Kämpfe im Jemen Revolte befeuert Machtkampf zwischen Saudis und Iran

Chaos in Arabiens ärmstem Land: Die Huthi-Rebellen versuchen mit einem Putsch die Macht im Jemen zu übernehmen. Sie haben den Präsidentenpalast angegriffen und das Staatsfernsehen unter ihre Kontrolle gebracht.

Huthi-Kämpfer in Sanaa: Schwere Kämpfe in Jemens Hauptstadt
AP/dpa

Huthi-Kämpfer in Sanaa: Schwere Kämpfe in Jemens Hauptstadt

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Sanaa/Hamburg - Die Plakate sind in Jemens Hauptstadt allgegenwärtig: "Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam!", steht auf den Bannern, die an der Lehmmauer der historischen Altstadt von Sanaa prangen und die entlang der Hauptstraßen angebracht sind.

Auf den Postern prangt die offizielle Losung der Huthi-Rebellen, die seit September große Teile von Sanaa unter ihrer Kontrolle haben. Die Huthis sind nach der Familie benannt, die die Bewegung anführt. Sie gehören der Minderheit der Zaiditen an. Dieser Strömung des schiitischen Islam folgt etwa ein Drittel der Jemeniten. Die Miliz kämpft seit etwa zehn Jahren gegen die Zentralregierung, die von der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit dominiert wird.

Am Montag haben Huthi-Einheiten offenbar den Versuch gestartet, Präsident Abd Rabbuh Mansur al-Hadi endgültig gewaltsam zu stürzen. Seit dem Morgen liefern sich die Rebellen mit den Regierungstruppen schwere Gefechte rund um den Präsidentenpalast. Beide Seiten beschossen sich gegenseitig unter anderem mit Artillerie. Über dem Gebäude stieg dichter Rauch auf. Augenzeugen berichten von zahlreichen verletzten Anwohnern. Die Huthi-Rebellen riefen die Bevölkerung zur Flucht auf.

Schüsse auf den Konvoi des Regierungschefs

Präsident Hadi verkündete am Vormittag einen Waffenstillstand, dieser wurde jedoch nicht eingehalten. Am Mittag geriet der Autokonvoi von Ministerpräsident Khaled Bahah im Stadtzentrum unter Beschuss, der Politiker soll den Angriff aber unverletzt überlebt haben. Der Staatschef, der sich selbst fast nie im Präsidentenpalast aufhält, soll bereits aus Sanaa geflohen sein, inzwischen haben die Rebellen auch das Staatsfernsehen und die Nachrichtenagentur Saba unter ihre Kontrolle gebracht.

Mit dem Putschversuch erreicht der Machtkampf im Jemen seinen vorläufigen Höhepunkt. Seit der Wiedervereinigung des Landes 1990 kämpft die Regierung in Sanaa einerseits gegen eine überwiegend säkulare Unabhängigkeitsbewegung im Süden und andererseits gegen islamistische Strömungen. Da sind zum einen sunnitische Extremisten wie die Terrorgruppe al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) und zum anderen die schiitischen Islamisten wie die Huthi-Rebellen.

Der autoritär herrschende Staatschef Ali Abdullah Salih ging mit harter Hand gegen die Aufständischen vor. Nach Massenprotesten im Zuge des Arabischen Frühlings übergab Salih im Januar 2012 die Macht an seinen Stellvertreter Hadi. Eigentlich sollte Hadi nur zwei Jahre lang amtieren, die Neuwahlen 2014 wurden jedoch abgesagt.

Seit seiner Amtsübernahme ist der Staatschef jedoch zusehends zu einem Präsidenten ohne Macht geworden. Seine Regierung hat die Kontrolle über zahlreiche Provinzen verloren.

Ex-Diktator Salih soll die Huthi-Rebellen unterstützen

Hadis Unterstützer machen den gestürzten Machthaber Salih für den Vormarsch der Huthi-Rebellen mitverantwortlich. Der Ex-Diktator, der selbst jahrelang gegen die Aufständischen gekämpft hatte, soll nun ein Bündnis mit der Miliz geschlossen haben. Er habe loyale Stammeskämpfer nach Sanaa entsandt, um die Huthi-Milizionäre zu unterstützen. Offenbar erhofft sich Salih, der selbst Zaidit ist, dadurch wieder mehr Einfluss auf die Regierung.

