USA gegen al-Qaida Jemen wird zur neuen Front im Terrorkampf

Fast hundert Menschen kamen bei einem verheerenden Anschlag in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa ums Leben. Die USA kämpfen in dem Land bereits gegen die Ableger von al-Qaida. Experten fürchten, dass in dem Staat die nächste Generation von weltweit agierenden Terroristen entsteht.

DPA/EPA/Yemeni Defense Ministry Handout

Berlin - Auf der von Blut überströmten Straße lagen die Leichenteile verstreut. Bei einer Militärparade in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, sprengte sich ein Attentäter in die Luft und riss mehr als 90 Menschen mit in den Tod, Hunderte Menschen wurden verletzt.

Die Gewalt im Jemen nimmt immer drastischere Ausmaße an. Bei Kämpfen im Süden des Landes zwischen Regierungssoldaten und islamistischen Aufständischen der Gruppe Ansar al-Scharia kamen im Mai zudem über hundert Kämpfer ums Leben, Zehntausende Zivilisten sollen vertrieben worden sein.

Der Staat am Golf von Aden droht neben der pakistanisch-afghanischen Region Wasiristan zur nächsten Front im Terrorkrieg der USA gegen al-Qaida zu werden. Doch auch ohne die Extremisten hätte der Jemen schon genug Probleme. Das Land ist bettelarm. Die Bevölkerung leidet unter Dürren, Lebensmittelknappheit und Arbeitslosigkeit. Die politische Führung ist korrupt, zwischen den verschiedenen Stämmen des Jemen kommt es immer wieder zu erbittertem Streit.

Aber auch die Nachbarn des Jemen mischen sich verstärkt in die Probleme des geostrategisch wichtigen Staats ein und liefern sich dort einen Stellvertreterkrieg: Iran unterstützt vermutlich schiitische Aufständische, die im Norden des Landes kämpfen. Saudi-Arabien hält dagegen und verbrüdert sich immer wieder mit der Unabhängigkeitsbewegung im Süden des Jemen, wenn ihm die Politik der Regierung in Sanaa nicht passt.

Die USA vermuten im Jemen die für sie gefährlichsten islamistischen Terroristen. Dort gründete sich im Februar 2009 AQAP - al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel, ein regionaler Ableger aus jemenitischen und saudi-arabischen Kämpfern, unter ihnen auch Top-Kaderleute des Terror-Netzwerks.

AQAP gilt als einzige Qaida-Filiale, die hauptsächlich internationale Ambitionen verfolgt - und in der Lage ist, die USA auf ihrem eigenen Staatsgebiet anzugreifen.

Denn im Jemen wird Ibrahim al-Asiri vermutet, al-Qaidas Sprengstoff-Experte, der den USA in den vergangenen Jahren immer wieder gefährlich wurde. So flog im Winter 2009 Omar Farouk Abdulmutallab vom Jemen aus nach Detroit mit einem Sprengstoff Asiris in der Unterhose. In letzter Minute konnte verhindert werden, dass der Mann das Flugzeug in die Luft jagte. Ein Jahr später landeten mit Sprengstoff gefüllte Pakete aus dem Jemen im Frachtraum mehrerer Flugzeuge - sie sollten an amerikanische Synagogen in Chicago geschickt werden. Beim Umladen in Großbritannien und Dubai konnten die Paket-Bomben jedoch aus dem Verkehr gezogen werden.

Kürzlich gelang es den USA mit Hilfe eines Doppelagenten die neue Bombe Asiris abzufangen. Sie sei ohne jegliche Metallbestandteile ausgekommen und hätte von den üblichen Detektoren im Flughafen nicht entdeckt werden können, hieß es. Derzeit werde geprüft, ob Asiris tödliche Erfindung mit Nacktscannern hätte entdeckt werden können.

Angesichts der Anwesenheit der Qaida-Chefs wurde Washington denn auch nervös, als der Jemen im vergangenen Jahr von Unruhen gegen den mittlerweile abgesetzten Präsidenten Ali Abdullah Salih erschüttert wurde. Eine offenbar begründete Sorge: Al-Qaida scheint von dem Chaos durch die Spaltung der Regierungstruppen tatsächlich profitiert und sich ausgebreitet zu haben. So konnten im Mai 2011 konservativ-islamistische Aufständische der neu gegründeten Gruppe Ansar al-Scharia Teile der südlichen Provinzen Abjan und Schabwa erobern, inklusive der Küstenstadt Zindschibar.

