Antisemitismus bei Labour "Ich gebe zu, dass es ein echtes Problem gibt"

Unter britischen Sozialdemokraten grassiert Antisemitismus, sagt selbst Labour-Chef Jeremy Corbyn. Zugleich wiegelt er ab und spricht von "überhitzter Rhetorik".

Jeremy Corbyn
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Jeremy Corbyn


Der öffentliche Druck war offenbar zu groß geworden: Nach heftigen Debatten über Antisemitismus in der britischen Labour-Partei hat sich deren Vorsitzender Jeremy Corbyn nun ausführlich geäußert - und gibt sich zunächst kleinlaut: "Ich gebe zu, dass es ein echtes Problem gibt, an dessen Lösung Labour arbeitet", schrieb der Oppositionsführer in einem Beitrag für den "Guardian".

Corbyn wird bereits seit Jahren vorgeworfen, nicht entschlossen gegen antisemitische Äußerungen in den eigenen Reihen vorzugehen. Das Thema war vor wenigen Tagen wieder in den Fokus gerückt, weil sich der Parteivorstand weigerte, die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance komplett zu übernehmen.

Der Zusammenschluss von 31 Staaten gegen Antisemitismus und Holocaust-Leugnung kooperiert unter anderem mit der Uno; auch Deutschland ist Mitglied. Die fragliche Erklärung selbst akzeptierten die Labour-Parteioberen zwar - vier der elf als antisemitisch definierten Beispiele aber nicht.

"Taten statt Worte"

"Alle, die antisemitisches Gift versprühen, müssen kapieren: Ihr tut das nicht in meinem Namen", schrieb Corbyn nun in seinem Gastbeitrag. "Ihr seid nicht meine Unterstützer und habt keinen Platz in unserer Bewegung."

Jüdische Organisationen in Großbritannien reagierten zurückhaltend auf den Beitrag des Parteivorsitzenden. Es sei nur ein weiterer Artikel, der eine von Labour selbst geschaffene Lage beklage, aber nichts ändere, sagte ein Sprecher des Jewish Labour Movement. Die Organisation sehe sich einmal wieder genötigt, "Taten statt Worte" einzufordern. Inzwischen habe sie kein Vertrauen mehr in Corbyn.

Kürzlich hatte der Labour-Chef gesagt, seine Partei habe in den vergangenen drei Jahren 300 interne Verfahren wegen Antisemitismus eingeleitet. Etwa die Hälfte davon hätten zu Ausschlüssen oder Rücktritten geführt.

Erst vor einigen Tagen hatten gleich drei jüdische Tageszeitungen den Antisemitismus in der Labour-Partei unter Corbyn angeprangert. Der "Jewish Telegraph", die "Jewish Chronicle" und die "Jewish News" machten mit der gleichen Titelzeile und dem gleichen Leitartikel ihre Ausgaben auf, die Überschrift lautete: "United we stand", übersetzt: "Wir stehen zusammen".

Im Artikel heißt es zur Begründung, sie hätten sich wegen der existenziellen Bedrohung des jüdischen Lebens, die von einer von Corbyn geführten Regierung ausgehen würde, zu diesem Schritt entschieden. Labour sei bisher die Partei der jüdischen Gemeinde gewesen - doch deren "Werte und Integrität sind durch die corbynitische Verachtung für Israel und Juden ausgehöhlt worden".

Corbyn wies einen Teil der zuletzt gegen seine Partei erhobenen Vorwürfe in seinem Gastbeitrag im "Guardian" als "überhitzte Rhetorik" zurück. So könne er die Aussage nicht akzeptieren, Labour sei eine Bedrohung für Juden.

mxw/AFP



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