Jihan al-Sadat "Ein neuer israelisch-arabischer Krieg ist undenkbar"

Ägypten und Israel: Seit 30 Jahren verbindet beide Länder ein kalter Frieden - aber ein dauerhafter. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt Jihan al-Sadat, Witwe des ehemaligen ägyptischen Regierungschefs, wie es um die Chancen einer Verständigung im Nahen Osten bestellt ist.


SPIEGEL ONLINE: Frau Sadat, vor 35 Jahren auf den Tag genau gelang der ägyptischen Armee die für unmöglich gehaltene Überquerung des Suezkanals und die Überwindung des israelischen Barlev-Schutzwalls...

Jihan al-Sadat: …der Jom-Kippur-Krieg war der Auftakt für den Friedensvertrag mit Israel und die Rückgabe der gesamten Sinai-Halbinsel. Das war und ist die bislang erfolgreichste militärisch-politische Aktion der arabischen Welt seit über einem Jahrhundert.

Historischer Händedruck: Am 17. September 1978 besiegelten der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (li.) und der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat das Friedensabkommen von Camp David. In der Mitte US-Präsident Jimmy Carter
DPA

Historischer Händedruck: Am 17. September 1978 besiegelten der israelische Ministerpräsident Menachem Begin (li.) und der ägyptische Präsident Anwar al-Sadat das Friedensabkommen von Camp David. In der Mitte US-Präsident Jimmy Carter

SPIEGEL ONLINE: Dennoch brandmarkten wichtige Araberstaaten Ihren wagemutigen Ehemann als "Verräter an der arabischen Sache" und veranstalteten Freudenfeste, als er am 6. Oktober 1981, dem achten Jahrestag seines Sinai-Feldzugs, von Islamisten erschossen wurde.

Sadat: ... was heute nicht einmal mehr seine damaligen Feinde in der Arabischen Welt wahrhaben wollen. Denn kein arabisches Land hat seitdem mit einer halbwegs glaubwürdigen Alternative aufgewartet. Mit der Ermordung meines Mannes verfiel Arabien in Hoffnungslosigkeit und Lethargie.

SPIEGEL ONLINE: Und einer bis heute anhaltenden politische Bedeutungslosigkeit. War der hohe Preis, den Anwar al-Sadat für den Frieden gezahlt hatte, aus heutiger Sicht die Sache wert?

Sadat: Unbedingt. Wenn wir den Sinai nicht zurück gewonnen hätten, stünden wir jetzt in einer viel schwierigeren Ausgangssituation. Vor dem Friedensvertrag war die Verzweiflung so weit gediehen, dass uns zugemutet wurde, den Suezkanal zusammen mit Israel zu verwalten! All das ist endgültig vom Tisch, der friedliche Ausgleich mit Israel zahlt sich aus.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl es ein kalter Frieden ist?

Sadat: Ein Frieden, der hält.

SPIEGEL ONLINE: Für Ägypten hat sich der Camp-David-Frieden ausgezahlt. Doch welchen Nutzen haben die anderen Israel-Anrainer, etwa die Syrer und die Palästinenser, aus dem Friedenspoker des Nobelpreisträgers Anwar al-Sadat gezogen?

Sadat: Ägypten hat allen Arabern den Weg gewiesen. Jordanien ist unserem Beispiel gefolgt und schloss ebenfalls Frieden mit Israel, was ohne die Vorreiterrolle meines Mannes nicht möglich gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Die Syrer warten immer noch auf die Rückgabe der Golanhöhen, und die Palästinenser haben außer vollmundigen Versprechungen immer noch keinen eigenen Staat.

