Britischer Labour-Chef Corbyn, der Super-Sozi

Jeremy Corbyn galt vielen Briten als Steinzeitsozialist. Doch die Jugend liebt den kauzigen Labour-Chef und seine Marotten.

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Von , London


Ja, es gibt Gründe, Jeremy Corbyn vorzuwerfen, er sei etwas zweidimensional. Das kleine Londoner Verlagshaus SelfMadeHero hat sie auf 56 Seiten zusammengetragen und in ein alarmrotes Büchlein gepresst. Man sieht darin, wie "Corbyn the Barbarian" eine "Maydusa" zerpflückt oder mit selbst eingeweckter Marmelade gegen die Großbuchstabenpresse zu Felde zieht. Knittergesicht und Zehn-Tage-Bart. Ein Superheld im Rentenalter.

Das "Corbyn Comic Book" wird kommenden Montag - pünktlich zum Labour-Parteitag in Brighton - veröffentlicht. Es verspricht, ein Bestseller zu werden. Auch wegen des sozialverträglichen Preises von 4,99 Pfund.

Man kann Jeremy Corbyn in Großbritannien kaum entgehen. Der 68-jährige Labour-Chef lächelt von T-Shirts, Tassen und sogar von einer Wand in seinem Londoner Wahlkreis Islington. Kürzlich, bei der "Man of the year"-Gala eines Männermagazins, war es Corbyn persönlich, der den britischen Grime-Star Stormzy pries. Und umgekehrt.

Nicht mal in der langgezogenen politischen Sommerpause waren Engländer, Schotten, Waliser sicher vor dem Labour-Mann. Während Premierministerin Theresa May vor der heimischen Häme Zuflucht in den Alpen suchte, radelte Corbyn lediglich ein paar Tage durch Kroatien, um anschließend kreuz und quer durch Großbritannien zu touren. Sein Ziel waren all jene Wahlkreise, in denen Labour bei der Wahl im Juni nur hauchdünn verlor. Corbyn spekuliert auf Mays Sturz - womöglich noch in diesem Jahr. Er sieht sich selbst als "Premierminister im Wartestand". Und das Irrste in diesen irren Zeiten ist: Niemand hält das für einen Witz.

Labour rückt wieder nach links

Man muss kurz mal zurückspulen in den April, um zu ermessen, in welch atemberaubenden Tempo sich die Machtverhältnisse im Land verkehrt haben. Als May damals Neuwahlen ausrief, galt sie als populärste Regierungschefin seit Jahrzehnten. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament schien möglich, selbst konservative Analysten warnten, das Land sei auf dem Weg in einen Ein-Parteien-Staat. Und das vor allem deshalb, weil Labour nicht viel mehr war als ein hoffnungslos zerrütteter Haufen. Mit einer Witzfigur als Chef.

Seit der Sozialist und Pazifist Corbyn 2015 durch eine Kette von Zufällen an die Parteispitze gerückt ist, liefern sich die kleine ultralinke Gruppe, die ihn umgibt, und das Labour-Establishment bizarre Scharmützel. Die unter Tony Blair und Gordon Brown nach rechts gerückte Partei ließ keine Gelegenheit aus, Corbyn als fundamentalistischen Steinzeit-Schrat zu verspotten. Alle Versuche, ihn abzusetzen, scheiterten, weil die Parteibasis mit großer Mehrheit hinter Corbyn steht.

Als Corbyn dann im Wahlprogramm noch Steuererhöhungen für Reiche und die Verstaatlichung von Eisenbahnen und Stromkonzernen versprach, war für die Parteirechte Labours Schicksal besiegelt. Ein eindeutig linkes Programm verstieß gegen das Blairsche Axiom, das der Ex-Premier - gemeinsam mit seinem Kumpel Gerhard Schröder - Ende Neunzigerjahre aufgestellt hatte: Wahlen können nur in der Mitte gewonnen werden. So groß war Blairs Furor, dass er kaum verhohlen dazu aufrief, Labour diesmal zu boykottieren.

Seit Monaten stabil vor den Tories

Dann geschah etwas Seltsames. Gegen jede Vorhersage kam Labour am 8. Juni landesweit auf rund 40 Prozent. Im Vergleich zur Wahl davor erhielt die Partei drei Millionen Stimmen mehr - der größte Zuwachs seit 70 Jahren. Zwar lag Labour immer noch hinter den Konservativen. Aber es fühlte sich an wie ein Sieg. Mehr noch, es fühlte sich an wie ein Wendepunkt. Selbst ein Ex-Berater Blairs räumte ein: "Corbyn hat gezeigt, dass ein klares linkes Programm nicht automatisch in eine verheerende Niederlage führt."

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Labour-Chef Corbyn: Jeremy, 68, Held der Jugend

Im Moment des Triumphs geriet allerdings etwas aus dem Blick, dass Labour womöglich nicht trotz, sondern wegen des internen Zwists so überragend abgeschnitten hatte. Tatsächlich standen an diesem 8. Juni zwei Labour-Parteien zur Wahl: die sozialistische Corbyn-Linke und die marktliberalen Mitte-Demokraten. In etlichen Kreisen hatten diese ausdrücklich gegen Corbyn Wahlkampf gemacht: Der habe ohnehin keine Chance, Regierungschef zu werden, also könne man getrost Labour wählen. So deckte Labour diesmal ein Spektrum ab, das in Deutschland vom linken Rand der Linken bis zum rechten Rand der Grünen reichen würde. Eine geniale Strategie - wenn sie denn beabsichtigt gewesen wäre.

