Jemen Briefe aus einem verstörten Land

Saudi-Arabien und Iran kämpfen seit einem Jahr um die Vormacht im Süden der Arabischen Halbinsel. Nun sollen Friedensgespräche beginnen. Für den SPIEGEL beschreiben vier Jemeniten, wie sie den Krieg überlebt haben.

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Kämpfer des militanten Volkswiderstandskomitees
AFP

Kämpfer des militanten Volkswiderstandskomitees

Ismail Muharram, 61, weiß noch genau, was er in der Nacht zum 26. März des vergangenen Jahres seiner Familie sagte, als kurz nach Mitternacht in der Nähe ihres Hauses die ersten Bomben niedergingen. Das sei "nur ein Militärschlag der Saudis", versuchte er seine in Panik geratene Frau und Kinder zu beruhigen. Die "Operation Entscheidungssturm" sei "bald vorbei".

Der Agrarwissenschaftler aus Sanaa hatte sich geirrt - wie auch viele andere, das saudische Königshaus eingeschlossen. Der von Riad im Namen der Stabilität begonnene Militärschlag hat den Jemen endgültig in Chaos und Elend gestürzt. Die Uno zählt mindestens 6400 Tote, Zehntausende Verletzte und schätzungsweise zweieinhalb Millionen Flüchtlinge.

Seit dem Wochenende gilt eine brüchige Waffenruhe, ab kommendem Montag wollen die Konfliktparteien in Kuwait über eine dauerhafte Friedenslösung verhandeln. Klar ist aber schon jetzt: Ihr Ziel hat die von Riad geführte arabische Kriegskoalition weit verfehlt. Sie wollte die Macht der Huthi-Rebellen brechen, die als Zaiditen den Schiiten in Iran nahestehen - und von ihren Glaubensbrüdern in Teheran sowie der libanesischen Hisbollah unterstützt werden. Doch auch nach Tausenden Luftangriffen kontrollieren die Huthis weiterhin die Hauptstadt Sanaa im Norden; der von Saudi-Arabien gestützte Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi, ein Sunnit, versucht zumindest rund um die Hafenstadt Aden seine Macht zu behaupten - wenn er nicht in Riad Zuflucht vor Selbstmordattentaten und Angriffen sucht. Denn im Süden übernehmen religiöse Extremisten mehr und mehr die Kontrolle, darunter Ableger von al-Qaida und dem "Islamischen Staat" (IS).

Abd Rabbuh Mansur Hadi
REUTERS

Abd Rabbuh Mansur Hadi

Und dann mischt bei den Kämpfen auch noch der ehemalige Präsident Ali Abdullah Saleh mit. Er stützt sich auf Tausende Sicherheitskräfte, die ihm persönlich ergeben sind. Gemeinsam mit den Huthi-Rebellen belagern Salehs Milizen seit Monaten Taizz. Der Bergort liegt strategisch wichtig zwischen Sanaa und Aden. Als Saleh noch Staatschef war und von den Saudis unterstützt wurde, hatte er die Huthis erbittert bekämpft, obwohl er selbst Zaidit ist; jetzt kooperiert er mit den Rebellen, um seinen Einfluss wieder auszubauen.


So ist der Jemen-Krieg vor allem ein lokaler Konflikt, in dem sich nicht nur die alten Eliten - auf der einen Seite Präsident Hadi, auf der anderen dessen Vorgänger Saleh - bekämpfen, sondern auch neue Bewegungen wie die Huthi-Rebellen eine Teilhabe an der Macht fordern. Damit nicht genug: Der einst selbstständige Süden kämpft gegen die Bevormundung durch den Norden und verlangt seine alte Unabhängigkeit zurück.

AFP

Doch für den mächtigen Nachbarn Saudi-Arabien geht es im Jemen um mehr. Riad fürchtet um seine Vormachtstellung in der Region. Denn die Saudis sehen in den Huthis die Stellvertreter Irans, der nicht erst seit der Beilegung des Nuklearkonflikts mit dem Westen Ansprüche als Regionalmacht anmeldet. Um zu verhindern, dass in seinem Nachbarland Verbündete Teherans die Macht übernehmen, schmiedete das Königshaus die arabisch-sunnitische Allianz für den Militärschlag.

Per Telefon, E-Mail und mitunter auch nur SMS hielt der SPIEGEL in den vergangenen Monaten immer wieder Kontakt mit Familien in Aden, Sanaa und Taizz. Sie haben aufgeschrieben, wie der weitgehend unbeachtete Krieg ihr Leben verändert und sogar zerstört hat.


