Vorwahl in New Hampshire Das letzte Gefecht der Bushs

Jeb Bushs Präsidentschaftskandidatur sollte die Ehre der Familie retten. Doch der berühmte Name half ihm bislang nichts. Freunde und nervöse Geldgeber haben ihm jetzt ein Ultimatum gestellt.

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Aus Nashua, New Hampshire, berichtet


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Jeb Bush seufzt: "Die sogenannten Experten haben es ja längst entschieden", klagt er. "Sie tun, als seien die Vorwahlen schon vorbei."

Der Republikaner steht in einer zugigen Turnhalle in Nashua in New Hampshire. Um ihn herum sitzen mehrere Hundert Wähler auf Klappstühlen, an den Wänden hängen riesige Sternenbanner und Wahlkampfplakate ("Jeb!"). Townhall nennen sie das - eine Bürgerstunde, bei der sich ein Kandidat ausfragen lassen muss. Für viele ist das ein unangenehmer Pflichtakt.

Für Jeb Bush dagegen ist es die letzte Chance.

"Ich hoffe, dass Sie am Dienstag für mich stimmen", sagt er. Als das Publikum freundlich klatscht, bedankt er sich verblüfft: "Thank you!"

Floridas Ex-Gouverneur war im Sommer mit hohen Ansprüchen in den Vorwahlkampf der US-Republikaner eingestiegen. Er hatte den Namen, die Erfahrung, die Connections - und vor allem das Geld. "Ich trete an, um zu gewinnen", tönte er damals selbstbewusst.

Doch acht Monate und 100 Millionen Dollar Kosten später liegt Bushs Traum, seinem Vater und Bruder ins Weiße Haus zu folgen, in weiter Ferne. Erst schmierte er in den Umfragen ab, zur Lachnummer degradiert von Donald Trump. Dann kam er bei den ersten US-Vorwahlen in Iowa nur auf 2,8 Prozent - weit hinter seinem früheren Protegé Marco Rubio, der ihn kaltstellte, um sich als heimlicher Sieger zu profilieren.

Die Vorwahlen in New Hampshire könnten für den glücklosen Bush entscheidend werden. Freunde und nervöse Geldgeber haben ihm ein Ultimatum gestellt: Sollte er am Dienstag nicht ein überraschend gutes Ergebnis hinlegen, möge er bitte aufgeben. Nur so könnte er der Familie und der Partei weitere Qualen ersparen - und seinen Finanziers die Chance geben, sich hinter einen Besseren zu stellen, um Trumps Aufstieg doch noch zu bremsen.

"Wenn Rubio ihn in New Hampshire hoch schlägt, ist Jeb erledigt", sagte sogar Senator Lindsey Graham der "New York Times". Graham begleitet Bush hier auf allen Terminen als einer seiner treuesten Vasallen. Bush müsse entweder "mit Rubio gleichziehen oder ihn schlagen".

Doch es geht es nicht nur darum, die Republikaner vor einem nicht wählbaren Kandidaten (Rubio, Trump, Ted Cruz) zu retten. Es geht auch um eine der lange mächtigsten US-Dynastien, deren politischer Fortbestand plötzlich in den schweißklammen Händen des Juniors liegt.

Also geben sie Jeb Bush geschlossen Flankenschutz. Ehefrau Columba und seine Söhne George P. und John sitzen stets in der ersten Reihe, in Nashua ebenso wie bei einem ähnlichen Townhall-Auftritt in Salem. Ex-Präsident George W. Bush wirbt derweil in einem ungewollt ironischen TV-Spot für den jüngeren Bruder: "Erfahrung und Urteilskraft zählen im Oval Office." Er hatte einst in New Hampshire haushoch verloren, sich die Nominierung dann aber trotzdem ergattert.

Selbst die 90-jährige Mutter Barbara, als "Vollstreckerin" bekannt, mühte sich am Freitag durchs Schneegestöber, um in MaryAnn's Diner in Derry von Tisch zu Tisch zu ziehen. Obwohl sie Jeb noch 2013 von einer Kandidatur abgeraten hatte: "Wir hatten genug Bushs."

Bush ließ sich verspotten, verhaspelte sich, bettelte um Applaus

Die anfängliche Strategie, seinen Familiennamen zu ignorieren, um sich nicht an die kontroverse Amtszeit des Bruders fesseln zu lassen, hat Jeb Bush inzwischen aufgegeben. "Ich bin stolz darauf, der Sohn von Barbara Bush zu sein", sagt er in Nashua. "Ich bin stolz darauf, der Bruder von George W. Bush zu sein." Beim Publikum kommt das an.

