Krieg im Jemen Saudi-Arabien bombt, Millionen hungern

Mit Waffen aus dem Westen führt Saudi-Arabien Krieg im Jemen, wenn auch ohne großen Erfolg. Tausende starben bereits - weil sich ein junger Prinz profilieren will.

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Die Jets kamen zweimal: Zuerst trafen ihre Bomben Bauern, die sich an einem Brunnen versammelt hatten, um Wasser zu holen. Dann, als Retter zu dem Weiler Beit Saadan im Nordjemen geeilt waren, um den Opfern zu helfen, kehrten die Kampfflugzeuge zurück und nahmen die Wasserstelle noch einmal unter Beschuss. Mindestens 30 Menschen wurden nach Angaben der Vereinten Nationen bei dem Doppelschlag am Wochenende getötet, 17 weitere Personen wurden verletzt.

Es war einer der bislang verheerendsten Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition. Seit anderthalb Jahren führt das Königreich Krieg in seinem südlichen Nachbarland - an der Spitze einer Allianz, an der sich formal zehn Staaten beteiligen. Tatsächlich sind es aber vor allem Bahrain und Katar, die einen substanziellen Beitrag zur Militäroperation mit dem Namen "Wiederherstellung der Hoffnung" leisten. Erst am Montag wurden drei katarische Soldaten getötet.

Insgesamt sind seit Beginn des Krieges mehr als 10.000 Menschen ums Leben gekommen. Diese Zahl nennt der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe im Jemen, Jamie McGoldrick. Er geht aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch höher liegen könnte, weil große Teile des Landes von der Außenwelt abgeschlossen sind und die meisten Toten rasch begraben werden, ohne dass die Welt davon Notiz nimmt.

Ein schneller Sieg ist Wunschdenken

Saudi-Arabien will die Huthi-Rebellen von der Macht vertreiben, die seit 2014 die Hauptstadt Sanaa kontrollieren und mit der Bergstadt Taizz und der Hafenstadt Hudaida weitere strategisch wichtige Orte beherrschen. Die Huthi-Milizen aus dem Nordjemen kämpfen seit mehr als zehn Jahren gegen die von Saudi-Arabien protegierte Zentralregierung in Sanaa. Sie gehören der Minderheit der Zaiditen an, einer Strömung des schiitischen Islam. Viele Zaiditen fühlen sich von der sunnitischen Mehrheit unterdrückt, zudem sehen sie ihre religiöse Identität durch westliche Einflüsse gefährdet.

Jemen

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Die Huthis sind ein taktisches Bündnis mit dem Clan des abgesetzten jemenitischen Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh eingegangen. Dessen Sohn Ahmed befehligte einst die Republikanischen Garden, die Eliteeinheit der Armee. Noch immer hat er mehrere Tausend Kämpfer hinter sich.

Nach anderthalb Jahren haben Saudi-Arabien und seine lokalen Verbündeten die Huthis zwar aus der Hafenstadt Aden vertrieben, von der Rückeroberung der Hauptstadt Sanaa sind sie aber noch immer weit entfernt. Zwar behauptet der von Riad unterstützte und von den Huthis entmachtete Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi, der Sieg sei nahe, aber das ist Wunschdenken.

Denn noch immer wirkt die Strategie der Saudis konfus: Die Luftwaffe bombardiert die Hochburgen der Huthis zwar permanent und unterstützt lokale Stammesmilizen. Vor einer groß angelegten Bodenoperation mit eigenen Kräften schreckt Riad aus Angst vor Verlusten aber zurück. Die Friedensgespräche mit den Huthis in Kuwait scheiterten, bevor sie richtig begonnen hatten.

Über weite Strecken wirkt der Krieg im Jemen in erster Linie wie eine Kampagne, mit der Saudi-Arabiens Verteidigungsminister Mohammad bin Salman Al Saud an Statur gewinnen will. Der Sohn des Königs ist vor zwei Wochen 31 Jahre alt geworden. Er ist schon jetzt Vize-Kronprinz und gilt als kommender starker Mann in Riad. Seit Beginn des Krieges posiert Mohammad als entschlossener Feldherr, zum Beginn des Opferfestes am Montag betete und frühstückte der Monarch gemeinsam mit Soldaten an der Grenze zum Jemen.

