Brexit-Debatte Jo Cox ist tot, und alles ist anders

Der Mord an Jo Cox hat die Brexit-Debatte jäh unterbrochen. So zynisch es klingt: Der Tod der Labour-Abgeordneten könnte einen Meinungsumschwung bringen.

Getty Images

Aus London berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eigentlich sollte am Freitag die heiße Phase des Brexit-Wahlkampfs beginnen. In gerade mal sechs Tagen stimmen die Briten darüber ab, ob ihr Land die EU verlassen soll. Doch statt über Bürokraten in Brüssel, Einwanderer oder den Binnenmarkt zu streiten, herrscht in London und im Rest des Landes Trauer um Jo Cox. Am Donnerstag war die Labour-Abgeordnete in Birstall auf offener Straße ermordet worden.

Vor dem Westminster-Palast in London, auf Cox' Hausboot an der Themse und im Zentrum von Birstall legten Hunderte Menschen Blumen nieder. Viele hatten Tränen in den Augen. Auch Premierminister David Cameron und Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn waren an den Tatort gereist, erwiesen der Toten die Ehre.

Der Mord an der 41-jährigen Politikerin verändert vieles. Wo am Donnerstag noch offen gestritten wurde, will jetzt kaum noch jemand über das EU-Referendum am kommenden Donnerstag sprechen. Brexit-Befürworter wie Proeuropäer, sagten bis Samstag alle Veranstaltungen ab.

Hausboot der ermordeten Politikerin
AFP

Hausboot der ermordeten Politikerin

Hinter den Kulissen wird jedoch bereits spekuliert, was der Mord an Cox für den Ausgang des Referendums bedeuten könnte. Auch wenn weiter unklar bleibt, ob die Tat politisch motiviert war, reagierten die Finanzmärkte ebenso wie die britischen Buchmacher. Man mag es zurecht zynisch nennen, aber der Tod der Labour-Abgeordneten könnte einen Stimmungswandel auslösen.

Die Befürworter eines EU-Ausstiegs hatten dabei den Ton in den vergangenen Tagen immer weiter verschärft. Erst am Donnerstag veröffentlichte Ukip-Chef Nigel Farage ein Plakat mit der Aufschrift "Breaking Point". Darauf zu sehen ist eine Masse von Flüchtlingen, die - so Farages offensichtliche Botschaft - vor den Grenzen Großbritanniens warteten. Weiter heißt es auf dem Transparent: "Wir müssen uns von der EU befreien und wieder die Kontrolle übernehmen."

Am Freitag gab es in Großbritannien bereits Stimmen, die den Brexit-Befürwortern wegen ihrer aggressiven Rhetorik eine Mitschuld am Tod von Cox geben. Sogar das konservative Magazin "Spectator", deren Chefredakteur David Camerons Gegenspieler Boris Johnson von 1999 bis 2004 war, schrieb: "Wer Zorn propagiert, kann sich nicht wundern, wenn die Leute erzürnt sind. Wer Politik zu einer Frage von Leben und Tod macht, darf nicht überrascht sein, wenn ihn jemand beim Wort nimmt."

Spekuliert wird nun, ob nach dem Tod von Cox die Geschlossenheit der Brexit-Befürworter auf dem Spiel steht. Londons ehemaliger Bürgermeister Johnson, der die "Vote Leave"-Kampagne anführt, distanzierte sich bereits von Farages "Breaking Point"-Plakat: "Das ist kein Teil meiner Kampagne und nicht meine Art, Politik zu machen."

Klar ist, eine so aggressive Zuspitzung, wie sie Ukip, aber auch Teile der Konservativen zuletzt betrieben haben, ist in den kommenden Tagen nicht mehr denkbar.

Die Frage ist, ob das noch eine Bedeutung für den Ausgang des Referendums hat. Die Quoten der Buchmacher legen diesen Eindruck nahe. Wettanbieter Betfair bezifferte die Chancen auf einen Verbleib der Briten in der EU am Freitag auf 67 Prozent. Vor dem Mord an Cox waren es nur 60 Prozent gewesen. Die Buchmacher lagen bei der Einschätzung politischer Ereignissen in Großbritannien zuletzt häufiger richtig - im Gegensatz zu den Demoskopen, die am Freitag keine neuen Umfragen veröffentlichten.

Pfund und Euro legen zu

An den Finanzmärkten legten sowohl das Pfund als auch der Euro zu. Ebenfalls ein Hinweis auf einen Meinungsumschwung, wie einige Händler in London spekulierten. Andere hielten es sogar für möglich, dass Premierminister David Cameron das Referendum verschiebt.

