Separatisten im Jemen Kampf für einen neuen, alten Staat

Im Jemen-Krieg bricht ein alter Konflikt wieder auf: Separatisten kämpfen für einen unabhängigen Staat im Süden. Unterstützung erhalten sie von den Vereinigten Arabischen Emiraten.

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Nach der Wiedervereinigung 1990 waren die Hoffnungen auf eine blühende Zukunft groß. Doch auf die Euphorie der ersten Tage folgte rasch Ernüchterung: Der eine Landesteil fühlte sich vom anderen politisch überrannt und wirtschaftlich abgehängt. Schon bald wurden die Stimmen derer lauter, die sich wünschten, die Einheit wäre nie gekommen.

Die Rede ist vom Jemen.

Am 22. Mai 1990, im Jahr der deutschen Einheit, wurden auch Nordjemen und Südjemen wiedervereinigt. Der sozialistische Süden hatte zuvor mit dem Niedergang der Sowjetunion seinen wichtigsten Bündnispartner verloren und nach langen Verhandlungen der Wiedervereinigung zugestimmt.

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Fast 28 Jahre liegt das zurück. Doch jetzt droht das Land wieder auseinanderzubrechen. Separatisten aus dem Süden liefern sich heftige Gefechte mit den Truppen von Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi. In Aden, einst Hauptstadt im Süden, besetzten Kämpfer des sogenannten Südlichen Übergangsrates (STC) Regierungsgebäude und rückten auf den Maashiq-Palast vor, in dem Hadis Premier Ahmed bin Dagher residiert.

Nach Angaben des Roten Kreuzes wurden seit Sonntag mindestens 36 Menschen getötet und 185 weitere verletzt. Schulen, Universitäten und Geschäfte sind geschlossen, Hafen und Flughafen haben ihren Betrieb vorübergehend eingestellt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Süden aufbegehrt.

Politisches System übergestülpt

Was im Jemen 1990 passierte, war de facto weniger eine gleichberechtigte Vereinigung als ein Anschluss des Südens an den Norden: Ali Abdullah Saleh, Präsident des Nordjemen, regierte fortan einfach über das gesamte Land - und stülpte dem Süden sein politisches System über. Ein System, das von Salehs Regierungspartei und den Stämmen des Nordjemen dominiert wurde. Der vom jahrhundertelangen Handel mit Afrika und Indien sowie der britischen Kolonialzeit geprägte Süden fühlte sich vom konservativen Norden überrumpelt.

In einem kurzen Bürgerkrieg versuchten im Jahr 1994 Separatisten aus dem Süden, die Wiedervereinigung rückgängig zu machen. Mehrere Tausend Menschen wurden bei den Kämpfen getötet, die Revolte wurde niedergeschlagen.

Doch die Unzufriedenheit vieler Südjemeniten blieb. Bis heute.

2007 bildete sich in Aden "al-Hirak al-Dschanubi", die "Südliche Bewegung", eine ursprünglich gewaltfreie Organisation, die sich für die Unabhängigkeit des Südjemen starkmacht. Die Bewegung gewann nach dem Sturz von Langzeitpräsident Saleh 2011 und der von Saudi-Arabien geführten Militärintervention 2015 an Macht. Inzwischen kontrollieren die Separatisten Aden und die umliegenden Provinzen.

Bündnis zerbrochen

Lange kooperierte die "Südliche Bewegung" allerdings mit der jemenitischen Regierung von Präsident Hadi. Dieser war Anfang 2015 von den Huthi-Rebellen aus der Hauptstadt Sanaa vertrieben worden und nach Aden geflüchtet. Als die Huthis auch Aden eroberten, flüchtete Hadi nach Saudi-Arabien. Militäreinheiten aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten drängten zusammen mit südjemenitischen Separatisten und Hadi-treuen Kämpfern die Huthis zurück. Daraufhin kehrte Regierungschef Dagher mit einigen Ministern nach Aden zurück.

Doch nun ist das Bündnis zwischen Separatisten und Hadi zerbrochen. Der Auslöser liegt schon einige Monate zurück: Im April 2017 feuerte Hadi den Gouverneur von Aden, Aidarous al-Zubaidi, dem er mangelnde Loyalität vorwarf. Zubaidi gehört der "Südlichen Bewegung" an. Er ignorierte die Entlassung und gründete gemeinsam mit den Gouverneuren von fünf südjemenitischen Provinzen und zwei Ministern den "Südlichen Übergangsrat". Sein Ziel ist die Unabhängigkeit für Südjemen.

