Israel Darum geht es bei der Tempelberg-Krise

Nach dem Freitagsgebet eskalierte in Israel die Gewalt, sechs Menschen starben. Woran entzündete sich die Wut? Und welche Folgen haben die blutigen Unruhen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

AFP

Woran hat sich der aktuelle Konflikt entzündet?

Der Eskalation ging ein Streit über verschärfte Kontrollen am Jerusalemer Tempelberg voraus. Israelische Behörden hatten vergangene Woche Metalldetektoren an den Zugängen zum Tempelberg errichtet, nachdem drei arabische Israelis in der Jerusalemer Altstadt zwei israelische Polizisten erschossen hatten. Die drei Attentäter hatten ihren Anschlag vom Tempelberg aus verübt.

Viele Palästinenser empfinden die Kontrollen als Provokation und Versuch Israels, mehr Einfluss über das Plateau zu gewinnen. "Wir lehnen die Metalldetektoren ab, weil sie ein politischer Akt unter dem Deckmantel von Sicherheitsmaßnahmen sind, der auf eine Kontrolle der Al-Aksa-Moschee abzielt", sagte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Er warf Israel vor, es wolle eine Wiederbelebung des Friedensprozesses verhindern und "den Konflikt von einem politischen in einen religiösen verwandeln".

In der Nacht zum Freitag hatte das israelische Sicherheitskabinett in stundenlangen Debatten entschieden, die umstrittenen Geräte vorerst nicht abzubauen. Die Reaktion folgte prompt: Nach dem Freitagsgebet entlud sich der Zorn über die verschärften Kontrollen. Der Tempelberg ist beiden Seiten heilig, untersteht aber islamischer Kontrolle.

Wie viele Opfer gibt es?

Bis jetzt sind im Zusammenhang mit den Ausschreitungen sechs Menschen gestorben. Bei Zusammenstößen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften wurden in Ost-Jerusalem und in der Stadt Abu Dis im Westjordanland drei Palästinenser getötet und Hunderte weitere verletzt.

Am Abend meldete die israelische Armee zudem einen tödlichen Messerangriff in der jüdischen Siedlung Neve Zuf. Ein Angreifer sei in ein Haus eingedrungen und habe auf vier israelische Zivilisten eingestochen. Drei von ihnen seien ihren Verletzungen erlegen, ein weiterer sei verletzt worden. Nach israelischen Medienberichten hatte der Palästinenser vor dem Anschlag einen Text bei Facebook veröffentlicht, der die Tat mit den jüngsten Konfrontationen um den Tempelberg in Verbindung bringt.

War die Eskalation vorhersehbar?

Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet und andere Sicherheitsexperten hatten Ministerpräsident Benjamin Netanyahu nach Medienberichten eindringlich gewarnt, der Streit um Metalldetektoren am Tempelberg könne gefährlich eskalieren. Bis zur letzten Minute gab es Beratungen, wie die neue Krise um die heilige Stätte zu lösen sei.

Sicherheitsexperten halten die Metalldetektoren zudem für relativ überflüssig, wie die israelische Zeitung "Haaretz" berichtete. Sie seien leicht zu umgehen. Netanyahu steht unter Druck seiner rechten Koalitionspartner, in Jerusalems Altstadt und am Tempelberg mehr Sicherheitskräfte zu postieren.

Warum ist die Tempelberg-Krise so bedeutend?

Der Konflikt um den Zugang zum Tempelberg stürzt die israelisch-palästinensischen Beziehungen auf einen neuen Tiefpunkt. Die Verhandlungen über eine Zwei-Staaten-Lösung stehen zwar seit Jahren still. Bislang hatten beide Seiten jedoch noch ihre Sicherheitsmaßnahmen koordiniert. Auch in verschiedenen weiteren Bereichen gab es Kontakt, zuletzt hatten sie sich in Fragen der Wasser- und Stromversorgung geeinigt.

Im Anschluss an die blutigen Unruhen am Freitag brach Palästinenserpräsident Abbas alle Kontakte zu Israel ab. Die Beziehungen würden erst wieder aufgenommen, wenn Israel den Einsatz von Metalldetektoren am Tempelberg wieder aufhebe, sagte er in einer kurzen Fernsehansprache. "Ich erkläre die Aussetzung aller Kontakte mit der israelischen Seite auf allen Ebenen, bis es seine Maßnahmen an der Al-Aksa-Moschee einstellt und den Status quo bewahrt", sagte Abbas.

Ob Abbas damit auch die wichtige Sicherheitszusammenarbeit beider Seiten beendet, muss sich zeigen. Bereits im September 2015 hatte Abbas in einer dramatischen Erklärung die Friedensabkommen mit Israel aufgekündigt. Die Zusammenarbeit ging dennoch weiter. Es besteht zudem die Sorge, die Krise könnte Israels Beziehungen zum jordanischen Nachbarn schaden, dem Hüter der islamischen Stätten in Jerusalem.

Wie reagierten ausländische Regierungen auf die Gewalt?

Die Arabische Liga warf Israel die Ausübung "exzessiver Gewalt" vor. Der Vorsitzende des Staatenbundes, Ahmed Abul Gheit, verurteilte laut einem Sprecher die israelischen Sicherheitskräfte, die "mit exzessiver Gewalt und scharfer Munition gegen unbewaffnete Zivilisten" vorgegangen seien. Die aktuellen Spannungen "öffnen die Tür zu einer weiteren Eskalation" der ohnehin bestehenden "Wut der Palästinenser, Araber und Muslime über die Gewalt und neuen Maßnahmen der israelischen Behörden".

Auch das ägyptische Außenministerium forderte Israel auf, die Gewalt zu beenden und Vernunft walten zu lassen, um ein Abgleiten in einen "gefährlichen und schwierigen Sumpf" zu verhindern.

irb/AFP/dpa/Reuters

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