Jerusalem im Krieg Wo das Entsetzen zur Zahl gerinnt

Mehr als 50 Menschen tot, darunter viele Kinder. Das Blutbad von Kana im Südlibanon wird in Jerusalem ganz unterschiedlich aufgenommen: Menschen im israelisch dominierten Westen der Stadt geben sich gleichgültig, Menschen im arabischen Osten zählen die Opfer.

Aus Jerusalem berichtet Alexander Schwabe


Jerusalem am Sonntagnachmittag, wenige Stunden nachdem ein israelischer Angriff in der südlibanesischen Stadt Kana mehr als 50 Menschenleben auslöschte, davon Dutzende Kinderleben: Die Menschen stecken im Verkehrsstau fest und sind froh, dass sie in ihren klimatisierten Mittelklassewagen nicht der Hitze ausgesetzt sind. In der Fußgängerzone im Zentrum das übliche Treiben. Cafés und Bars sind gut besucht - anders als zu den Zeiten, als palästinensischer Selbstmordattentäter Hochkonjunktur hatten.

Dass sich das Land in einer kriegerischen Auseinandersetzung befindet, dass der Norden unter ständigem Katjuscha-Beschuss durch die im Libanon sitzenden schiitischen Gotteskrieger steht, dass die große Offensive im Gaza-Streifen anhält, von all dem ist hier nichts zu spüren. Die Menschen scheinen sich diese Wirklichkeit vom Leib halten zu wollen, mindestens solange, bis sie nicht selbst betroffen sind vom Krieg, der im sicheren Jerusalem in erster Linie ein mediales Ereignis ist.

Angesprochen auf den verheerenden Luftangriff der israelischen Armee gegen die libanesischen Zivilisten reagieren die meisten mit Schulterzucken. Die Menschen scheinen abgestumpft ob der ständigen Horrornachrichten in dieser Region seit Jahrzehnten. Selbst wenn fast 40 Kinder sterben auf einen Schlag, wenn das Grauen nicht mehr übersehbar ist, wird dies in Jerusalem als eine Nachricht fast wie jede andere aufgenommen.

Nichts als Zahlen? Als Joe Benjamin bei seinem Gang durch die Ben Jehuda Straße mit dieser Frage konfrontiert wird, reagiert er gleichgültig. Lächelt ein cooles Lächeln. Der 21-Jährige orthodoxe Jude ist Amerikaner und lebt gewöhnlich in Miami/Florida. Doch diesen Sommer hat er sich frei genommen, um für ein paar Monate als Ambulanzhelfer in Israel auszuhelfen. Er liebt diesen Streifen Land im Nahen Osten und identifiziert sich vollkommen mit dem Staat Israel.

Erst auf die Entgegnung: "40 Kinder, alle tot, alle getroffen von einer Bombe. Stell Dir das vor!", gerinnt sein Lächeln. Sein Humanismus, der ihn zum Nothelfer für Israelis gemacht hat, sieht für einen Moment auch in den arabischen Opfern Menschen. Doch nach einer Anflug von Trauer flüchtet er gleich wieder in die üblichen Erklärungsmuster, wie man sie hier immer und überall hört. Denkschemata, die sich über die Gefühle schieben, Schemata, wie jede Seite, die arabische und die israelische, die ihren hat.

Zynische Erklärungsmuster

"Die israelische Armee warnt die Menschen, bevor sie sie angreift", sagt Joe - exakt so, wie es die israelische Regierung verkündet. Für das Blutbad verantwortlich seien die libanesischen Behörden, die israelische Warnungen nicht an ihre Bevölkerung weitergäben. "Meinst du, die sorgen sich um ihr Volk?", fragt sein 15-jähriger Freund Nathan. "So wenig wie sich Saddam um sein Volk geschert hat", antwortet Jonathan, ebenfalls freiwilliger Helfer im Krankenwesen. Und Joe beendet das Gespräch mit den Worten: "Es ist traurig, dass das Leben der libanesischen Bevölkerung Israel wichtiger ist, als der Hisbollah."

Ein Satz, der paradox klingt an einem Tag, an dem libanesische Männer, Frauen und viele Kinder durch von Israel abgefeuerte Geschosse starben. Und der zynisch klingt, in den Ohren aller, die Israels Offensive gegen die Hisbollah für überzogen halten. Doch Joe und viele Israelis sind überzeugt davon, dass die Hisbollah ihre Stellungen bewusst inmitten von Zivilisten aufgebaut hat und diese bewusst als "Schutzschild" instrumentalisiert. Sie sehen keinen anderen Ausweg, als diesen Krieg, um sich langfristig vor den Raketen der islamistischen Eiferer zu schützen.

"Wer Kinder tötet, ist für mich ein Terrorist"

Das anderen Erklärungsmuster hört man nicht weit von der Ben Jehuda Straße beim Damaskustor, wo die arabische Bevölkerung Jerusalems ihren Bazar hat. Hier redet keiner davon, dass die Hisbollah junge israelische Soldaten entführte. Dass die Gotteskrieger täglich Raketen auf Haifa abfeuern. Hier werden nur die eigenen Opfer gezählt. "Wer Kinder tötet, ist für mich ein Terrorist", sagt Rami, der hier auf Touristen wartet. Und Ibrahim Sheikh, der mit seinem Vater direkt unterm Damaskustor eine Geldwechselbude betreibt, sagt genau das Gegenteil von dem, was Joe Benjamin erklärt hat. Die Hisbollah liebe ihr Volk, und sie liebe den Libanon, so der 21-Jährige. Folglich hätten israelische Angriffe auf libanesische Zivilisten nur ein Ziel: Israel setze darauf, dass die schiitische Gottespartei, auf Grund ihrer Menschenliebe nachgeben werde. Dass die Hisbollah weitere Verluste und Schmerz in der libanesischen Bevölkerung vermeiden wolle.

Hinter dem Schalter der Wechselstube sitzt Ibrahims Vater Mohammed, 50. Unter der Brüstung verfolgt er für Kunden unsichtbar ständig die Website des arabischen Senders al-Dschasira. "Hier steht es: 37 Kinder kamen ums Leben", sagt er, "doch wen kümmert das, wer kümmert sich um die arabischen Opfer?", sagt er empört. In einem Monat sei das schon wieder vergessen.

Hinter dem Geldwechsler hängt ein Poster, darauf ein weinendes Kind. "Dieses Kind verlor vor wenigen Tagen seine komplette Familie im Gaza-Streifen", sagt Mohammed, "sieben Angehörige. Nur dieses Mädchen hat den israelischen Angriff überlebt." Doch die Israelis beklagten nur ihre getöteten Kinder, obwohl auf arabischer Seite viel mehr Kinder getötet würden.

Jerusalem im Krieg. Im Westen wie im Osten der Stadt zählen die Menschen ihre Verluste. Auf beiden Seiten zählt das Leid der anderen nichts. Das Entsetzen wird auf nüchterne Zahlen reduziert.



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