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Vergessener Krieg: Saudi-Arabien bombt den Jemen ins Elend

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Krieg auf der arabischen Halbinsel: Der Jemen leidet Fotos
REUTERS

Saudi-Arabien führt Krieg im Jemen, seit vier Monaten schon - angeblich, um das Land zu stabilisieren. Doch die Militäroperation erreicht das Gegenteil: Tausende Zivilisten wurden getötet, 13 Millionen Menschen hungern.

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Diese Tage sollten den Menschen im Jemen eigentlich ein bisschen Hoffnung bringen. Seit Sonntag sollte in dem Bürgerkriegsland eine fünftägige Feuerpause gelten. Hilfsorganisationen wollten die Waffenruhe nutzen, um Nahrungsmittel, Medikamente und Treibstoff zu verteilen.

Doch zwei Tage später ist alle Hoffnung auf eine Atempause für die mehr als 25 Millionen Jemeniten verflogen. "Die humanitäre Waffenruhe ist von keiner Konfliktpartei eingehalten worden. Aus acht Provinzen werden Luftschläge und Kämpfe am Boden gemeldet", sagte Stephen O'Brien, Chef der Uno-Nothilfe vor dem Sicherheitsrat in New York.

"Die Konfliktparteien werden ihrer Verantwortung nach dem internationalen Völkerrecht nicht gerecht", klagte der britische Diplomat. "Weiterhin werden Zivilisten getötet und verletzt."

Menschenrechtsaktivisten werfen Saudi-Arabien Kriegsverbrechen vor

Seit vier Monaten führt Saudi-Arabien mit Unterstützung arabischer Staaten Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen. Die Huthis sind Zaiditen, Anhänger einer Strömung im schiitischen Islam. Ihr gehören etwa ein Drittel der Jemeniten an. Die Aufständischen hatten im vergangenen Jahr die Übergangsregierung aus Sanaa vertrieben und große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht.

Seit Beginn der Luftangriffe auf den Jemen sind dort nach Zählung der Uno knapp 4000 Menschen getötet und fast 20.000 weitere verletzt worden. Jeder zweite Tote war Zivilist.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft Saudi-Arabien Kriegsverbrechen im Jemen vor. Am vergangenen Freitag soll die Luftwaffe ein Wohnviertel in der Stadt Mokka bombardiert haben. Dabei seien 65 Menschen getötet worden, unter ihnen zehn Kinder.

HRW-Mitarbeiter besuchten die Wohnanlage zwei Tage nach dem Bombardement. Sie fanden keine Hinweise darauf, dass das Gebiet für militärische Zwecke genutzt wurde. 800 Meter von den Häusern entfernt habe es eine Luftabwehrstellung der jemenitischen Armee gegeben. Laut Anwohnern sei diese aber schon seit Monaten verwaist gewesen.

Saudi-Arabien reagiert auf die Vorwürfe wie gehabt: Riad leugnet die Anschuldigungen. "Wir wissen, dass es keine Flugzeuge der Koalition waren, die zivile Häuser bombardiert haben", sagte Militärsprecher Ahmed Asiri. "Diese Organisation sollte vorsichtig sein, wenn sie solche Behauptungen aufstellt."

Was Saudi-Arabien und seine Verbündeten verschweigen: Sie sind die einzige Konfliktpartei, die derzeit noch über Kampfflugzeuge verfügen und damit in der Lage wären, einen Luftangriff auf die Stadt durchzuführen.

Erklärtes Ziel der Saudis war es, mit ihrer Intervention den Jemen zu stabilisieren und den nach Riad geflohenen Präsidenten Abdal Rabbo Mansur Hadi wieder in Sanaa zu installieren. Vier Monate später ist das Königshaus davon weit entfernt, die Lage im ärmsten Land der Arabischen Halbinsel ist prekärer denn je.

Die USA unterstützen Saudi-Arabiens Vorgehen

Saudi-Arabiens Strategie ist konfus. Im April hatte Riad bereits das Ende der Offensive verkündet, geändert hat sich seither nichts. Täglich bombardiert die Armee Ziele im Jemen. Damit konnte das Militär zwar die Huthis aus der Hafenstadt Aden zurückdrängen, entscheidend geschwächt wurden die Aufständischen aber bislang nicht. Seit Monaten droht Saudi-Arabien mit einer Invasion, doch offenbar scheut König Salman davor zurück, seine Soldaten in einen verlustreichen Guerillakrieg mit den Rebellen zu schicken.

Die USA unterstützen die Militärkampagne Saudi-Arabiens - und machen sich damit mitschuldig am Tod Unbeteiligter. Einerseits sieht Washington einen Jemen, der von den proiranischen Huthis regiert wird, mit Sorge. Wichtiger aber noch ist, dass US-Präsident Obama die Unterstützung der Saudis im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) braucht. Deshalb lässt er König Salman im Jemen weitgehend freie Hand.

Leidtragende dieses Kriegs sind die Zivilisten im Jemen. Nach Schätzungen der britischen Hilfsorganisation Oxfam hungern derzeit 13 Millionen Jemeniten, also etwa die Hälfte der Bevölkerung. Seit der saudi-arabischen Intervention sei die Zahl der Hungernden täglich um rund 25.000 gestiegen.

Oxfam macht dafür vor allem die von Saudi-Arabien und Ägypten durchgesetzte Seeblockade verantwortlich. Der Jemen müsse 80 Prozent der benötigten Nahrungsmittel importieren, doch seien seit März nur 20 Prozent ins Land gekommen. Der Oxfam-Direktor für den Jemen, Philippe Clerc, warnt: "Im Jemen droht eine humanitäre Katastrophe riesigen Ausmaßes."


Zusammengefasst: Saudi-Arabiens Krieg gegen die Huthi-Rebellen im Jemen hat schlimme Folgen: 4.000 Menschen wurden in den vergangenen vier Monaten getötet, jeder zweite Jemenit leidet Hunger. Das ärmste Land des Nahen Ostens wird dadurch weiter destabilisiert, eine politische Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht.

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