Am Wochenende wagte der STC die Machtprobe. Nachdem Hadis Regierung eine Demonstration der Separatisten untersagt hatte, starteten die STC-Kämpfer ihre Offensive. Regierungschef Dagher warf den Separatisten einen Putsch vor. Er und seine Getreuen sollen angeblich schon ihre Flucht nach Saudi-Arabien vorbereiten.

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Kämpfe im Jemen: Jenseits von Aden

Die Eskalation in Aden ist auch eine Folge von Spannungen innerhalb der arabischen Militärkoalition. Während Saudi-Arabien seit Jahren an Präsident Hadi festhält, unterstützen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) den STC. Die VAE haben die Separatisten ausgerüstet und trainiert. Die emiratische Luftwaffe unterstützte ihren jüngsten Vorstoß zudem mit Luftangriffen.

Zwist zwischen Saudi-Arabien und den VAE

Dahinter stecken strategische Gründe: Für die Häfen in Dubai und Abu Dhabi ist die Sicherung der Seewege durch den Golf von Aden und das Bab al-Mandab, das das Arabische mit dem Roten Meer verbindet, von größter Bedeutung. Denn diese Route nehmen Schiffe aus Europa. Und offenbar trauen die Emirate eher den Separatisten zu, für die Sicherheit in der Region zu sorgen, als den Truppen von Hadi.

Saudi-Arabien hingegen konzentriert seine Angriffe auf den Nordjemen. Riad fürchtet, dass die mit Teheran verbündeten Huthi-Milizen an der Grenze zum Königreich einen iranischen Brückenkopf errichten könnten. Die Lage rund um Aden ist für Saudi-Arabien weniger wichtig.

Schon machen aus dem Umfeld des saudischen Königshauses Gerüchte die Runde, Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammed Bin Salman könnte sich mit einer erneuten Teilung des Landes anfreunden. Die Separatisten könnten dann mithilfe der Emirate im Südjemen ihren eigenen Staat wiederbekommen, im Nordjemen würde Saudi-Arabien nach einem Sieg über die Huthis einen loyalen Staatschef installieren - möglicherweise Ahmad al-Saleh, den Sohn des 2017 getöteten Ex-Präsidenten Ali Abdullah Saleh.

