Bürgerkrieg Die Schlacht um Jemens Nadelöhr

Im Jemen steht der Kampf um den wichtigsten Hafen des Landes bevor. Die Gefechte dürften die Versorgung der Millionen bedürftigen Menschen im Bürgerkriegsland noch schwieriger machen.

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Hudaida ist das Nadelöhr, durch das die spärliche humanitäre Hilfe in den Jemen gelangt. Rund 80 Prozent der Hilfslieferungen in das Bürgerkriegsland passieren den Hafen am Roten Meer. Doch nun droht diese Versorgungslinie gekappt zu werden, denn es steht eine folgenreiche Schlacht um die wichtigste und größte Hafenstadt des Landes bevor.

Seit fünf Jahren kontrollieren die Huthi-Rebellen Hudaida. Die Aufständischen eroberten die Stadt 2013 von den Regierungstruppen im Zuge ihres Vormarschs vom Nordjemen in den Süden. Ein Jahr später marschierten die Milizionäre in der Hauptstadt Sanaa ein, vertrieben die Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und brachten schließlich große Teile des Landes unter ihre Kontrolle.

Der große Nachbar Saudi-Arabien reagierte darauf mit einer Militäroperation, die seit mehr als drei Jahren andauert. Im Bündnis mit den Vereinigen Arabischen Emiraten (VAE), anderen arabischen Partnern und lokalen Verbündeten im Jemen, versucht Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammed bin Salman die Huthis von der Macht zu vertreiben. Das Bündnis macht nur langsame Fortschritte.

Ungefährer Frontverläufe im Jemen
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Ungefährer Frontverläufe im Jemen

Doch nun sind Anti-Huthi-Truppen von Süden bis auf wenige Kilometer auf Hudaida vorgerückt. Augenzeugen berichten von schweren Gefechten am Rande des Flughafens, der wenige Kilometer südlich des Stadtzentrums liegt.

Der eigentliche Kampf um die Stadt wird in den nächsten Tagen beginnen, seit vergangenem Mittwoch starben in den Vororten nach Angaben von Medizinern mindestens 110 Menschen. Schon jetzt ist rund jeder vierte der 400.000 Einwohner aus Hudaida geflüchtet. Hilfsorganisationen rechnen damit, dass in den nächsten Tagen 200.000 weitere vertrieben werden könnten. Durch die Kämpfe droht der Hafen auf absehbare Zeit außer Betrieb gesetzt zu werden. Für die 18 Millionen Jemeniten, die auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen sind, bedeutet das eine drohende Katastrophe.

Einstige Verbündete kämpfen nun gegeneinander

Zwar hat die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition angekündigt, sie werde alles unternehmen, um Zivilisten und die zivile Infrastruktur in Hudaida zu schonen, doch die Huthis werden die Stadt um jeden Preis verteidigen. Der Anführer der Rebellen, Abdulmalik al-Huthi, hat erbitterten Widerstand angekündigt: "Ich rufe die Einwohner von Hudaida und alle Jemeniten auf, sich den Invasoren gemeinsam entschieden entgegenzustellen", sagte Huthi in einer Ansprache.

Zu wichtig ist der Hafen für die Miliz. Weniger wegen des Waffenschmuggels aus Iran, den die Rebellen eher anderswo abwickeln. Aber die Huthis erheben Zölle und Steuern auf die Waren, die über Hudaida importiert werden. Laut Schätzungen sollen sie dadurch rund 30 Millionen US-Dollar pro Monat einnehmen.

Die Truppen, die jetzt kurz vor Hudaida stehen, kämpften bis vor einem halben Jahr noch an der Seite der Huthis. Sie stehen unter dem Befehl von Tareq al-Saleh - dem Neffen des einstigen Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh, der das Land von 1978 bis 2012 regiert hatte. Nach seinem Sturz hatte sich der Saleh-Clan mit den Huthis verbündet, doch diese Allianz zerbrach Ende vergangenen Jahres. Anfang Dezember 2017 töteten die Rebellen Ex-Präsident Saleh.

Sein Neffe Tareq befehligt die Überreste der Republikanischen Garden, die einst den Kern des Sicherheitsapparates bildeten. Nach dem Tod seines Onkels verbündete sich der Mittvierziger mit den VAE. Salehs Truppen, Söldner im Auftrag der Emirate und lokale Kämpfer sind nun entlang der jemenitischen Westküste auf dem Vormarsch. Die saudi-arabische Luftwaffe unterstützt die Offensive mit Luftangriffen.

