Qaida-Hochburg Jemen: Das neue Herz des Terrors

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Jemenitischer Soldat in Sanaa: Hilflos gegen al-Qaida Zur Großansicht
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Jemenitischer Soldat in Sanaa: Hilflos gegen al-Qaida

Jemen hat Afghanistan als wichtigsten Standort von al-Qaida abgelöst. Obwohl die USA seit Jahren ihren Drohnenkrieg in dem Land verschärfen, nimmt die Bedrohung durch die Dschihadisten stetig zu. Die bisherige Anti-Terror-Taktik der US-Regierung ist gescheitert.

Sechs Tote am Mittwoch, vier Tote am Dienstag, drei Tote am vergangenen Donnerstag. Die USA haben ihren Drohnenkrieg im Jemen gegen die Terrorgruppe al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) in den vergangenen zwei Wochen wieder deutlich verschärft. Seit Jahresbeginn hat das amerikanische Militär damit etwa 80 mutmaßliche Extremisten in dem arabischen Land getötet.

Die verschärfte Drohnenkampagne belegt, wie ernst Washington AQAP nimmt. Angebliche Terrorpläne der Gruppe sollen der Grund für die weltweite Terrorwarnung der US-Regierung sein. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben ihr Botschaftspersonal aus dem Jemen abgezogen.

Nach Angaben eines Regierungssprechers in Sanaa soll AQAP geplant haben, Ölpipelines zu sprengen und die Kontrolle über die Hafenstadt Mukalla zu übernehmen. In dem 200.000-Einwohner-Ort wickelt der Jemen einen Großteil seines Erdölexports ab.

Die Zahl der Toten steigt, die Zahl der Kämpfer auch

Offenbar hat der Qaida-Ableger im Jemen das Potential, die Infrastruktur des Landes lahmzulegen und selbst Großstädte zu erobern. Die Wirtschaft haben sie ohnehin längst zum Zusammenbruch gebracht. Während die Nachbarstaaten auf der arabischen Halbinsel im Reichtum schwelgen, schrumpfte die Wirtschaft im Jemen 2012 um knapp zwei Prozent.

Entführungen und Anschläge haben dafür gesorgt, dass Touristen dem Land seit Jahren fern bleiben, selbst die Hauptstadt Sanaa mit ihren pittoresken Lehmhäusern ist nicht mehr sicher. Wichtigste Einnahmequelle ist der Rohölexport, mit dem die Regierung im ersten Quartal dieses Jahres immerhin knapp 500 Millionen US-Dollar eingenommen hat. Doch auch die Pipelines werden immer wieder von Stammeskämpfern und Terroristen angegriffen.

Während die Wirtschaft schrumpft und die Macht der Zentralregierung seit Jahren schwindet, gewinnt AQAP beständig an Stärke. Mindestens 600 militante Islamisten hat die US-Armee seit 2009 bei Drohnenangriffen getötet, trotzdem ist die Zahl der Qaida-Kämpfer im Jemen laut Schätzungen von wenigen hundert inzwischen auf mehr als tausend gestiegen.

Das Erstarken der Terrorgruppe ist auch darauf zurückzuführen, dass die USA die falschen Schlüsse aus ihren Erfolgen im Kampf gegen al-Qaida in Pakistan und Afghanistan gezogen haben. Dort haben sie den früheren Kern des Terrornetzwerks inzwischen deutlich geschwächt - auch weil die Qaida-Kämpfer dort als Fremde nur geduldet waren.

Al-Qaida im Jemen war lange unter dem Radar

"In Afghanistan und Pakistan war al-Qaida eine Gruppe von Arabern in zwei nicht-arabischen Ländern. Im Jemen besteht al-Qaida größtenteils aus Jemeniten, die im Jemen leben", sagt Gregory D. Johnsen, Jemen-Experte der Universität Princeton.

Die Anfänge dieser Entwicklung reichen bis in die achtziger Jahre zurück. Damals zogen Tausende junger Jemeniten auf Seiten der Mudschahedin in den afghanischen Krieg gegen die sowjetischen Besatzer - mit aktiver Unterstützung der Regierung in Sanaa. Nachdem die Kommunisten vertrieben waren, blieben viele von ihnen zunächst am Hindukusch und schlossen sich der Qaida um Osama Bin Laden an.

Doch immer mehr radikalisierte, kampferprobte Islamisten kehrten in ihr Heimatland zurück. Im Jahr 2000 sorgten sie mit dem ersten großen Anschlag im Jemen für Aufsehen. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich in einem Boot neben der USS Cole in die Luft, 17 US-Marines wurden dabei getötet, 39 weitere verletzt.

Jemens Regierung bekämpfte die Qaida-Kämpfer im Jemen in den folgenden Jahren zunächst nur halbherzig, die USA konzentrierten sich auf ihre Kriege in Afghanistan und im Irak. Als der jetzige AQAP-Chef Nasser al-Wuhaischi 2006 aus dem Gefängnis ausbrach, nahm fast niemand Notiz davon. Erst seit sich 2009 die AQAP - bestehend aus Jemeniten und Saudi-Arabern - formell als eigenständige Gruppe unter dem Schirm von al-Qaida gründete, rückte sie stärker in den Fokus der Geheimdienste. Noch im gleichen Jahr versuchten Selbstmordattentäter im Auftrag der Gruppe Saudi-Arabiens Anti-Terror-Chef Prinz Mohammed Bin Naif zu töten und ein US-Passagierflugzeug beim Landeanflug auf Detroit zum Absturz zu bringen.