"Ex-Präsident Saleh hat meinen Bruder auf dem Gewissen"

Amina Mansour, 30, arbeitete bis zum März vergangenen Jahres als Englischlehrerin und lebt mit ihrem Mann, einem Buchhalter, und ihrem sieben Monate alten Sohn Amir in Taizz.

Amani Mansour

Amani Mansour

Taizz, im März

Ich schreibe meinen Brief, während jederzeit eine Rakete in unser Haus einschlagen kann. Ich schicke ihn per SMS, da ich seit fünf Monaten keinen Zugang mehr zu meinem E-Mail-Account habe und unser Internet völlig instabil ist. Wenn der Akku meines Telefons gleich leer ist, kann es dauern, bis ich die nächsten Absätze sende, da unsere Stromversorgung immer wieder zusammenbricht. Auch die Lebensmittel sind knapp geworden. Mein Mann und ich können uns nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten, für unseren Sohn Amir kaufe ich immer öfter Trockenmilch mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum. Aber selbst die ist knapp. In meiner Not habe ich vor drei Monaten schon begonnen, ihn mit fester Nahrung zu füttern. Ich füttere ihn jetzt mit allem, was wir uns noch leisten können: vor allem mit Kartoffeln und Reis.

An die Zukunft denken wir schon lange nicht mehr. Es geht nur noch um das Überleben von einem Tag zum anderen. Es geht darum, nicht zwischen die Fronten zu geraten. Genau das kann uns aber passieren, denn unser Haus liegt in der Huraisch-Straße, nahe dem Freiheitsplatz im Zentrum der Stadt, und damit in einem sehr umkämpften Gebiet. Aber wir haben nicht mehr das Geld und die Kraft, noch einmal umzuziehen. Wohin sollten wir auch fliehen? Und wie sollte ich mit meinem Baby die Blockade durchbrechen?

Mein Mann Kamel arbeitet in der Buchhaltung einer großen Firma, aber sie liegt in einem anderen Teil der Stadt, den er wegen der Kämpfe nicht erreichen kann. Ihm wurde zwar nicht gekündigt, aber er bekommt seit Monaten kein Gehalt mehr. Meine Schule, an der ich als Englischlehrerin beschäftigt war, ist geschlossen, ebenso der Kosmetiksalon, in dem ich etwas dazuverdient habe.

Seit einigen Tagen habe ich allerdings wieder ein wenig Hoffnung für uns und meine Stadt. Im Westen von Taizz haben sich Huthis und die Saleh-Milizen zurückgezogen. Unsere Widerstandsgruppen sind nachgerückt. Damit ist die Blockade dort aufgehoben. Meinem Mann ist es gestern gelungen, zu seiner Firma zu fahren. Für den Weg brauchte er früher nur 20 Minuten, jetzt dauert es wegen der Umwege und vielen Checkpoints zehnmal länger. Er ist heil zurückgekommen. Aber Arbeit haben sie für ihn keine.

Wie bereits mehr als die Hälfte der vielleicht 600.000 Bewohner von Taizz haben auch meine Eltern ihr Haus, in dem ich mit vier Schwestern und drei Brüdern groß geworden bin, längst wegen der vielen Raketeneinschläge aufgegeben. Meine ganze Familie hat die Stadt verlassen, sie ist aufs Land geflohen.

Zurzeit hausen sie in einem ehemaligen Lazarett, das als Notunterkunft dient. Ich wollte damals nicht fort. Nun leben wir zu dritt bei meinen Schwiegereltern im ersten Stock auf zwei Zimmern. Wenn wieder Raketen in unsere Richtung gefeuert werden, dann verbringen wir den ganzen Tag zusammen mit meinen Schwiegereltern im Erdgeschoss. Wir sitzen ohnehin die meiste Zeit im Haus und warten. Worauf? Auf die nächsten Raketen.

Während ich das schreibe, werde ich immer wütender auf Saleh. Der Ex-Präsident hat meine Träume zerstört, das Leben meiner Familie ruiniert und meinen Bruder auf dem Gewissen: 33 Jahre lang hatte Saleh das Land bereits ausgesaugt, als Anfang 2011 im Jemen die Rufe nach Freiheit und Demokratie und nach Salehs Rücktritt aufkamen. Wir sind noch immer stolz, dass Taizz das Herz der Revolution war.