Drohnenkrieg im Süden des Landes

Der Krieg zwischen den Regierungstruppen und den islamistischen Aufständischen tobt seit dem vergangenen Jahr. Am 12. Mai 2012 startete das jemenitische Militär eine neue Offensive, um Zindschibar zurückzuerobern. Dieser Krieg entlang der alten Süd-Nord-Konfliktlinie wird zunehmend überlagert von Washingtons Kampf gegen al-Qaida.

Die USA unterstützten das jemenitische Militär mit Logistik, Beratern und Kampfdrohnen. Seit 2011 setzt Washington auch im Jemen Drohnen ein. Im vergangenen September wurde dadurch der Qaida-Prediger Anwar al-Aulaki, ein US-Staatsbürger, getötet. Kürzlich kam auch der Qaida-Kader Fahd al-Ouso ums Leben. Er stand auf der "Most Wanted"-Liste des FBI für seine Beteiligung an einem Anschlag auf das Kriegsschiff USS Cole im Jahre 2000.

Im April 2012 weitete US-Präsident Barack Obama das Mandat des Drohnen-Einsatzes aus, berichtete die "Washington Post" in Berufung auf US-Beamte. Seitdem ist ein Raketenangriff gerechtfertigt, sobald ein Verdacht auf terroristische Aktivitäten vorliegt. Es muss nicht mehr eindeutig klar sein, wer dabei ums Leben kommt. Eine vergleichbare Politik verfolgen die USA bisher nur in Pakistan.

Ex-CIA-Chef warnt vor neuer Terroristen-Generation

Ausgerechnet der vermeintlich erfolgreiche Drohnenkrieg könnte für die USA zum Problem werden. Kritische Stimmen warnen, dass die Raketenangriffe der AQAP neue Anhänger zutreiben. Denn die Zahl der versehentlich getöteten Zivilisten steigt - und damit auch der Hass im Jemen auf die USA und ihre Verbündeten.

Inzwischen sind es nicht nur Menschenrechtsorganisationen und jemenitische Politiker, die die USA für ihr Vorgehen kritisieren. Im Mai warnte Robert Grenier, Ex-Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, in einem Kommentar auf Al-Dschasira: "Wir müssen uns fragen, wie viele Jemeniten, die vorher ausschließlich lokale politische Ziele verfolgten, in Zukunft sich der Gewalt verschreiben und als Reaktion auf die US-Militärangriffe knallharte Gegner des Westens werden."

Der Jemen werde bei einer Fortführung des Drohnenkriegs zu einem "Arabischen Äquivalent von Waziristan", befürchtet Grenier - in Anspielung auf die bergige Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan, die der Kontrolle der beiden Regierungen entglitten ist. Waziristan gilt als internationales Trainingslager für Islamisten aus aller Welt - auch für westliche Konvertiten, die anschließend in ihren Heimatländern Anschläge verüben könnten.

Jemenitische Militärvertreter behaupten, dass man bald den Süden des Landes zurückerobert haben werde. Ein Ende der Gewalt dürfte dies jedoch nicht bedeuten.