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schlaueralsschlau 01.02.2018
1.
Gut, dass der Konflikt so ausführlich erklärt wird. Ansonsten wäre wohl mal wieder der böse Westen Schuld an allem.
pethof 01.02.2018
2. Statt Nord und Süd West und Ost
Wie sich die Dinge doch so gleichen: Wie für Südjemen brach auch für die DDR 1990 ihr wichtigster Bündnispartner weg. Verraten von Gorbatschow. Es blieb der DDR wie auch für Südjemen kein anderer Weg, als sich vom weitaus stärkeren Gegner schlucken zu lassen. Wiedervereinigung wird es hierzulande vornehm genannt. Offiziell jedoch „Beitritt“, was, wie Christoph Sydow treffend ausdrückt, ein Überstülpen der Strukturen des einen Staates über den anderen war. Wie in Jemen wurde auch in Deutschland die Bevölkerung nicht gefragt. Die aus Laienpolitiker bestehende neue Volkskammer bat ergebenst um den Beitritt. Der auch gnädigst gewährt wurde. Eine mögliche Aufmüpfigkeit wurde rasch mit Begrüßungsgeld und Bananen besänftig. Aber die Demütigung war nicht vergessen. Wie im Jemen auch. Verraten von den Linken, bricht sich der Unmut über die Schiene AfD und Pegida Bahn. Im Unterschied zum Jemen sind in Deutschland aber wohl kaum kriegerische Auseinandersetzungen zu erwarten. Zu groß sind die mentalen Unterschiede. Aber der Groll über die angetane Schmach und Demütigung wird wohl noch lange bleiben.
Freier.Buerger 01.02.2018
3. komisches Bild
Zitat von pethofWie sich die Dinge doch so gleichen: Wie für Südjemen brach auch für die DDR 1990 ihr wichtigster Bündnispartner weg. Verraten von Gorbatschow. Es blieb der DDR wie auch für Südjemen kein anderer Weg, als sich vom weitaus stärkeren Gegner schlucken zu lassen. Wiedervereinigung wird es hierzulande vornehm genannt. Offiziell jedoch „Beitritt“, was, wie Christoph Sydow treffend ausdrückt, ein Überstülpen der Strukturen des einen Staates über den anderen war. Wie in Jemen wurde auch in Deutschland die Bevölkerung nicht gefragt. Die aus Laienpolitiker bestehende neue Volkskammer bat ergebenst um den Beitritt. Der auch gnädigst gewährt wurde. Eine mögliche Aufmüpfigkeit wurde rasch mit Begrüßungsgeld und Bananen besänftig. Aber die Demütigung war nicht vergessen. Wie im Jemen auch. Verraten von den Linken, bricht sich der Unmut über die Schiene AfD und Pegida Bahn. Im Unterschied zum Jemen sind in Deutschland aber wohl kaum kriegerische Auseinandersetzungen zu erwarten. Zu groß sind die mentalen Unterschiede. Aber der Groll über die angetane Schmach und Demütigung wird wohl noch lange bleiben.
Ich weiß nicht wer hier in D mit der Wiedervereinigung gedemütigt wurde. Vielleich ein paar alte Stasi- oder SED-Granden. Das Volk wurde auch befragt - zumindest im Osten - und hat bei der ersten und letzten freien Volkskammerwahl mit überwältigender Mehrheit die Partei gewählt, die mit einem 10-Punkte-Plan eine schnelle Vereinigung versprochen hatte.
adal_ 01.02.2018
4. Der Letzte macht das Licht aus
Zitat von pethofWie sich die Dinge doch so gleichen: Wie für Südjemen brach auch für die DDR 1990 ihr wichtigster Bündnispartner weg. Verraten von Gorbatschow. Es blieb der DDR wie auch für Südjemen kein anderer Weg, als sich vom weitaus stärkeren Gegner schlucken zu lassen. Wiedervereinigung wird es hierzulande vornehm genannt. Offiziell jedoch „Beitritt“, was, wie Christoph Sydow treffend ausdrückt, ein Überstülpen der Strukturen des einen Staates über den anderen war. Wie in Jemen wurde auch in Deutschland die Bevölkerung nicht gefragt. Die aus Laienpolitiker bestehende neue Volkskammer bat ergebenst um den Beitritt. Der auch gnädigst gewährt wurde. Eine mögliche Aufmüpfigkeit wurde rasch mit Begrüßungsgeld und Bananen besänftig. Aber die Demütigung war nicht vergessen. Wie im Jemen auch. Verraten von den Linken, bricht sich der Unmut über die Schiene AfD und Pegida Bahn. Im Unterschied zum Jemen sind in Deutschland aber wohl kaum kriegerische Auseinandersetzungen zu erwarten. Zu groß sind die mentalen Unterschiede. Aber der Groll über die angetane Schmach und Demütigung wird wohl noch lange bleiben.
Alle mit Verantwortung hatten es damals extrem eilig mit der deutschen Wiedervereinigung und mit der DM-Währungsunion. Grund. Täglich machten Zehntausende rüber. Das haben Sie anscheinend vergessen.
g_bec 01.02.2018
5. Großer Unterschied
Zitat von pethofWie sich die Dinge doch so gleichen: Wie für Südjemen brach auch für die DDR 1990 ihr wichtigster Bündnispartner weg. Verraten von Gorbatschow. Es blieb der DDR wie auch für Südjemen kein anderer Weg, als sich vom weitaus stärkeren Gegner schlucken zu lassen. Wiedervereinigung wird es hierzulande vornehm genannt. Offiziell jedoch „Beitritt“, was, wie Christoph Sydow treffend ausdrückt, ein Überstülpen der Strukturen des einen Staates über den anderen war. Wie in Jemen wurde auch in Deutschland die Bevölkerung nicht gefragt. Die aus Laienpolitiker bestehende neue Volkskammer bat ergebenst um den Beitritt. Der auch gnädigst gewährt wurde. Eine mögliche Aufmüpfigkeit wurde rasch mit Begrüßungsgeld und Bananen besänftig. Aber die Demütigung war nicht vergessen. Wie im Jemen auch. Verraten von den Linken, bricht sich der Unmut über die Schiene AfD und Pegida Bahn. Im Unterschied zum Jemen sind in Deutschland aber wohl kaum kriegerische Auseinandersetzungen zu erwarten. Zu groß sind die mentalen Unterschiede. Aber der Groll über die angetane Schmach und Demütigung wird wohl noch lange bleiben.
Es gibt einen riesigen Unterschied bei beiden Vereinigungen: Die Ex-DDR-Einwohner haben Freiheit, Westgeld und Intershop für Alle bekommen (dafür sind sie ja auch auf die Straße gegangen). Die Süd-Jemeniten haben dagegen eine islamische Gesellschaft inklusive archaischer Clanstrukturen erhalten. Finde den Unterschied! Und im Zweifelsfalle einfach mal die südjemenitischen Frauen befragen.
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