Emirate wollen die Küste kontrollieren

Doch noch wichtiger ist die Kontrolle über den Küstenstreifen für die VAE. Für die Häfen in Dubai und Abu Dhabi ist die Sicherung der Seewege durch den Golf von Aden und das Bab al-Mandab, das das Arabische mit dem Roten Meer verbindet, von größter Bedeutung. Denn diese Route nehmen Schiffe aus Europa. Erst in der vergangenen Woche beschossen die Huthis ein türkisches Containerschiff im Roten Meer mit einer Rakete. Das Geschoss richtete nur geringen Schaden an, unterstreicht aber die strategische Bedeutung des Küstengebiets.

Doch nicht jeder Huthi-Gegner ist glücklich darüber, dass der Saleh-Clan nun wieder in vorderster Front mitmischt und vom Ausland protegiert wird. Das gilt besonders für die Anhänger der islamistischen Islah-Partei. Sie war einst die größte Oppositionsbewegung gegen Salehs Herrschaft, Hunderte ihrer Mitglieder wurden vom Regime gefoltert und getötet. Nun bekämpft Islah mit Unterstützung Saudi-Arabiens die Huthi-Rebellen. Nur haben sie kein Interesse dadurch am Ende wieder einem Saleh zur Rückkehr an die Macht zu verhelfen.

Die Schlacht um Hudaida droht daher, die humanitäre Lage im Jemen weiter zu verschärfen, ein Ende des Krieges und des Machtkampfes im Jemen ist aber weiter nicht in Sicht.


Zusammengefasst: Hudaida ist der wichtigste Hafen des Jemen. Rund 80 Prozent aller Hilfslieferungen für das Bürgerkriegsland werden hier abgewickelt. Nun könnte der Hafen auf absehbare Zeit außer Dienst genommen werden. Denn Kämpfer der jemenitischen Regierung wollen mit Hilfe Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate die 400.000-Einwohner-Stadt von den Huthi-Rebellen zurückerobern. Die Miliz hat erbitterten Widerstand angekündigt.



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ambulans 05.06.2018
1. meinen
sie, herr sydow, das ("das bündnis macht nur langsame (sic!) fortschritte")? wirklich im ernst - ein "bündnis", das mithilfe terroristischer luftangriffe bereits 10.000e ins jenseits befördert und weitere hunderttausende dem "sicheren" hungertode zuführen will (wenn das nicht schon passiert ist)? was hat diese koalition (SA/MbS, VAE, usw.) dort eigentlich zu suchen bzw. was dürften die überhaupt tun? leute so einfach umbringen - wie sie es, wie inzwischen leider üblich, durch söldner erledigen lassen - jedenfalls nicht ...
BoMbY 05.06.2018
2. Bürgerkrieg?
So nennt man das jetzt also wenn ein Land von den USA und Saudi-Arabien überfallen wird?
Beat Adler 05.06.2018
3. Die Houthis griffen auf Befehl Irans im Jemen nach der Macht.
Zitat von BoMbYSo nennt man das jetzt also wenn ein Land von den USA und Saudi-Arabien überfallen wird?
Die Houthis griffen auf Befehl Irans im Jemen nach der Macht. Daraus wird nun die VT, dass USA und Saudi Arabien den Jemen angriffen? Im SPON Artikel wird die Reihenfolge der Ereignisse richtig dargestellt. Es genugt es zu lesen.
fleischwurstfachvorleger 05.06.2018
4. Interne Angelegenheiten
Zitat von Beat AdlerDie Houthis griffen auf Befehl Irans im Jemen nach der Macht. Daraus wird nun die VT, dass USA und Saudi Arabien den Jemen angriffen? Im SPON Artikel wird die Reihenfolge der Ereignisse richtig dargestellt. Es genugt es zu lesen.
Mag schon sein, dass die Huthis vom Iran unterstützt werden, das gibt aber weder S-A, noch den USA das Recht den Jemen in die Steinzeit zurück zu bomben.
ambulans 05.06.2018
5. >beat adler (#3, oben),
Zitat von Beat AdlerDie Houthis griffen auf Befehl Irans im Jemen nach der Macht. Daraus wird nun die VT, dass USA und Saudi Arabien den Jemen angriffen? Im SPON Artikel wird die Reihenfolge der Ereignisse richtig dargestellt. Es genugt es zu lesen.
kleiner, aber hilfreicher tipp fürs kommentieren: wenn sie auch noch zwischen "inland" (hier: etwa "huthi") und "ausland " (z.b. "saudi arabien" u.a.) unterscheiden würden ...
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