Jerusalem 16 Tote bei Bombenanschlag - Israel antwortet mit Raketen

Neues Blutvergießen in Nahost: In der Innenstadt Jerusalems explodierte ein voll besetzter Bus. Bei dem Selbstmordanschlag starben 16 Menschen. Bei zwei Gegenschlägen in Gaza tötete das israelische Militär daraufhin mindestens neun Palästinenser.


Anschlag auf Bus in Jerusalem: 16 Tote, 80 Verletzte
AP

Anschlag auf Bus in Jerusalem: 16 Tote, 80 Verletzte

Jerusalem - Die Detonation, die in der ganzen Stadt zu hören war, ereignete sich am Nachmittag während der Rushhour in der Jaffa-Straße, einer Hauptverkehrsstraße. Ein Augenzeuge berichtete, der voll besetzte Bus sei "von der Wucht der Explosion förmlich zerrissen worden".

Das Attentat wurde in der Nähe des Marktes Mahane Jehuda verübt, der in der Vergangenheit mehrfach Ziel von Anschlägen war. Die Bombe sei offenbar von einem Selbstmordattentäter im Bus der Linie 14 ausgelöst worden, hieß es bei der Polizei.

16 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben. Sanitäter und Polizei sprachen von insgesamt 65 Verletzten. Einigen Fahrgästen sei es gelungen, nach der Detonation aus dem zerfetzten Bus zu klettern. Dutzende Sanitäter behandelten am Straßenrand Verletzte und transportierten sie auf Tragen ab. Der Jerusalemer Polizeichef Micki Levy sprach von einem besonders großen Sprengsatz.

Zu dem Blutbad bekannte sich der bewaffnete Arm der Hamas, Issedin al-Kassam. Vermutlich handelt es sich um eine Vergeltungsaktion für den Angriff israelischer Kampfhubschrauber in Gaza, bei dem vergeblich versucht worden war, den Hamas-Führer Abd al-Asis al-Rantissi zu liquidieren.

Ein Hamas-Sprecher kündigte weitere Anschläge in Israel an. Rantissi sagte, das Attentat sei "nur eine natürliche Reaktion auf die Verbrechen von (Israels Ministerpräsident Ariel) Scharon".

Zwei Gegenschläge binnen sechs Stunden

Schon eine Stunde nach dem Bombenattentat von Jerusalem holte Israel zum Gegenschlag aus: Apache-Kampfhubschrauber feuerten in der Nähe von Gaza-Stadt Raketen auf ein Auto. Dabei wurden die beiden Insassen - die beiden Hamas-Führer Tito Massud und Soffil Abu Nahez - sowie fünf Passanten in Stücke gerissen. 30 Palästinenser wurden zum Teil schwer verletzt.

In der Nacht folgte ein zweiter Vergeltungsschlag. Ein israelischer Militärhubschrauber feuerte Raketen auf ein Auto in Gaza-Stadt ab. Zwei Palästinenser kamen dabei ums Leben, die in der Nähe des Autos standen. Mindestens eine weitere Person wurde verletzt. Nach ersten palästinensischen Angaben sollen die Getöteten Mitglieder der Märtyrerbrigaden der al-Aksa gewesen sein.

Israels Verteidigungsminister Schaul Mofas hatte die Armee am Mittwochabend zuvor angewiesen, "mit allen Mitteln" gegen die Hamas vorzugehen. Der israelische Nachrichtendienst "y-net" meldete, Mofas habe während einer Dringlichkeitssitzung im Verteidigungsministerium eine Verschärfung der üblichen Mittel angeordnet. Die Armee müsse die gezielten Liquidierungen und Festnahmen noch weiter intensivieren. Es sei jedoch keine Großoffensive in den Palästinensergebieten wie im Frühjahr vergangenen Jahres vorgesehen, betonte Mofas.

Bush: Hamas den Geldhahn zudrehen

Das Attentat und der israelische Gegenschlag werfen die Friedensbemühungen, die durch den Nahost-Gipfel mit US-Präsident George W. Bush in der vergangenen Woche neuen Auftrieb bekommen hatten, erheblich zurück. Bush verurteilte den Anschlag in Jerusalem umgehend scharf. Er forderte die am Nahost-Friedensprozess Beteiligten auf, alles zu tun, um derartige Anschläge in Zukunft zu verhindern.

"Ich rufe alle, die Frieden im Nahen Osten sehen wollen, dringend auf, dem Terror zu bekämpfen, Organisationen wie Hamas den Geldhahn zuzudrehen, und diejenigen zu isolieren, die so sehr hassen, dass sie bereit sind, Menschen zu töten, um den Friedensprozess zu stoppen", sagte Bush. "Ich verurteile die Anschläge auf das schärfste und rufe die Frieden liebenden Nationen dringend auf, (...) ihre ganze Macht einzusetzen, um solche Anschläge in Zukunft zu verhindern."

Israel werde ungeachtet des jüngsten Anschlags in Jerusalem weiter gegen palästinensische Extremisten vorgehen, stellte Scharon klar. "Der Staat Israel wird die Terroristen und diejenigen, die sie schicken, bis zum Ende verfolgen", sagte Scharon. "Ich werde alle Maßnahmen ergreifen, um die Bürger von Israel zu schützen, trotz des tödlichen Anschlags in Jerusalem." Zugleich erklärte Scharon, er sei entschlossen, den Friedensprozess fortzusetzen.



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