Womöglich aber ist es zu spät. Zu lange schlafwandelte Bush durch den Vorwahlkampf. Ließ sich verspotten, verhaspelte sich bei müden Gegenattacken, bettelte um Applaus. Erst bei der jüngsten TV-Debatte zeigte er Mumm, indem er Trump als herzlosen Immobilienhai abkanzelte.

Seine Mimik und Gestik sprechen jedoch eine andere Sprache: Immer wieder zuckt Bush mit den Schultern, als sei ihm das Geschäft der politischen Anbiederei peinlich. Beißt sich auf die Lippen, hebt die Arme zur hilflosen Gebärde, lässt sie dann wieder fallen.

Auch sein eigenartiger Humor verpufft. "Haben Sie jemals versucht, eine Beutelratte zu fangen?", fragt er in Salem. "Ganz schön schwer."

Sein schlimmstes Manko bleibt sein durch und durch konventioneller, gänzlich unbemerkenswerter Wahlkampf. Seine Botschaft - und seine Botschafter - brandmarken ihn als Mann der Vergangenheit. Das spürt man auch bei den Townhall-Events. Dort hebt er kaum die Stimme und verliert sich in ernst gemeinten Diskussionen, die viele aus dem Saal treiben.

Doch noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Bei der Debatte am Samstag strauchelte Rubio schwer: New Jerseys Gouverneur Chris Christie bezeichnete ihn als Roboter, der nur auswendig gelernte Phrasen wiederhole. "Stimmen Sie am Dienstag für mich", flehte Bush also in Nashua. "Ich werde Sie nicht enttäuschen - ich verspreche es!"


Zusammengefasst: Die Vorwahlen im US-Bundesstaat New Hampshire könnten über das politische Schicksal von Jeb Bush entscheiden. Schneidet der Republikaner wieder so schlecht ab wie zuvor in Iowa, sind seine Chancen aufs Weiße Haus trotz seiner berühmten Familie verschwindend gering. Deshalb hofft er darauf, dass seine Rivalen patzen.

Sehen Sie hier Jeb Bush im Videoporträt:

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
yvowald@freenet.de 09.02.2016
1. Rückzug von Jeb Bush
Hat die Präsidentenfamilie Bush nicht schon genug politische Fehlleistungen erbracht? Insbesondere die heuchlerische und unredliche Kriegspolitik des Jeb-Bruders George W. sollte allen denkenden Amerikanerinnen und Amerikanern doch die Augen geöffnet haben? Den Bushs geht es nur um Kapitalexpansion und noch mehr Einfluß im US-Geschäftsleben. Und vor allem beim Militär-Industrie-Komplex soll das Bush-Vermögen exorbitant wachsen. Deshalb wäre es gut, wenn der letzte Bush-Vertreter sich aus der Politik zurückziehen würde. Gut für Amerika. Vermutlich ja.
Untertan 2.0 09.02.2016
2.
---Zitat--- Doch der berühmte Name half ihm bislang nichts ---Zitatende--- Berühmt? Oder berüchtigt?
Rotauge 09.02.2016
3. he he
die beiden vorrangegangenen Bush haben nichts getaugt,jetzt nochmal solch ein Cowboy?ich glaub es nicht.
thechamelion3 09.02.2016
4. Bush und Clinton
haben das selbe Problem: Sie haben gerade ihre regierende Eltie satt. Obama war unkonvetionell, aber hat nicht das gehalten was sich die Amerikaner von "Yes we can" erhofft hatten. Jetzt lehnen sie das Etabslishment mitvoller Kraft ab, und das spricht gegen Jeb Bush wie gegen Hillary Clinton. Den beide sind aus der Elite per Excellance, und nur deshalb hat ein Polemiker wie Trump aktuell beste Karten. Man kann nur hoffen das die Vernunft doch noch durch kommt. Selbige Tendenzen zeigen sich uebrigens auch hierzulande, die Menschen sind von einer verschleierten "Basta Politik" ala Alternativlos enttaeuscht und wollen zuminderstens eine ehrliche Debatte. Daher steht auch die AFD so gut, vertritt sich doch andere Thesen als alle anderen Partein und spricht wenigstens Probleme an, die andere Partein erstmal ignoriert haben.
hugahuga 09.02.2016
5.
Die Kennedys, die Clintons, die Bushs - schon recht ungewöhnlich für eine Demokratie. Und - soweit mir bekannt - gibt es in dem Land keine Erbmonarchie, oder?
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