwiegersohnpolitiker. Lässt er ihn gewähren, wirkt es, als wehre er sich nicht, und seine Geldgeber werden nervös. Kandidatur im Teufelskreis. Einziger Ausweg: abwarten. Bis die Partei eventuell doch noch irgendwann erkennt, dass es sich bei Trump und Carson um politische Traumtänzer handelt. Aus eigener Kraft, so würde man es im Fußball sagen, kann er seinen Abstieg nicht verhindern.

Am Abend ist die nächste TV-Debatte in Colorado. Glaubt man Bushs Leuten, hat er sich viel vorgenommen. Der Vater und der Bruder haben ihm am Wochenende ein paar Ratschläge für die Fernsehschlacht gegeben. Einfach weitermachen, so scheint die Devise.

Trotz allem.

Zum Autor
Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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insgesamt 104 Beiträge
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1.
andihh75 28.10.2015
Vielleicht ist der mit seinem Wirtschafts- und Klientel denken einfach zu dämlich und macht es sich zu einfach!
2.
c.PAF 28.10.2015
"Es muss doch in diesem Wahlkampf um die Frage gehen, wer in der Lage ist, das Weiße Haus zu gewinnen!" Nö. Es muß darum gehen, wer in der Lage ist, diese Nation vernünftig zu regieren.
3. Die Bushs haben bereits genügend Elend gebracht,
vantast64 28.10.2015
wird Zeit, daß diese Familienbande zum Ende kommt. Wundere mich, daß GW.Bush noch immer frei ist, die Beweise für Kriegsverbrechen sind erdrückend. Wer googelt "Bush family crime", wird sich nicht wundern, wenn er politisch interessiert ist.
4. Zu schön, um wahr zu sein
schorri 28.10.2015
Wäre ja schön, wenn Amerika vom nächsten Bush verschont bliebe. Zumal der feine Junior der Dynastie schon bei der ersten Wahl seines Bruders, damals als Gouverneur von Florida, schon seine politische Visitenkarte abgegeben hat.
5. Noch einer aus der Bush-Bande
Bernhard.R 28.10.2015
Der Vater George Bush hatte nicht den Mum, nach dem Überfall auf Kuwait den Irak unter Saddam Hussein 1991 entscheidend zu schlagen. Sein Sohn George W. Bush hat 2003 den Irak erneut, diesmal entgegen dem Völkerrecht überfallen. Jeb Bush hat erklärt, das er das auch getan hätte. Darin liegt eine Mißachtung des internationalen Rechts und die Gefahr neuer Kriege. Nein danke.
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