Bis zum Beginn der Demonstrationen träumte ich von einem Master-Abschluss in Englisch, von einer guten Stelle bei einer internationalen Organisation in Sanaa und sehnte mich nach einem Kind, nach einer eigenen Familie. Mit den Protesten hoffte ich dann auch auf eine bessere Zukunft für das ganze Land. Könnten wir auf friedlichem Weg unsere Stammesgesellschaft reformieren? Würde es uns gelingen, eine Zivilgesellschaft aufzubauen?

Der damalige Präsident Saleh hat uns um alle Hoffnungen gebracht. Von den Bergen, die unsere Stadt umgeben, feuerten seine Truppen ihre Raketen ab, mitten hinein nach Taizz. Sie haben auf alle geschossen, von denen sie ihre Macht bedroht sahen, auch auf Frauen und Kinder und alte Menschen, ohne Rücksicht.

Mein Bruder Mohammed zählte nicht zu den Demonstranten, als sich ein Granatsplitter am 20. September 2011 in sein Herz bohrte. Noch am Nachmittag hatte er unserem Vater erzählt, dass er den Jemen verlassen werde, um in Saudi-Arabien Geld zu verdienen. Mit den Einkünften wollte er uns, seine Familie, unterstützen. Dann hat er den Fehler begangen, seinen Entschluss mit Freunden zu feiern - und geriet in einen Raketenangriff auf unser Viertel. Er verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus.

Ich hasse Saleh auch, weil die ständigen Raketeneinschläge seiner Milizen mich im vergangenen Jahr beinahe um mein Mutterglück gebracht hätten. Endlich, nach so vielen Jahren, in denen ich mich danach gesehnt hatte, war ich schwanger. Dann, am Abend des 20. September, lösten stundenlange Angriffe eine Frühgeburt aus. Nur mit viel Glück haben mein Kind und ich überlebt.

Ich höre, dass die Saudis angeblich mit den Huthis reden, und dass es an der Grenze zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen ruhiger geworden sein soll. Trotzdem habe ich in der vergangenen Nacht wieder nicht geschlafen, schlagen hier weiter Granaten ein, sind gestern 15 Menschen bei Gefechten und durch Granatenbeschuss getötet worden. Bei jeder Explosion bitte ich Gott um Frieden und ein Ende der Blockade.


"Bomben statt Feuerwerk"

Hussain al-Bukhaiti, 31, ist ein bekennender Huthi-Aktivist, der nach gut zwölf Jahren im Exil erst 2013 in seine Heimat zurückgekehrte; derzeit dokumentiert der hauptberufliche Englisch-Übersetzer von Sanaa aus vor allem die Kriegsverbrechen, die von der saudi-arabisch geführten Militärkoalition begangen werden. Sein Bruder Mohammed ist Führungsmitglied des politischen Arms der Huthi-Rebellen.

Hussain Al-Bukhaiti
Rawan Shaif Al-Aghbari/ DER SPIEGEL

Hussain Al-Bukhaiti

Sanaa, im März

Ich hatte lange überlegt, ob es sinnvoll ist, in diesen Zeiten zu heiraten. Der Krieg zehrt an den Nerven, er ruiniert unseren Alltag, zerstört unser Leben. Aber wie lange kann man sich vor den Bomben verkriechen? Meine Frau Shams und ich haben im vergangenen Herbst beschlossen, den Krieg nicht länger über unser Leben bestimmen zu lassen. Shams heißt Sonne, und so wollten wir mit unserer Hochzeit dem Tod und der Verwüstung etwas entgegensetzen. Auch andere Paare in unserem Bekanntenkreis denken so und heiraten trotz des Krieges. Wir dürfen nicht vergessen zu leben, zu lachen, zu hoffen.

Ich arbeite als Übersetzer für Touristen und Geschäftsleute, aber da gar keine Ausländer mehr nach Sanaa kommen, habe ich nichts mehr zu tun. Shams ist 21 und studiert noch Medienwissenschaften. Wegen der Luftangriffe gab es lange keine Vorlesungen, aber dann haben die Studenten darauf gedrungen, den Lehrbetrieb wieder aufzunehmen, trotz der Bomben. Zu unserer Hochzeit, einer bescheidenen Zeremonie im Haus eines Verwandten, haben wir kein Feuerwerk veranstaltet, sondern die Köpfe eingezogen, wenn wir Explosionen hörten.

