Bürgerkrieg im Jemen "Sie wollen uns aushungern"

Millionen Menschen hungern, Zehntausende starben bereits durch den Bürgerkrieg, der seit Jahren im Jemen tobt. Wie lässt sich der Konflikt stoppen? Ein Minister der selbst ernannten Huthi-Regierung gibt Antworten.

Kinder in Sanaa erbitten Essen von einer lokalen Hilfsorganisation
DPA

Kinder in Sanaa erbitten Essen von einer lokalen Hilfsorganisation

Ein Interview von


Hisham Sharaf Abdullah, 60, war einst Minister unter Abd Rabbuh Mansur Hadi, dem gewählten Präsidenten des Landes. Heute ist er Außenminister der selbst ernannten Huthi-Regierung, die von Iran unterstützt wird - und kämpft gegen Hadi, die jemenitische Armee und Saudi-Arabien.

SPIEGEL: Der Krieg zwischen Ihrer Allianz und der saudi-arabisch geführten Koalition hat bisher mehr als 10.000 Tote gefordert, sieben Millionen Menschen sind vom Hungertod bedroht. Wie lässt sich der Krieg stoppen?

Sharaf: Unsere Feinde wollen uns aushungern. Sie versuchen uns durch Bomben und ökonomische Isolation an den Verhandlungstisch zu zwingen, zu ihren Bedingungen. Aber das träumen sie nur.

SPIEGEL: Wie ist die Situation in Sanaa?

Sharaf: Die saudi-arabisch geführte Koalition, die den von uns nicht akzeptierten Präsidenten Abd Rabbuh Mansur Hadi unterstützt, droht, Transportflugzeuge abzuschießen, wenn diese versuchen, in Sanaa zu landen. Sie zerbombten unser Luftverteidigungssystem und errichteten eine Flugverbotszone über uns. Sie blockieren den wichtigsten Hafen, Hudaida, durch den 80 Prozent der Hilfsleistungen kommen und fast unsere gesamten Importe. 70 bis 80 Prozent der Staatseinnahmen gehen nach Aden, wir dagegen werden von allen Geldflüssen abgeschnitten. Seit acht Monaten hat hier keiner der Staatsbediensteten mehr Geld erhalten. Wir halten das trotzdem noch lange durch, falls nötig. So viel Zeit haben die Saudi-Araber dagegen nicht.

SPIEGEL: Die militärische Koalition kündigte kürzlich an, den Hafen Hudaida anzugreifen. Wird dieser Krieg am Ende doch militärisch gelöst?

Sharaf: Wenn sie das wirklich wagen, werden sie die Hölle sehen. Die Saudis können uns aus der Luft bombardieren, aber entschieden wird der Krieg auf dem Boden. Ich glaube nicht an eine militärische Lösung. Diese Krise kann nur am Verhandlungstisch gelöst werden.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Sharaf: Eine Schlacht in Hudaida wäre eine Katastrophe. Es gäbe jede Menge Opfer. Hunderttausende Menschen würden aus der Stadt vertrieben, und der Hafen ist die Versorgungsader für Millionen Menschen, die dann abgeschnitten wäre.

SPIEGEL: Wichtigster Grund für den Eintritt der Saudi-Araber in diesen Krieg im März 2015 ist Ihre Allianz mit Iran. Ist das nicht ein ziemlich hoher Preis für eine strategische Verbindung, die den Jemen zum Ort eines Stellvertreterkrieges zwischen regionalen Rivalen macht?

Sharaf: Bitten Sie doch die Amerikaner oder Saudis, Ihnen konkrete Belege vorzulegen für die Präsenz von Iranern im Jemen. Falls die Saudis die Iraner von ihren Grenzen fernhalten wollen, sollten sie diesen Streit nicht in unserem Land führen. Wir haben kaum Kontakt mit Iran. Iran ist keineswegs so unterstützend wie die Saudis es den Medien gern erzählen wollen.

SPIEGEL: Leider glaubt Ihnen das keiner.

Sharaf: Als ich jüngst den Geschäftsführer der iranischen Botschaft bat, uns zwölfLuftabwehrraketen zu geben, um die saudi-arabischen Flugzeuge abzuschießen und unsere Bürger zu schützen, sagte er, er könnte uns leider nicht behilflich sein. Die Iraner würden sich hier nicht einmischen. So ist die Lage.

SPIEGEL: Was genau ist das für ein Bündnis zwischen den Huthis und Teheran?

Sharaf: Die Bruderschaft mit Iran, die immer wieder durch die Medien behauptet wird, ist ein Produkt saudi-arabischer Propaganda. Es gibt sie nicht. Wir schulden den Iranern gar nichts. Wenn es in diesem Konflikt wirklich um Iran geht, sollten sie Sanktionen gegen Iran verhängen. Warum belagern sie uns seit zwei Jahren, anstatt direkt deren Geldflüsse und Waffenkäufe zu unterbinden?