Der Konflikt im Jemen ist zugleich Schauplatz des Machtkampfes zwischen Saudi-Arabien und Iran um Einfluss im Nahen Osten. Das Königshaus in Riad beschuldigt seinen Erzfeind in Teheran, die Aufständischen zu finanzieren und auszurüsten. Mithilfe der Rebellen wolle das schiitische Regime einen Brückenkopf auf der Arabischen Halbinsel errichten, so der Vorwurf.

Saudi-Arabien sieht sich selbst als Ordnungsmacht im Jemen, begreift diese Rolle aber in erster Linie als Schutzpatron der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit. Deshalb ignorierte die Führung auch über viele Jahre das Erstarken sunnitischer Dschihad-Gruppen in seinem Nachbarland. Heute gilt die im Jemen ansässige Qaida-Filiale als gefährlichster Zweig des Terrornetzwerks. Die Gruppe übernahm die Verantwortung für den Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo", einer der Kouachi-Brüder soll im Jemen ausgebildet worden sein.

So wird das ärmste arabische Land zerrissen in einem Machtkampf von verfeindeten Milizen, die kein Interesse an Kompromissen, an Demokratie oder an einer positiven Entwicklung des Landes haben. Selbst wenn die Huthi-Rebellen nun vollständig die Macht im Jemen übernehmen sollten - eine militante Gegenbewegung wird nicht lange auf sich warten lassen.

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gandhiforever 19.01.2015
1. Boeser Iran
Iran soll die Aufstaendischen mit Geld und Waffen unterstuetzen, waehrend Saudi-Arabien die sunnitische Bevoelkerungsmehrheit unterstuetzt. Wenn dem so ist, dann scheinen die westlichen Sanktionen gegen Teheran nicht gerade wirkungsvoll zu sein. Man koennte aber auch vermuten, dass Saudi-Arabien hilft, Minderheiten zu unterdruecken. Geld haben sie ja genug.
realistano 19.01.2015
2. wundersam
Es wundert mich, dass die USA und Saudi Arabien bisher millitärisch nicht eingegeriffen haben. Wo bleiben die US Drohnen ? Wo bleibnen die 200 Deutsche Panzern ,die an Saudi geliefert wurden? Oder gibt es inzwischen neue Allianzen etwa mit Teheran?
nesmo 19.01.2015
3. Der Kampf
zwischen Sunniten und Schiiten beherrscht immer mehr die Agenda im arabischen Raum. Die dahinter stehenden Mächte Saudi-Arabien und Iran sind jeweils Staaten mit fundamentalistischen Islamglauben, den sie als Waffe für ihren Kampf um die Vorherrschaft einsetzen. Dieser Teil der Welt scheint bis auf weiteres für Demokratien nach westlichem Muster verloren. Es geht jetzt nur noch darum , ob sich Sunniten oder Schiiten durchsetzen. Und dies für jedes Nachbarland, in dem sich der Islam erstarkt.
Atheist_Crusader 19.01.2015
4.
"Gott ist groß! Tod den USA! Tod Israel! Verdammt seien die Juden! Sieg dem Islam!" Selbst seit Jahrhunderten nichts gebacken bekommen, jahrzehntealte Waffen von Atheisten benutzen aber immer noch so sehr von der eigenen Großartigkeit überzeugt sein. Das würde schon fast Bewunderung verdienen, wenn das Ignorieren der Realität eine Leistung wäre. Aber ich setze mein Geld da lieber auf die Amis und die Israelis. Gott ist vielleicht groß, aber er steht immer auf der Seite der größeren Battalione.
rudi.waurich 19.01.2015
5. @ realistano
Wie wollen Sie denn mit Kampfpanzern von Saudi nach Yemen kommen?? Durch die Rub al Khali geht nicht. Auf der Straße von Sharourah über Al Abr nach Jiddah? Da halten Sie 200 Panzer mit ein paar panzerbrechenden Waffen auf, dann ist die Straße dicht. Außenrum - siehe Rub al Khali. Von Dshaizan nach Süden? Viel Spaß beim Leo's bergen, auf der Straße siehe oben.
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