In den vergangenen Wochen habe ich ein wenig Hoffnung geschöpft, als ich von den geheimen Gesprächen zwischen Huthis und Saudis hörte. Aber inzwischen bin ich sicher, dass es Riad nicht um Frieden für den Jemen geht. Sie wollen Ruhe an ihrer Grenze und verhindern, dass die Kämpfe nach Saudi-Arabien übergreifen. Bei uns aber bomben sie weiter. Vor zwei Tagen ist mein Freund Mohammed Emran in Taizz getötet worden. Er betete in einer Moschee, die von einer Bombe getroffen wurde. Heute Nachmittag, während ich das schreibe, hat eine Bombe ein Blutbad auf einem Markt im Gouvernement Haddscha angerichtet. Es gab mehr mindestens 97 Tote und unzählige Verletzte.

Soll ich meine Heimat wieder verlassen, wie im Jahr 2000? Damals bin ich vor dem Saleh-Regime geflohen, habe anfangs in der Kälte der Niederlande, dann im Regen von Großbritannien Zuflucht gefunden und bin erst mit der Revolution 2011 zurückgekehrt. Ich war voller Hoffnungen. Doch im Nationalen Dialog, der den Übergang vom Despoten Saleh zu einer demokratischen Regierung moderieren sollte, konnten zentrale Fragen nicht gelöst werden. Wir hatten uns zwar auf die Einführung eines föderalen Systems geeinigt, aber in die Aufteilung der Regionen wurden wir nicht einbezogen. Damit schwanden meine Hoffnungen auf eine politische Lösung.

Unsere Bewegung nahm vor über zehn Jahren im Gouvernement Saada unter Führung des Predigers Hussein Badr al-Din al-Huthi ihren Anfang. Als Schiiten sind wir Huthis für die Saudis eine Gruppierung, die es eigentlich nicht geben darf. Nachdem wir im September 2014 die Hauptstadt Sanaa erobert hatten, wurden wir für das Königshaus endgültig zur Bedrohung.

Dass Teheran unsere Bewegung militärisch unterstützt, ist ein alltäglicher Vorwurf der Saudis. Auch Hadi erzählt immer von Revolutionswächtern aus Iran, die seine Truppen angeblich gefangen genommen haben. Für mich ernst zu nehmende Beweise hat er bislang nicht vorgelegt. Politische Unterstützung aus Iran mag es geben. Doch die wahre Stärke der Bewegung geht auf ihren Rückhalt in der Bevölkerung zurück. Wie könnten wir uns sonst so lange halten, obwohl die Militärkoalition über uns eine See-, Luft- und Landblockade verhängt hat?

Wie in allen Gebieten, die von den Huthis beherrscht werden, ist auch hier in Sanaa die Lage vergleichsweise stabil. Wenn hin und wieder ein Selbstmordattentäter ein Blutbad anrichtet, dann kann man ziemlich sicher sein, dass er aus einer der Gegenden eingesickert ist, über die wir keine Kontrolle haben. Dazu gehören die ölreiche Provinz Hadramaut im Osten und wichtige Gebiete im Süden. In der Region um Aden gewinnt al-Qaida gefährlich an Boden, kontrolliert bereits ganze Gebiete. Die Saudis haben die Präsenz von al-Qaida toleriert, weil die Terroristen vor allem uns erbittert bekämpfen.

Aber inzwischen greift al-Qaida immer öfter Ziele in der Mitte des Landes an. In der Region von Taizz haben sie gerade erst Massenexekutionen abgehalten, ihre Opfer hinter Geländewagen durch den Staub geschleift. Saudis sollen das, so heißt es, wie einen Sieg gejubelt haben.

Seit meiner Rückkehr aus dem Exil habe ich manches Mal gedacht, meine Heimat wieder zu verlassen, noch mal irgendwo neu anzufangen. Doch Ende des Jahres wurde mein Dorf im Gouvernement Dhamar bombardiert. Mein Neffe Saleh wurde unter dem Schutt seines Elternhauses begraben. Er war vier Jahre alt. Als Nachbarn versuchten, den Jungen zu bergen, kam eine zweite Angriffswelle und tötete vier Helfer, zwölf wurden verletzt. Ich will nicht in der Fremde sein, wenn meine Familie, wenn mein Volk so leidet.


"Wir müssen unseren Weg gehen"

Der Mediziner Ammar Abdullah Derwish, 27, entstammt einer angesehenen Ärztefamilie in Aden und hilft als Freiwilliger den Opfern des Bürgerkriegs.