Anhänger der proeuropäischen Kampagne wollen daran nicht glauben. Obwohl sie sich nicht zitieren lassen wollen, ist zu spüren, dass die Zwangspause vom Wahlkampf ihnen neue Hoffnung gibt. Schließlich hatte die Brexit-Kampagne zuletzt das Momentum auf seiner Seite, als die Umfragen erstmals einen EU-Ausstieg wahrscheinlicher erscheinen ließen als einen Verbleib. Wenn es gar keinen Wahlkampf gibt, könnte das derzeit eher dem Brexit-Lager schaden, so die Hoffnung.

Doch was, wenn der Wahlkampf Anfang kommender Woche dann doch noch einmal anläuft? Bisher bleibt es dabei, dass die meisten Politiker keinen besonderen Schutz genießen. Das ist in Großbritannien so Tradition. Egal ob für oder gegen den Brexit - mit einem guten Gefühl geht wohl niemand in diesen Endspurt.


Zusammengefasst: Der Mord an Jo Cox erschüttert die Briten. Noch ist nicht klar, was hinter der Bluttat steckt. Doch auf die Brexit-Kampagne wirkt sich das Verbrechen massiv aus. Der Wahlkampf ist ausgesetzt - und es wird spekuliert, dass sich das Stimmungsbild zugunsten der Proeuropäer wenden könnte.

Fakten, Analysen, Hintergründe
insgesamt 182 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fbdgbd 17.06.2016
1. Armselig...
...und traurig, dass man sich genötigt fühlt den Tot eines Menschen zu instrumentalisieren. Ganz im Ernst...
kpfeilst 17.06.2016
2. Ich habe die Brexit Debatte...
..intensiv in den britischen Medien verfolgt und ich muß sagen dass es eine tote MP braucht damit die Brexit'ler etwas verbal zur Besinnung kommen ist schin sehr bedenklich.
grumpy53 17.06.2016
3. Entsetzliche Tat
Mein Respekt und mein Mitgefühl verbieten es mir, über den Täter zu spekulieren, hier steht das Opfer im Vordergrund. Was mir und auch anderen auffällt, da wo Sachargumente kaum mehr jemand erreichen, da wo Ängste und Hass zur Rechtfertigung billigend in Kauf genommen werden, ist ein Boden bereitet, der solche Ausraster einkalkuliert. Man kann für den Brexit sein, oder nicht, andere politische Meinungen sollten nicht pauschal als Lügen und Betrug abgewertet werden. Natürlich gibt es auf beiden Seiten Emotionen, Sorgen und Unehrlichkeit. Ich wünsche mir, dass Menschen auf einander zugehen, sich zuhören, Kompromisse schließen und mit Verstand und Herz an einer friedlichen Welt arbeiten. Sich nicht ausgrenzen, nicht alles hinschmeißen, nur weil man mit der ein oder anderen Regelung nicht einverstanden ist. Und wer Rechte in Anspruch nehmen will, sollte auch an die eigenen Pflichten denken. Guckt doch mal in eure Familienstammbäume, drei, vier, fünf Generationen zurück. Dann wird klar, dass wir alle unterschiedliche Nationalitäten im Blut haben, keine ist besser oder schlechter, nur vielleicht kulturell unterschiedlich. Großbritannien ist groß geworden durch Kolonialismus, durch Ausbeutung anderer Länder. Und nun soll keiner mehr rein? Wie armselig. Und wir Deutschen tun gut daran, nachzudenken, wie unsere Geschichte ist, wie gut es uns geht im Vergleich zu anderen - und dass wir alle, Deutsche, Briten, Franzosen, Russen, Griechen, Verantwortung für Frieden und Respekt haben.
INGXXL 17.06.2016
4. Man sollte diesen schrecklichen Anschlag
genauso wie den in Orlando weitgehend aus dem Wahlkampf raushalten. Alles andere führt zu einer Verschärfung der Situation
der-schwarze-fleck 17.06.2016
5. erbärmliche Tat
Eine junge Frau musste sterben weil jemand anders eine andere politische Einstellung hatte, wie erbärmlich. Eine Tat, die jederzeit auch in Deutschland passieren könnte, schaut man nach Kölln, fällt mir der Name Reker ein, die hatte noch Glück. Schaue ich heute nach Hamburg, so kommt mir das Grausen. wohin sind wir schon wieder geraten, dass man Angst haben muss, in einer demokratischen Partei politisch aktiv zu sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.