USA machen sich immer mehr Feinde im Jemen

2009 begannen die USA mit ihrem Drohnenkrieg im Jemen. Damals flogen sie zwei Angriffe, ein Jahr später sogar nur einen. 2011 führten sie 14 Drohnenangriffe durch, 2012 waren es laut dem US-Think-Tank New America Foundation schon 54 Attacken. Der Angriff am Mittwoch war der 17. in diesem Jahr.

Doch AQAP scheint dadurch nur stärker zu werden. Anstatt lokale Stammesvertreter in den Kampf gegen die Terroristen einzubinden, machen sich die USA und Jemens Regierung, die Washingtons Luftschläge duldet, mit jedem Angriff neue Feinde. "Die Männer, die die Vereinigten Staaten im Jemen töten, sind auf eine Weise mit der örtlichen Gesellschaft verbunden, wie es die Kämpfer in Afghanistan nie waren", sagt Nahost-Wissenschaftler Johnsen. "Sie mögen Qaida-Mitglieder sein, aber sie sind auch Väter und Söhne, Brüder und Cousins, Stammesmitglieder mit Verwandten und Freunden."

Dieses enge soziale Netzwerk führt zum einen dazu, dass viele Unbeteiligte sterben, die sich bei Drohnenangriffen in der Nähe der Qaida-Kämpfer aufhalten, aber selbst überhaupt nicht daran denken, gegen die USA zu kämpfen. Zum anderen trachten die Hinterbliebenen der Getöteten nach Rache. Deshalb greifen immer mehr Jemeniten zu den Waffen, selbst wenn sie die Ideologie von al-Qaida nicht teilen. Und deshalb geht auch die Taktik der Amerikaner nicht auf, AQAP auszuschalten, indem man ihre Führungsfiguren tötet. Seit 2009 hat die US-Armee fast alle Qaida-Spitzen im Jemen getötet.

Das Ergebnis ist bekannt: Die USA haben all ihre Staatsbürger aufgefordert, das Land umgehend zu verlassen.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Schande
louisa1981 07.08.2013
Es werden Tag täglich Menschen mit Drohnen in diesem Land getötet, und dann wundert man sich das diese nicht gut auf die USA zu sprechen sind. Jetzt wird nochmal Medial das ganz versucht zu legitimieren und wir alle schauen zu.
2. Nicht wirklich!
Beobachter123 07.08.2013
Zitat von louisa1981Es werden Tag täglich Menschen mit Drohnen in diesem Land getötet, und dann wundert man sich das diese nicht gut auf die USA zu sprechen sind. Jetzt wird nochmal Medial das ganz versucht zu legitimieren und wir alle schauen zu.
Sie verwechseln Ursache und Wirkung. Quaida ist der Ursprung des Terrors. In der heutigen Zeit ist leider in der öffentlichen Betrachtungswese nicht mehr der aggressive, intolerrante Schläger schuld, sondern der der ihn angeblich provoziert hat.
3.
benutzer8472 07.08.2013
Zitat von sysopDie bisherige Anti-Terror-Taktik der US-Regierung ist gescheitert.
Oh, tatsächlich? Die Totalüberwachung der Welt sowie Drohnenangriffe auf potenzielle Terroristen weltweit, ohne Prozess, ohne Beweise, ohne Öffentlichkeit... ist tatsächlich kein gutes Mittel gegen Terror? Vor 10 Jahren hatte ich nichts gegen die USA.. bei jedem weiteren Drohnenangriff, jeder Entführung, jedem Geheimgefängnis und jedem weiteren Detail zur Überwachung empfinde ich immer mehr Hass gegen die Regierung dieses Landes. Kein Wunder, daß so ein Drohnenangriff mehr Terroristen entstehen lässt als er tötet.
4.
axel09 07.08.2013
Zitat von Beobachter123Sie verwechseln Ursache und Wirkung. Quaida ist der Ursprung des Terrors.
...und wo bleibt bitte der angekündigte Superanschlag? Angekündigt von wem eigentlich, angeblich in eine Telko der AlKaida-Spitze? Was wir erleben, ist ziemlich viel Desinformation - und manche glauben sogar den US-Dienststellen
5. Taktik gescheitert?
Schraube 07.08.2013
Zitat von sysopJemen hat Afghanistan als wichtigsten Standort von al-Qaida abgelöst. Obwohl die USA seit Jahren ihren Drohnenkrieg in dem Land verschärfen, nimmt die Bedrohung durch die Dschihadisten stetig zu. Die bisherige Anti-Terror-Taktik der US-Regierung ist gescheitert. Jemen ist das neue Afghanistan als Hochburg von al-Qaida - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/jemen-ist-das-neue-afghanistan-als-hochburg-von-al-qaida-a-915374.html)
Nachdem ich einigermaßen aufmerksam verfolgt habe, wie die USA in Syrien vorgehen, bin ich mir nicht sicher, dass die Taktik der USA wirklich gescheitert ist. Ich halte es eher für wahrscheinlich, dass das Hauptziel, Destabilisierung, nicht kommuniziert wird. Wer könnte denn ernsthaft erwarten, dass in einem muslimischen Land, in dem immer wieder amerikanische Drohnen Menschen töten, die Radikalen keinen Zulauf haben?
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