Ammar Abdullah Derwish

Ammar Abdullah Derwish

Aden, im März

Ich kann auf die Straße gehen. Und ich kann auch durch die Stadt fahren. Es gibt sogar einen regelmäßigen Busverkehr mit der Hauptstadt Sanaa im Norden. Ja, es ist möglich, hier in Aden ein halbwegs normales Leben zu führen - wenn man weiß, wo gerade gekämpft wird, in welchen Vierteln sich Regierungstruppen Gefechte etwa mit al-Qaida liefern. Meistens weiß man das auch. Deshalb fahre ich als ehrenamtlicher Helfer weiterhin Medikamente durch die Stadt und liefere Tabletten gegen Bluthochdruck oder Herzleiden an Bedürftige aus.

Aber die Lage wird immer unübersichtlicher. Während des Bürgerkriegs war der Frontverlauf ziemlich klar: Auf der einen Seite standen unsere Milizen, auf der anderen die Huthis und die mit ihnen verbündeten Truppen von Ex-Staatschef Saleh. Doch seit wir den Angriff aus dem Norden abgewehrt haben, bricht die gemeinsame Front auf, stellen viele Gruppen eigene Machtansprüche und bekämpfen einander. Seither häufen sich die Anschläge. Erst gestern hat ein Zusammenstoß zwischen Militanten und Regierungstruppen mindestens 18 Tote gefordert.

Trotzdem hat der Krieg weniger Schaden angerichtet, als unsere Vereinigung mit dem Norden 1990. Sie hat zu einem Nord-Süd-Gefälle geführt. Die Jemeniten erster Klasse leben im Norden, etwa in Sanaa. Wer in der Mitte des Landes wohnt, in Taizz, Hudaida oder Ibb, der gilt als Bürger zweiter Klasse. Wer aber im Süden zu Hause ist, der wird am schlechtesten behandelt, hat die geringsten Chancen auf Ansehen und Erfolg.

Natürlich gibt es keine diskriminierenden Gesetze, aber es gibt Tatsachen, ganz persönliche Erfahrungen. Um etwa meinen Facharzt zu machen, muss ich in Aden zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen, bevor ich mich darum bewerben kann. Meinen Freunden und Kollegen in Sanaa bleibt das erspart. Unser Gesundheitssystem ist verrottet und korrupt.

Auch beim Gehalt liegen Welten zwischen Nord und Süd. In einem staatlichen Krankenhaus hier in Aden wurden mir einmal 100 Dollar geboten, in einer privaten Klinik immerhin das Dreifache. Ein Kollege in Sanaa erhält 800 Dollar.

Ich habe die Leute im Norden trotz der Ungerechtigkeiten nicht gehasst, im Gegenteil: Ich habe versucht, sie zu mögen. Ich habe als Jugendlicher sogar Bilder des damaligen Präsidenten Saleh gesammelt. Aber er hat uns alle belogen: Statt wie versprochen 2006 nicht mehr anzutreten, hat er sich wiederwählen lassen - obwohl er bereits seit 1978 im Amt war.

Wie es weitergeht mit dem Jemen, vor allem mit uns im Süden, weiß ich nicht. Ich sehe für uns nur eine Chance, wenn wir unseren Weg allein gehen, unabhängig vom Norden. Manche dort oben, die ich für Brüder und Schwestern hielt, werfen mir vor, ich sei ein Verräter - am Land und am Patriotismus. Aber ich bin nur ehrlich. Es klaffte immer ein tiefer Spalt zwischen dem Norden und dem Süden, aber jetzt ist er gefüllt mit Blut, mit Leid und Tod. Wie sollen wir einander wieder vertrauen, so heftig, wie wir einander bekämpfen? Gleichheit und Gerechtigkeit sind das Mindeste, was wir im Süden fordern. Und Sicherheit. Aber all das ist in so weiter Ferne, dass ich nicht heiraten werde. Ich wüsste einfach nicht, wie ich meiner Familie eine Zukunft geben könnte.


"Wir haben uns alle verschätzt"

Ismail Muharram, 61, leitete bis 2010 das staatliche Forschungsinstitut für Landwirtschaft in Sanaa und gründete anschließend eine Beratungsfirma; nach den ersten Luftangriffen floh der Agrarwissenschaftler mit der Familie in sein Heimatdorf, kehrte im September jedoch in die Hauptstadt Sanaa zurück.