14 Millionen Jemeniten bekommen nicht ausreichend zu essen

Doch das militärische Abenteuer des Prinzen geht ins Geld. Der Krieg hat Riad Milliarden gekostet - und das in Zeiten niedriger Ölpreise. Die Jemen-Intervention ist einer der Hauptgründe dafür, dass Saudi-Arabien in diesem Jahr zum ersten Mal seit 1991 wieder einen Kredit in Höhe von zehn Milliarden US-Dollar aufnehmen musste.

Profiteure sind unter anderem Rüstungskonzerne aus den USA und Großbritannien. London hat seit Kriegsbeginn Waffenlieferungen in Höhe von mehr als drei Milliarden US-Dollar nach Saudi-Arabien genehmigt, Washington billigte Exporte in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat belegt, dass Munition aus britischer und amerikanischer Produktion bei Angriffen auf zivile Ziele im Jemen eingesetzt wurde.

Umso schlechter steht es um die Finanzierung der humanitären Hilfe für die Zivilisten. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind 90 Prozent der Jemeniten auf Unterstützung angewiesen, das sind mehr als 21 Millionen Menschen. 14 Millionen Jemeniten bekommen nicht ausreichend zu essen, 320.000 Kinder unter fünf Jahren sind mangelernährt. Das Uno-Hilfswerk Ocha hat den Bedarf für die humanitäre Hilfe für das Jahr 2016 auf 1,8 Milliarden Dollar beziffert - in der ersten Jahreshälfte haben die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gerade einmal ein Viertel davon bereitgestellt.


Zusammengefasst: Saudi-Arabien führt seit anderthalb Jahren Krieg im Jemen. Riad will die Huthi-Milizen aus der Hauptstadt Sanaa vertreiben, ist diesem Ziel aber bislang kaum nähergekommen. Mehr als 10.000 Menschen sind in dem Konflikt bislang getötet worden. Der Westen profitiert, weil er Waffen in Milliardenhöhe nach Riad exportiert. Die humanitäre Hilfe für die notleidenden Jemeniten ist dagegen dramatisch unterfinanziert.

insgesamt 85 Beiträge
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Freidenker10 15.09.2016
1.
Bei solchen Berichten warte ich eigentlich nur noch darauf dass die Römer noch mit ein paar Legionen anrücken, klingt einfach total Antik diese ganzen Stammeskriege...
xbc03969 15.09.2016
2. Saudi Arabien
is eines der grössten Dre...länder die ich jeh beruflich besuchen musste. Und was tun wir, richtig sie mit allen Mitteln unterstützen. Deshalb werde ich keine Partei der jetzigen Regierung mehr wählen! Alle haben diese Waffendeals mit abgenickt. Pfui Deibel !!!
sushiboi 15.09.2016
3. Sie lernen es nicht.
Mit Bomben züchtet man nur neue Feinde. Wenn sie die drei Milliarden jedoch in die Entwicklungshilfe gesteckt hätten, wären sie mittlerweile wohl dicke Freunde.
modemhamster 15.09.2016
4. Löblich,
dass es auch dieser Konflikt mal in die deutschen Medien schafft, nachdem er so lange sträflich vernachlässigt wurde. Jetzt auch noch auf die Kriegsverbrechen der Saudis eingehen, die gerne auch mal Märkte und Krankenhäuser in Schutt und Asche legen. Aus einem Guardian Artikel zitiert, z.B. telepolis so: "Saudi-Arabien hat indes alle Vorwürfe zurückgewiesen, absichtlich Zivilisten anzugreifen und seinerseits interne Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurden acht Angriffe untersucht, unter anderem auf Krankenhäuser: Im Ergebnis bescheinigte sich das Königreich, dass die Angriffe gerechtfertigt gewesen seien, weil sich Angehörige der Houthi-Kräfte dort befunden hätten. In einem Fall bot Saudi-Arabien Entschädigungszahlungen an" Nach elchen internationalen Regeln man den Krankenhäuser mit dieser Begründung bombardieren darf, wäre doch eine interessante Frage.
Smarty- 15.09.2016
5. Herzlichen Glückwunsch...,
An Herrn Gabriel für seine Genehmigungen der Rüstungsexporte auch nach SA. Wenn man all die Kohle, die für Waffen ausgegeben wird, den Menschen zugute kommen lassen würde, wäre die Welt ein besserer Planet. Aber das ist ja Kommunismus und davon werden Aktionäre nicht reicher....
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