Jemenitischer Ex-Präsident Saleh Tod eines Überlebenskünstlers

Die bisherigen Verbündeten haben den Ex-Staatschef des Jemen, Ali Abdullah Saleh, getötet. Sein Ende ist eine Schlappe für Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman.

REUTERS

Von


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Den Jemen zu regieren, das ist wie auf Schlangenköpfen zu tanzen." Mit diesem Bild hat Ali Abdullah Saleh einmal seinen Job beschrieben. Saleh wusste, wovon er sprach: Seit 1978 regierte er als Staatschef den Nordjemen, nach der Wiedervereinigung mit dem Südjemen herrschte er bis 2012 über das ganze Land. Dann musste Saleh nach Massenprotesten während des Arabischen Frühlings zurücktreten.

Um im Bild zu bleiben: Nun hat die Schlange Saleh doch gebissen. Der 75-Jährige ist am Montag bei Kämpfen in der Hauptstadt Sanaa getötet worden. Die Huthi-Miliz verbreitete Bilder des Leichnams über die sozialen Medien. Das Video des toten Saleh auf der Ladefläche eines Pick-up-Lasters erinnert an die letzten Aufnahmen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi.

So wie sich Gaddafi nach seinem Sturz 2011 an die Macht klammerte, so wollte auch Saleh an die Macht zurückkehren. Dafür verbündete er sich 2014 mit den von Iran unterstützten Huthi-Rebellen, die er zuvor als Präsident jahrelang rücksichtslos bekämpft hatte. Doch plötzlich hatten beide einen gemeinsamen Feind: Salehs Nachfolger Abd Rabbuh Mansur Hadi sowie dessen Unterstützer in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Saudi-Arabien ist kriegsmüde geworden

Die Huthi-Saleh-Koalition vertrieb Hadi aus der Hauptstadt Sanaa und provozierte damit die von Saudi-Arabien angeführte Militäroffensive im Jemen. Zweieinhalb Jahre hielt die Zweckehe zwischen Rebellen und dem Ex-Präsidenten, doch dann verkündete Saleh am Samstag in einer Fernsehansprache, dass er das Bündnis mit den Huthis aufkündige. Stattdessen machte er plötzlich Saudi-Arabien Avancen: "Ich rufe unsere Brüder in den Nachbarstaaten auf, ihre Aggression zu beenden und die Blockade aufzuheben. Dann können wir ein neues Kapitel aufschlagen", sagte Saleh.

Die Führung in Riad vernahm seinen Kurswechsel mit Freude. Saleh habe sich entschieden, "die Führung zu übernehmen" und den Jemen von pro-iranischen Milizen zu befreien, teilte die von Saudi-Arabien angeführte Koalition mit. Sogar von einem "Volksaufstand" gegen die Huthis unter Salehs Führung war die Rede.

Fotostrecke

7  Bilder
Krieg im Jemen: "Niemand ist sicher"

Doch diese Revolte ist mit Salehs Ende vorbei, bevor sie überhaupt anfangen konnte. Sein Tod ist eine weitere Schlappe für Mohammed bin Salman, Saudi-Arabiens Verteidigungsminister und Kronprinz. Er ist der Architekt der Militäroffensive im Jemen und hatte seinem Volk im März einen schnellen Erfolg im Jemen versprochen. Der ist nach Milliardenausgaben und mehr als 200 gefallenen saudi-arabischen Soldaten noch immer nicht in Sicht. Zweieinhalb Jahre nach Beginn der Offensive ist Saudi-Arabien kriegsmüde geworden.

Offenbar setzte Kronprinz Mohammed darauf, durch ein Bündnis mit Saleh einen gesichtswahrenden Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Diese Option ist nun dahin.

"Rache für dich, Hussein"

Kurzfristig ist die Tötung Salehs ein militärischer Erfolg für die Huthi-Rebellen. Wenige Tage nachdem sich ihr einstiger Bündnispartner gegen sie stellte, haben sie ihn umgebracht - einen Mann, der zahlreiche Intrigen, Attentate und ausländische Interventionen überlebt hatte und der auch nach seinem Amtsverlust 2012 die Geschicke im Jemen maßgeblich mitentschieden hatte. Das unterstreicht die militärische Stärke der Huthis - und gibt ihnen zugleich Genugtuung. In dem Video mit Salehs Leiche rufen Kämpfer "Rache für dich, Hussein." Hussein al-Huthi war der Gründer der Miliz. Er wurde 2004 von Salehs Truppen getötet.

Mittelfristig dürfte der Bruch mit Salehs Truppen die Huthi-Rebellen aber schwächen. Die Wurzeln der Miliz liegen in den Bergen im Nordwesten des Jemen. In Sanaa und erst recht in den weiter südlich gelegenen Landesteilen werden sie als Besatzer wahrgenommen. Ihr Bündnis mit Saleh, der aus Sanaa stammt, konnte das lange kaschieren. Damit ist es nun vorbei.

SPIEGEL ONLINE

Die Gefechtslage im Jemenkrieg wird dadurch noch verworrener. Fast vier Jahrzehnte lang war Saleh der mächtigste Mann des Landes. Wie sich die Tausenden Kämpfer, die ihm gegenüber loyal waren, nun verhalten, ist völlig offen. Klar scheint hingegen, dass Irans Einfluss wachsen wird. Da den Huthis ihr wichtigster Bündnispartner abhanden gekommen ist, sind sie künftig noch mehr auf militärische Unterstützung aus Teheran angewiesen.

Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind Millionen Zivilisten. In den vergangenen Tagen hat Sanaa die schwersten Kämpfe seit Jahren erlebt. "Niemand ist sicher", sagte Suze van Meegen vom Norwegischen Flüchtlingsrat, die in der Stadt ausharrt. "Der Beschuss ist heftig und ungenau." Mitarbeiter des Roten Kreuzes schildern, dass sich kaum noch Bewohner vor die Tür wagen. Laut Augenzeugen wurden zuletzt mehr als 125 Menschen getötet und mindestens 300 weitere verletzt.


Zusammengefasst: Der Jemenkrieg hat eine neue Wendung genommen: Am Wochenende kündigte Ex-Staatschef Ali Abdullah Saleh sein Bündnis mit den Huthi-Milizen auf. Daraufhin brachen zwischen beiden Parteien heftige Kämpfe aus, mehr als hundert Menschen wurden getötet. Am Montag töteten Huthi-Kämpfer ihren einstigen Verbündeten Saleh. Die Gefechtslage im Bürgerkrieg wird dadurch noch verworrener.

insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
magier 04.12.2017
1.
"Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind Millionen Zivilisten. In den vergangenen Tagen hat Sanaa die schwersten Kämpfe seit Jahren erlebt." Ich fasse es nicht. Seit Jahren bombardieren die Saudis und ihre Verbündeten, unterstützt von den USA und Deutschland, flächendeckend den Jemen. Die Infrastruktur ist zerstört. Tausende sind umgekommen. Durch die kriegsverbrecherischen Blockaden sind Millionen seit Wochen vom Hungertod bedroht, von der Typhusepidemie ganz zu schweigen. Dazu gab es bisher nur Kurzmeldungen und Randnotizen in unseren Medien. Kaum werden die Huti-Rebellen wieder aktiver, entdecken unsere Medien das Leiden der Bevölkerung. Und natürlich kennt man auch die Schuldigen, der Iran, Mitglied der Achse des Bösen.
hugahuga 04.12.2017
2.
" Er ist der Architekt der Militäroffensive im Jemen und hatte seinem Volk im März einen schnellen Erfolg im Jemen versprochen." Angesichts dessen, was der jemenitischen Zivilbevölkerung durch Saudi Arabien zugefügt wird, möchte ich doch sehr um eine andere Sprachregelung bitten. Ein Architekt ist jemand, der etwas aufbaut. Herr Salman lässt die Zivilbevölkerung gnadenlos bombardieren, was zur Folge hat, dass Zerstörung, Elend, Krankheit und Tod auf sein Konto gehen. Er ist kein Architekt - er ist ein brutaler Schlächter, der von der sich zivilisiert nennenden Welt geächtet werden sollte. Was ist nur aus den "westlichen Werten" von denen immer so gerne geredet wird, geworden?
loeweneule 04.12.2017
3.
Zitat von hugahuga" Er ist der Architekt der Militäroffensive im Jemen und hatte seinem Volk im März einen schnellen Erfolg im Jemen versprochen." Angesichts dessen, was der jemenitischen Zivilbevölkerung durch Saudi Arabien zugefügt wird, möchte ich doch sehr um eine andere Sprachregelung bitten. Ein Architekt ist jemand, der etwas aufbaut. Herr Salman lässt die Zivilbevölkerung gnadenlos bombardieren, was zur Folge hat, dass Zerstörung, Elend, Krankheit und Tod auf sein Konto gehen. Er ist kein Architekt - er ist ein brutaler Schlächter, der von der sich zivilisiert nennenden Welt geächtet werden sollte. Was ist nur aus den "westlichen Werten" von denen immer so gerne geredet wird, geworden?
Architekt ist hier im übertragenen Sinne gemeint. Mal davon abgesehen, daß es auch Architekten im buchstäglichen Sinne des Wortes gibt, die Übles angerichtet haben. Konzentrationslager etwa. Sprachgefühl ist vor lauter poitischer Kokkektness wohl nicht Ihre Sache.
spon-facebook-10000122439 04.12.2017
4.
Zitat von loeweneuleArchitekt ist hier im übertragenen Sinne gemeint. Mal davon abgesehen, daß es auch Architekten im buchstäglichen Sinne des Wortes gibt, die Übles angerichtet haben. Konzentrationslager etwa. Sprachgefühl ist vor lauter poitischer Kokkektness wohl nicht Ihre Sache.
Den Führer einer militärischen Offensive als Architekten zu bezeichnen , ist m.E. vollkommen daneben . Das hat mit "Sprachgefühl "sehr wenig zu tun , und mit poitischer Kokketness , noch weniger, Guten Abend.
HeisseLuft 04.12.2017
5. Ach?
Zitat von hugahuga" Er ist der Architekt der Militäroffensive im Jemen und hatte seinem Volk im März einen schnellen Erfolg im Jemen versprochen." Angesichts dessen, was der jemenitischen Zivilbevölkerung durch Saudi Arabien zugefügt wird, möchte ich doch sehr um eine andere Sprachregelung bitten. Ein Architekt ist jemand, der etwas aufbaut. Herr Salman lässt die Zivilbevölkerung gnadenlos bombardieren, was zur Folge hat, dass Zerstörung, Elend, Krankheit und Tod auf sein Konto gehen. Er ist kein Architekt - er ist ein brutaler Schlächter, der von der sich zivilisiert nennenden Welt geächtet werden sollte. Was ist nur aus den "westlichen Werten" von denen immer so gerne geredet wird, geworden?
So wie Assad in Syrien, hugahuga? Hatten sie da nicht immer eine ganz andere Beurteilung parat?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.