SPIEGEL: Die Uno-Resolution 2216 verlangt, dass Sie die von der Armee erbeuteten Waffen zurückgeben, besetzte Gebiete räumen und zum politischen Prozess zurückkehren. Warum folgen Sie dieser Aufforderung nicht?

Sharaf: Diese Uno-Resolution wurde im April 2015 beschlossen, als die Verhältnisse gänzlich andere waren. Jetzt sind wir einer ungerechtfertigten saudischen Aggression ausgesetzt und einem Wirtschaftskrieg. Früher hätten wir uns zusammensetzen und Differenzen diskutieren können. Aber inzwischen handelt Hadi nur noch als Emissär des saudischen Regimes, setzt deren Agenda um und opfert sein Volk. Wir verweigern uns Verhandlungen nicht. Wir verlangen aber, dass der Aggressor mit am Tisch sitzt. Ohne die Saudis kann ein Frieden nicht umfassend sein. Sie finanzieren den Krieg und werden das weiter tun, wenn sie nicht von Supermächten abgehalten werden, sich auch in Zukunft in unsere Angelegenheiten zu mischen.

SPIEGEL: Sie wiederum kooperieren inzwischen mit Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh, der sechs Kriege gegen die Huthis führte. Wie kommt es zu dieser überraschenden Koalition?

Sharaf: Als die Huthis im Herbst 2014 in Sanaa die Regierungseinrichtungen übernahmen, landete dort Ende Oktober ein Flugzeug der saudischen Königsfamilie. Der Gesandte des saudischen Königs warb beim früheren Präsidenten Saleh dafür, die Huthis zusammen mit den Alliierten der Saudis zu bekämpfen. Die Saudis fürchteten damals den Vormarsch der Huthis in der Region. Hinter der saudischen Offerte, die mit einem Blankoscheck bekräftigt wurde, steckte der damalige saudische Verteidigungsminister und heutige König Salman. Die Anfrage war, die Huthis mit allen notwendigen Mitteln zu bekämpfen, gemeint war: Sie "zu vernichten". Ich war bei diesem Ereignis selbst anwesend. Saleh lehnte das Angebot ab und bot stattdessen eine politische Lösung gemeinsam mit den Huthis an. Das wiederum lehnten die Saudis ab. Sie waren sehr wütend. Deshalb sind Saleh und die Saudis jetzt verfeindet, und wir taten uns zusammen.

SPIEGEL: Die Huthis hatten früher beste Kontakte nach Riad und in die USA. Was hat sich geändert?

Sharaf: Die Saudi-Araber haben Angst vor Iran, und die USA nutzen das für ihre Geschäfte aus. Sie verkaufen ihnen hoch entwickeltes militärischen Gerät, Beratung, Überwachungs- und Waffensysteme, damit die amerikanische Wirtschaft läuft. Und die Jemeniten sind die Opfer dieser gemeinsamen Interessen der Saudis und der Amerikaner.

SPIEGEL: Kanzlerin Merkel war vor wenigen Tagen in Riad. Dort warb sie für das Ende der saudi-arabischen Bombardements. Hilft das?

Sharaf: Frau Merkel sagte schöne Worte und forderte ein Ende der Aggression. Das war richtig und wir schätzen das. Aber nur wenige Monate zuvor unterschrieben ihre Verteidigungsministerin und der saudische Verteidigungsminister einen Vertrag, nach dem deutsche Offiziere saudi-arabische Offiziere ausbilden. Ich frage Sie, wie ernsthaft sind wohl die schönen Worte von Kanzlerin Merkel, wenn sie gleichzeitig den Saudis dabei behilflich ist, Menschen zu töten?

SPIEGEL: Ex-Präsident Saleh verhandelte immer wieder mit den Vereinigten Arabischen Emiraten über ein mögliches Friedensabkommen UND Ihre Gruppe mit den Saudi-Arabern, bisher aber ohne Erfolg. Unter welchen Umständen könnten konstruktive Verhandlungen stattfinden?

Sharaf: Wir können Frieden machen, wenn es positive Signale von Seiten des Aggressors gibt. Die Saudi-Araber sollten die Bombardements einstellen und den Flughafen öffnen, um ihre guten Absichten zu zeigen. Dann würden wir im Gegenzug alle militärischen Angriffe gegen die Saudis und ihre Alliierten einstellen. Verhandlungen können jederzeit beginnen, wenn die Saudis mit an Bord sind. Die Europäer könnten dabei als Vermittler eine positive Rolle spielen. Wir würden den Deutschen, den Italienern oder der Europäischen Union diese Rolle anvertrauen wollen. Ich rufe die Europäische Union und ihre Kommission auf, die Vereinten Nationen bei ihrem Versuch zu unterstützen, im Jemen Frieden zu schaffen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.