Ismail Muharram

Ismail Muharram

Sanaa, im März

Am Sonntag habe ich etwas ganz Besonderes gemacht. Ich habe bei Freunden, die im fünften Stock wohnen, auf der Terrasse gesessen; wir haben Ingwerwasser getrunken, Nüsse gegessen und auf die Stadt geblickt, die friedlich vor uns lag: Kein Bomber flog über uns hinweg, keine Detonation war zu hören. Nach einem Jahr Krieg war das eine ungewohnte Ruhe.

Wir waren in so guter Stimmung, dass ich erst um sieben Uhr zu Hause war, so spät wie seit einem Jahr nicht mehr. Vielleicht, habe ich zu meinen Freunden gesagt, hat das Blutvergießen bald ein Ende.

Ich gebe zu, ich habe mich schon einmal verschätzt. Als wir vor einem Jahr durch den Militärschlag der von Riad geführten Allianz aus dem Schlaf gerissen wurden, schrien meine Frau und meine Kinder auf, weil Bomben in unserer Nachbarschaft einschlugen. Der Angriff galt Unterkünften der Armee. Es sei nur eine kurze Aktion, um die Huthi-Rebellen aus Sanaa zu vertreiben, beruhigte ich meine Familie. Ich hatte nicht geglaubt, dass Saudi-Arabien einen richtigen Krieg gegen uns führen würde. Welch ein Irrtum.

Die Rebellen hielt ich eher für Stammeskrieger, die mit Kalaschnikows herumlaufen und den ganzen Tag unser traditionelles Rauschmittel Kat kauen. Zudem hatte der Uno-Sicherheitsrat ein Waffenembargo über die Huthis und die Saleh-Milizen verhängt. Was sollten sie dem hochgerüsteten Saudi-Arabien entgegensetzen? Offensichtlich eine Menge.

Vor den anhaltenden Bombardements sind wir aufs Land geflohen. Die Schulen und Universitäten waren geschlossen worden, ich hatte meine Arbeit als Berater internationaler Organisationen verloren, und die Preise für Lebensmittel waren in der Stadt derart gestiegen, dass wir sie kaum bezahlen konnten. Obwohl sich der Benzinpreis verzehnfacht hatte, fuhren wir los. Wir dachten, in meinem Heimatdorf Sofa, 150 Kilometer südlich von Sanaa, sei die Lage entspannter. Ein weiterer Irrtum.

Die Zustände auf dem Land waren niederschmetternd. Überall im Dorf hatten sich Flüchtlinge niedergelassen. Allein in meinem kleinen Haus hatten schon drei Familien Unterschlupf gefunden, neun Erwachsene und sieben Kinder.

Es fehlte an allem, es war katastrophal, und billiger war das Leben dort auch nicht. Selbst für Mehl mussten wir das Doppelte des normalen Preises zahlen; eine Gasflasche für unseren Kocher kostete das Sechsfache, sofern wir überhaupt eine fanden. Daher haben wir Feuerholz gesammelt, und als das alle war, fällten wir die Bäume. In ihrer Not verbrannten einige Familien sogar Plastikflaschen, um kochen zu können. Weil es an allem mangelte, gab es fast täglich Streit, selbst unter Verwandten kam es zu schweren Konflikten um Benzin, Brennholz oder Schlafplätze.

Die Lage im Dorf war so angespannt, dass wir im September in unser altes Haus nach Sanaa zurückkehrten. Die Saudis bombardierten uns fast ununterbrochen. Neben der Schule meines 14-jährigen Sohnes Liath schlug eine Bombe ein, die für den nahegelegenen Präsidentenpalast bestimmt war. Während ich Liath nach Hause geholt habe, ist eine andere Bombe nahe der Universität eingeschlagen, an der meine Tochter studiert.

Trotzdem konnten die Saudis die Huthis und Salehs Leute nicht vertreiben. Deren Bündnis kontrolliert die Stadt, die ganze Region. Auch Saudi-Arabien und seine Allianz haben sich verkalkuliert.

Inzwischen gehen unsere Kinder wieder zum Unterricht. Um nicht zu Hause herumzusitzen, engagiere ich mich in der Flüchtlingshilfe. Mehr als zwei Millionen Jemeniten sind ohne Obdach. Mit meiner kleinen Pension aus dem Staatsdienst und Ersparnissen kommen wir gerade zurecht. Anders als Aden, wo al-Qaida immer stärker wird, ist unsere von den schiitischen Huthis kontrollierte Stadt sicher. Nach einem Jahr Krieg weiß ich nicht mehr, auf wessen Seite ich mich schlagen soll.



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