Der große Gewinner hieß am Ende Jeremy Corbyn. Aber ob er es am Ende bis in Downing Street Nr. 10 schaffen kann? In den Umfragen liegt Labour seit Monaten stabil vor den Tories. Ein Gutteil der Briten reagiert inzwischen allergisch auf den politischen Dreiklang aus Entfesselung der Märkte, Schrumpfung des öffentlichen Sektors und Eigenverantwortung, der unter Margaret Thatcher begann und von mehreren Tory- und Labour-Regierungen fortgesetzt wurde.

Der Vorzeige-Parlamentarier

Schon 2016 sprach sich mehr als die Hälfte der Bürger für Steuererhöhungen aus, um Geld ins kaputtgesparte Gesundheits- und Erziehungssystem zu stecken. 42 Prozent fanden, Reichtum müsse zugunsten Bedürftiger umverteilt werden - so viele wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Mit Corbyn steht nun ein Mann an der Labour-Spitze, der das immer schon vertrat. Seit 36 Jahren im Parlament stimmte er allein unter Blair und Brown 428 Mal gegen die eigene Partei, er votierte gegen den Irakkrieg, gegen Anti-Terror-Gesetze, gegen Sparorgien im nationalen Gesundheitsdienst.

Zudem besitzt der Vegetarier und Marmeladen-Einkocher aus Nordlondon eine hohe persönliche Glaubwürdigkeit. Selbst während des hitzigen Wahlkampfs, als er von Tories unter anderem als "hammelköpfiger Wirrgeist" verballhornt wurde, ließ er sich nie zu persönlichen Attacken hinreißen. Und auch der Spesenskandal im Parlament 2009, der für viele bis heute das Klischee vom raffgierigen Politiker zementiert, konnte Corbyn nichts anhaben: Er machte seinerzeit 8,95 Pfund geltend. Für eine Druckerpatrone.

Wohl auch deshalb fliegen dem Senior - wie sonst vielleicht nur noch dem US-Demokraten Bernie Sanders - gerade die Herzen der Jugend zu. Es ist ein regelrechter Kult um Corbyn entstanden oder "Jezza", wie ihn seine jugendlichen Anhänger nennen. Als er kürzlich, als erster Politiker überhaupt, auf dem legendären Rockfestival in Glastonbury die Bühne betrat, gab es unter den 100.000 begeisterten Fans nicht wenige, die sich "I love Jez" und "Jez we can" auf die Stirn gepinselt hatten.

Bei all dem Hype fällt anscheinend nicht weiter ins Gewicht, dass Corbyn mit seiner Europaskepsis ein entscheidender Wegbereiter des Brexit war. Auch dass er auf dem linken Auge bisweilen blind ist und Diktatoren entschuldigt, so lange sie vermeintlich für die sozialistische Sache kämpfen, sieht ihm sein Fanclub nach.

Die Labour-Linke - allen voran die stetig wachsende Graswurzelbewegung "Momentum" - will nun mit allen Mitteln sicherstellen, dass sich die Partei auf Dauer linksaußen positioniert. Auf dem Parteitag, der am Samstag in Brighton beginnt, will das Corbyn-Lager eine Satzungsänderung durchdrücken, die sozialistischen Kandidaten den Weg an die Parteispitze erleichtern würde. Den jetzigen Chef wissen sie dabei auf ihrer Seite. Corbyn hat - bei aller Onkelhaftigkeit - nicht vergessen, wie gehässig das Partei-Establishment über Jahre mit ihm umging. Und er spricht in letzter Zeit auffällig häufig von der "Labour-Bewegung", wenn er seine Partei meint.

Erstmals seit langer Zeit begeistern sich in Großbritannien wieder Menschen für einen Politiker. Vor allem Nichtwähler und die Jugend. Dass er schon reichlich grau aussieht, erhöht in ihren Augen nur seine Glaubwürdigkeit: Er hat sich eben nicht verbiegen lassen. Corbyn beklagt wortreich und zurecht, dass die Jungen unter Studienschulden ächzen, mit grotesken Gehältern abgespeist werden und von einem eigenen Haus nicht mal mehr träumen dürfen. Nur: Was daraus folgt, ist innerhalb seiner Bewegung überhaupt noch nicht geklärt. Und so lange Corbyn nicht regiert, muss er es auch nicht klären.

Anders als früher werden die Parteirechten Corbyn aber künftig nicht mehr unterschätzen. Und der hat schon klargemacht, dass er seine Aufgabe eher als Langstreckenlauf betrachtet. Auf die Frage, ob er mit seinen 68 Jahren wirklich dauerhaft Labour-Chef bleiben will, antwortete er: "Schauen Sie mich an, ich habe die Jugend auf meiner Seite."

Es sollte ein Scherz sein. Vielleicht aber auch mehr als das.



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