Mord an Politikerin Jo Cox Tatverdächtiger soll psychisch krank gewesen sein

Großbritannien trauert um die getötete Abgeordnete Jo Cox. Tatverdächtig ist ein 52-Jähriger: Er sei bisher weder gewalttätig noch politisch gewesen - habe aber psychische Probleme gehabt, sagt sein Bruder.


Noch immer gibt es keine Gewissheit über das Motiv, noch immer haben Angehörige, Freunde und Kollegen keine Antwort auf die Frage, was den Mann getrieben hat, der am Donnerstagmittag die Labour-Abgeordnete Jo Cox auf offener Straße mit einer Schusswaffe und einem Messer attackierte und tödlich verletzte. Gewiss ist nur: Der Mord an der 41-Jährigen erschüttert die Briten, auch aus dem Ausland kommen zahlreiche Beileidsbekundungen.

Die Polizei nahm kurz nach der Tat im nordenglischen Birstall einen 52-jährigen Tatverdächtigen fest. Dessen Bruder hat nun mit der Zeitung "Daily Telegraph" gesprochen - und von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme berichtet.

"Es fällt mir schwer zu glauben, was passiert ist", sagte er der Zeitung. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch." Er habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen" - deswegen aber Hilfe in Anspruch genommen.

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Mord an Politikerin: Tödlicher Angriff in Birstall

In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meistens für sich geblieben sei.

Zuvor hatten Augenzeugen berichtet, der Tatverdächtige habe "Britain First" gerufen, als er Cox angriff und als er verhaftet wurde - also den Namen einer rechtsextremen, islamfeindlichen Partei, die sich 2011 gegründet hat und sich als "Bewahrer der christlichen, britischen Werte" ausgibt. Die Polizei prüft eigenen Angaben zufolge diese Berichte der Augenzeugen. Sollte sich bestätigen, dass der Mann "Britain first" gerufen hat, könnte das auf einen politischen Hintergrund der Tat hinweisen.

Brexit-Wahlkampf gestoppt

Cox galt als Hoffnungsträgerin der Labour Party. Sie hatte sich in den vergangenen Monaten für den Verbleib Großbritanniens in der EU eingesetzt. Die Abstimmung darüber findet am kommenden Donnerstag statt. Der Wahlkampf zum Brexit wurde nach dem Attentat gestoppt - beide politischen Lager teilten mit, die politischen Aktivitäten vorerst einzustellen.

In der Nacht zu Freitag legten Hunderte Menschen vor dem Westminster-Palast Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Die Flaggen vor dem Regierungsgebäude in London werden am Freitag auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Labour-Chef Jeremy Corbyn schrieb bei Twitter: "Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie - und gewiss das ganze Land - werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein."

Cox stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater arbeitete in einer Fabrik für Zahnpasta, ihre Mutter war Sekretärin an einer Schule. Cox studierte an der Eliteuniversität Cambridge, dort begann sie, sich für Politik zu interessieren.

Rund zehn Jahre lang arbeitete sie bei der internationalen Hilfsorganisation Oxfam in New York und reiste in zahlreiche Konflikt- und Elendsregionen. Zudem war sie vier Jahre lang Vorsitzende einer Frauenorganisation in der britischen Labour-Partei, wo sie eng mit der Frau des damaligen Premierministers Gordon Brown zusammenarbeitete.

"Sie ist an einige der gefährlichsten Orte der Welt gereist", erklärte der Ex-Premierminister. "Der letzte Ort, an dem sie in Gefahr hätte sein sollen, war ihre Heimatstadt."

Video: Britische Labour-Abgeordnete stirbt nach Attentat

Mit ihrem Ehemann und den beiden gemeinsamen Kindern lebte Cox zuletzt auf einem Hausboot auf der Themse. "Es wäre ihr Wunsch gewesen, dass nun zwei Dinge geschehen", schrieb ihr Mann in einer Mitteilung. "Dass unseren wertvollen Kindern viel Liebe zuteilwird und dass wir uns gemeinsam gegen jenen Hass stellen, der sie jetzt getötet hat."

Mehrere britische Zeitungen werden auf ihren Titelseiten der Freitagsausgabe über Cox berichten. Der "Guardian" und der "Telegraph" stellen dazu als jeweilige Überschrift das Zitat ihres Ehemannes: "Jo hat an eine bessere Welt geglaubt, und sie hat jeden Tag dafür gekämpft."

aar/AFP/dpa



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