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Seite 1
nazareman 21.05.2012
1. optional
Der Jemen ist kein Golfstaat...
kl1678 21.05.2012
2.
Zitat von sysopDPA/EPA/Yemeni Defense Ministry Handout Fast hundert Menschen kamen bei einem verheerenden Anschlag in Jemens Hauptstadt Sanaa ums Leben. Die USA kämpfen in dem Land bereits gegen die Ableger von al-Qaida. Experten fürchten, dass in dem Golfstaat die nächste Generation von weltweit agierenden Terroristen entsteht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834227,00.html
Ich erinnere mich noch an Tawakkul Karman aus Jemen, die anlässlich ihres Friedensnobelpreises 2011 der Welt versprach, diese würde sich noch über die Entwicklung des Landes wundern. Der Jubel war grenzenlos.
frubi 21.05.2012
3. .
Zitat von sysopDPA/EPA/Yemeni Defense Ministry Handout Fast hundert Menschen kamen bei einem verheerenden Anschlag in Jemens Hauptstadt Sanaa ums Leben. Die USA kämpfen in dem Land bereits gegen die Ableger von al-Qaida. Experten fürchten, dass in dem Golfstaat die nächste Generation von weltweit agierenden Terroristen entsteht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834227,00.html
Kann in den Medien auch mal die Fragen gestellt werden, warum die Terroristen so handeln? Die machen das ja nicht nur, weil Sie keinen Arbeitsplatz haben. Ein Großteil der Argumente für ihren unheiligen Krieg liefern wir denen doch frei Haus. Drohnenangriffe, Foltergefägnisse, Zusammenarbeit mit Nordafrikanischen Despoten etc. etc. etc. Ich gehe jede Wette ein das wir sofort aus dem Fadenkreuz der Terroristen verschwinden würden, wenn wir denen nicht länger auf die Nerven gehen. Ein fairer und offener Welthandel und das nicht einmischen in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten wäre das beste Anti-Terror-Mittel, dass man für kein Geld der Welt kaufen kann. Aber es verdienen ja auch einige an diesem Terrorismus und die Rüstungskonzerne freuen sich auch schon auf die nächsten Aufträge. Die für die Terristen entwickelten Drohnen wird man sicherlich demnächst auch optimal im inneren Einstätzen wiedersehen. Man braucht nur den passenden Grund. Ich hatte irgendwie die Hoffnung, dass mit Afghanisten das Fehlverhalten des Westens aufhört aber da scheine ich mich selber im naiven Denken erwischt zu haben. Unsere "Sicherheitspolitiker" brauchen halt weiterhin eine Grundlage für ihr Handeln und das wird zur Not künstlich und klandestin erzeugt.
Claudio Tiberio 21.05.2012
4.
Zitat von frubiKann in den Medien auch mal die Fragen gestellt werden, warum die Terroristen so handeln? Die machen das ja nicht nur, weil Sie keinen Arbeitsplatz haben. Ein Großteil der Argumente für ihren unheiligen Krieg liefern wir denen doch frei Haus. Drohnenangriffe, Foltergefägnisse, Zusammenarbeit mit Nordafrikanischen Despoten etc. etc. etc. Ich gehe jede Wette ein das wir sofort aus dem Fadenkreuz der Terroristen verschwinden würden, wenn wir denen nicht länger auf die Nerven gehen. Ein fairer und offener Welthandel und das nicht einmischen in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten wäre das beste Anti-Terror-Mittel, dass man für kein Geld der Welt kaufen kann. Aber es verdienen ja auch einige an diesem Terrorismus und die Rüstungskonzerne freuen sich auch schon auf die nächsten Aufträge. Die für die Terristen entwickelten Drohnen wird man sicherlich demnächst auch optimal im inneren Einstätzen wiedersehen. Man braucht nur den passenden Grund. Ich hatte irgendwie die Hoffnung, dass mit Afghanisten das Fehlverhalten des Westens aufhört aber da scheine ich mich selber im naiven Denken erwischt zu haben. Unsere "Sicherheitspolitiker" brauchen halt weiterhin eine Grundlage für ihr Handeln und das wird zur Not künstlich und klandestin erzeugt.
Ich stimme mit ihnen überein, glaube jedoch, das sie es sich zu einfach machen und die Schuld alleine den Westen geben. Auf der anderen Seite gibt es auch Verbrecher, nicht alle Moslems sind Kuschelhasen. Der Hass einiger ist sehr alt, weil eben die Religion dies fördert. Auch bei uns gab es früher religiöse Morde, schade das sie diesen Aspekt ausklammern.
vantast64 21.05.2012
5. Weiß man inzwischen, warum der Westen so verhaßt ist?
Zumindest das ließe sich doch leicht vom Mann auf der Straße erfragen, ganz ohne "Think tank" und sogenannte Experten. Ich vermute, er würde sagen, daß der Westen diese Länder oft genug über'n Tisch gezogen hat und nachteilige Geschäfte mit der Herrscherschicht treibt und sie sogar mit Geld und Waffen unterstützt, die Umwelt und Familien zerstört. Ausbeutung in vielerlei Hinsicht und Doppelzüngigkeit des Westens: noch Fragen? Eher die Frage: warum so wenige Terroristen?
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