Sadat: Anwar El Sadats Friedensinitiative hätte den Syrern und Palästinensern ebenso zu ihrem Recht verholfen wie uns Ägyptern. Vielleicht wissen Sie es nicht: Der starke israelische Ministerpräsident Menachem Begin hatte damals Anwar al-Sadat wissen lassen, dass er bereit sei, über einen Palästinenserstaat und einen Frieden mit Syrien zu verhandeln. Aber die wollten ja weder verhandeln, noch Krieg führen und vergeudeten 35 Jahre mit politischer Untätigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie wirklich, dass ausgerechnet der rechtslastige Nationalist Begin den Palästinensern einen eigenen Staat zugestanden hätte?

Sadat: Absolut. Natürlich hätte man hart und mühevoll verhandeln müssen, wie es ja auch Ägypten getan hatte.

SPIEGEL ONLINE: Ist jetzt alles verloren, oder können Verhandlungen noch etwas bringen?

Sadat: Es gibt keinen anderen Weg als Verhandlungen, weil ein neuer israelisch-arabischer Krieg für alle Zeiten undenkbar ist. Nur, das Verhandeln fällt heute schwerer. Zu Anwar al-Sadats Zeiten gab es zum Beispiel verschwindend wenige jüdische Siedler, in den vergangenen Jahrzehnten hat sich das drastisch verändert. All das hatte mein Mann glasklar vorausgesehen, und er hat in diesem Punkte Recht behalten - leider. Damals ging es um den vollständigen Abzug der Israelis aus den besetzten Gebieten, heute feilschen sie um wechselnde Prozentsätze des Westjordanlands, die den Palästinensern überlassen werden könnten. Je mehr Zeit ins Land geht, umso komplizierter wird das Verhandeln.

SPIEGEL ONLINE: Würde es dem Frieden helfen, wenn Syriens Präsident Baschar al-Assad dem Beispiel Ihres Mannes folgen würde und Jerusalem besucht?

Sadat: Ob solch ein Besuch ein ebenso großes Echo auslösen würde wie der Israel-Besuch des ägyptischen Präsidenten vor 31 Jahren, ist nicht garantiert, obwohl er einem Friedensschluss natürlich dienen würde. Erschwerend wirkt aber auch, dass wir es heute sowohl in Syrien als auch in Israel mit vergleichsweise schwachen Entscheidungsträgern zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie pessimistisch?

Sadat: Realistisch. Die Geschichte ist kein Automat, den man nach Belieben bedient. Es gibt Situationen, und es bieten sich Chancen, die sich nicht wiederholen.

SPIEGEL ONLINE: Ägypten war Jahrzehnte lang die Führungsmacht der arabischen Welt. Könnte Kairo nicht wieder eine starke Initiative ergreifen, um den sträflich verzögerten Friedensprozess im Nahen Osten energisch voran zu treiben?

Sadat: Ägypten setzt sich für die Palästinenser stärker als alle anderen ein. Präsident Husni Mubarak setzt die Friedenspolitik meines Mannes unbeirrt fort. Er schickt General Omar Sulaiman immer wieder nach Israel und in die Palästinensergebiete, um Missverständnisse auszuräumen und dem Frieden eine neue Chance zu geben. Wer außer uns setzt ununterbrochen alle Hebel in Bewegung, um die verfeindeten Palästinenserfraktionen wieder zusammenzubringen, damit sie in Verhandlungen mit Israel mit einer Stimme sprechen? Auch die Syrer haben eingesehen, dass Anwar al-Sadats Verhandlungsstrategie der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist. Immerhin verhandeln sie jetzt mit Israel.

SPIEGEL ONLINE: Anwar al-Sadat hat sich aber auch gefährlich verschätzt. Die Islamisten, die er aus den Gefängnissen entließ und unterstützte, dankte ihm seine Großzügigkeit schlecht. Sie brachten ihn um.

Sadat: Das hatte er in der Tat nicht erwartet. Er wollte doch nur, dass sich der politische Islam im Tageslicht bewegt und nicht in den Untergrund geht. Er hatte nicht gemerkt, dass es ihnen nur um eins ging: an die Schalthebel der Macht zu kommen – mit allen Mitteln.

Das Gespräch führte Volkhard Windfuhr

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.