Jerusalem Erneut Verletzte bei Zusammenstößen am Tempelberg

Kurz sah es nach einer Annäherung im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern am Tempelberg aus: Nun ist es dort offenbar wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Dutzende Personen sollen verletzt sein.

Zusammenstöße auf dem Tempelberg
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Zusammenstöße auf dem Tempelberg


Nach dem Abbau israelischer Sicherheitsvorkehrungen und nachdem muslimische Geistliche die Gläubigen zur Rückkehr auf den Tempelberg aufgerufen hatten, ist es in Jerusalem zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei gekommen.

Kurz nachdem gläubige Muslime erstmals seit zwei Wochen das Plateau wieder zum Gebet betreten hatten, kam es zu den Auseinandersetzungen. Mindestens 50 Palästinenser wurden nach Angaben des Rettungsdienstes Roter Halbmond bei Zusammenstößen mit israelischen Polizisten auf der Anlage in Jerusalems Altstadt verletzt.

Der Grund für die Zusammenstöße war zunächst unklar. Als Tausende zum Nachmittagsgebet auf das Plateau strömten, geriet die Lage jedoch außer Kontrolle. Es gab Unmut, weil eines der Zugangstore noch geschlossen war. Die Polizei öffnete es daraufhin. Dennoch eskalierte die Situation.

Nach Angaben einer Polizeisprecherin bewarfen Palästinenser Sicherheitskräfte mit Steinen. Auf den Moscheen gehisste Palästinenserflaggen seien von der Polizei wieder abgenommen worden.

Der Rote Halbmond teilte mit, Menschen seien durch Gummimantelgeschosse israelischer Polizisten getroffen worden und hätten Tränengas eingeatmet. Die Polizei trieb die Palästinenser laut Medienberichten mit Schlagstöcken auseinander. Die Eingangstore zum Tempelberg seien wieder verschlossen worden.

Zuvor hatte es so ausgesehen, als wäre der neu aufgeflammte Streit um die Muslimen wie Juden heilige Stätte entschärft: Israel baute seine umstrittenen Sicherheitsvorrichtungen wieder ab, die Palästinenser kündigten daraufhin ein Ende ihrer Proteste an. Die muslimische Führung in Jerusalem hatte zuvor verkündete, der Status quo sei wiederhergestellt. Gläubige könnten wieder in der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg beten.

Stichwort: Tempelberg
Umstrittene Stätte in der Jerusalemer Altstadt
Der Tempelberg liegt im Südosten der Altstadt Jerusalems. Er ist für Juden wie Muslime gleichermaßen ein Ort von großer religiöser Bedeutung und deswegen immer wieder Zankapfel zwischen beiden Religionen.
Heilige Stätte für die Religionen
Die Muslime nennen ihn Haram al-Scharif (Edles Heiligtum). Laut islamischer Überlieferung soll Mohammed vom Tempelberg aus zu Pferd in den Himmel geritten sein. An dieser Stelle steht der Felsendom, der im 7. Jahrhundert erbaut wurde. Seine goldene Kuppel überragt die Altstadt Jerusalems. Daneben befindet sich die Al-Aksa-Moschee. Beide Stätten zusammen sind nach der Wallfahrtsmoschee in Mekka und der Grabmoschee Mohammeds das drittwichtigste Heiligtum der Muslime.

Auf dem Tempelberg befinden sich aber auch jüdische Tempelreste. Übriggeblieben ist allein die Klagemauer unterhalb des Tempelbergs, heute die wichtigste jüdische Gebetsstätte. Sie gehörte zu einer der Stützmauern eines Tempels, der von König Herodes im ersten Jahrhundert vor Christus erbaut und im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Der jüdische und christliche Glaube verbindet die Bibelgeschichte der Opferung Isaaks mit diesem Ort (Berg Morija).
Unter jordanischer Verwaltung
1967 eroberte Israel im Sechs-Tage-Krieg die damals unter jordanischer Verwaltung stehende Altstadt von Jerusalem. Der damalige israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan konzipierte einen Deal, um den Konflikt von Beginn an zu entschärfen: Israel übt seine erkämpften Souveränitätsrechte auf dem Tempelberg nicht aus. Die formale Aufsicht über das Gelände untersteht der islamischen Stiftung Waqf. Es blieb damit de facto unter Kontrolle Jordaniens. Nichtmuslime dürfen auf dem Gelände eigentlich nicht beten, es aber besuchen. Das Betreten von Felsendom und Moschee ist ihnen nach derzeitiger Regelung nicht gestattet.
Immer wieder im Zentrum der Gewalt
Aufgrund seiner religiösen Bedeutung stand der Tempelberg in der Vergangenheit immer wieder im Brennpunkt der Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis. Als etwa der damalige Oppositionschef Ariel Scharon im Jahr 2000 den Tempelberg besuchte, trug er damit entscheidend zum Ausbruch der Zweiten Intifada bei.

In den vergangenen Tagen hatte es massive Unruhen mit Verletzten und Toten vor allem in Jerusalem gegeben. Auslöser waren schärfere Sicherheitskontrollen für muslimische Gläubige am Eingang zum Tempelberg, die Israel zuvor verfügt hatte. Hintergrund war ein Attentat am 14. Juli, bei dem drei arabische Attentäter zwei israelische Polizisten am Juden wie Muslimen getötet hatten. Die Angreifer wurden erschossen.

mho/AFP/dpa



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