Mord an Politikerin Jo Cox Täter soll an Neonazis gespendet haben

Die ermordete Labour-Abgeordnete Jo Cox hatte die Polizei schon im März über Drohungen gegen sie informiert. Ihr mutmaßlicher Mörder hat offenbar an eine Neonazi-Organisation gespendet.

Tatort in Birstall
AFP

Tatort in Birstall


Einen Tag nach dem Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox werden immer mehr Details über den mutmaßlichen Täter bekannt.

So berichtet das Southern Poverty Law Center, eine Anti-Rassismus-Organisation in den USA, der 52-jährige Festgenommene habe die amerikanische Neonazi-Gruppe National Alliance (NA) jahrzehntelang unterstützt. Die Polizei konzentriert sich nun auf mögliche Kontakte des Verdächtigen zu rechtsextremen Gruppen, wie am Abend bekannt wurde.

Zudem gehe man Berichten nach, wonach der Festgenommene psychische Probleme gehabt habe und in Behandlung gewesen sein soll, teilte die Polizei mit. Man gehe von einem "isolierten, aber gezielten Angriff" aus, hieß es weiter. Der Sender BBC meldet ergänzend, in der Wohnung des 52 Jahre alten mutmaßlichen Mörders seien Nazi-Insignien gefunden worden.

Der Anti-Rassismus-Organisation lägen Dokumente vor, die belegten, dass der Tatverdächtige Hunderte Dollar für Dokumente der Rechtsradikalen ausgegeben haben soll, hieß es am Nachmittag. Die 1970 gegründete NA propagiert Massenmord an den Juden, was sie als "vorübergehende Unannehmlichkeit" bezeichnet.

Die Brexit-Gegnerin Cox war am Donnerstag in Birstall in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen worden. Nach Polizeiangaben erlag die 41-Jährige kurz nach dem Anschlag ihren Verletzungen.

Die Tat ereignete sich nur wenige Tage vor der Referendum, mit dem die Briten am 23. Juni über Verbleib oder Austritt aus der EU entscheiden. Ob die Tat im Zusammenhang mit der Brexit-Diskussion steht, ist noch unklar. Die beiden politischen Lager im Brexit-Streit setzten nach Bekanntwerden der Tat den Wahlkampf für die Volksabstimmung vorerst aus.

Video: Tatverdächtiger soll psychisch krank gewesen sein

Nach britischen Medienberichten, die sich auf Augenzeugen beriefen, soll der Täter die Worte "Britain first" gerufen haben, als er festgenommen wurde. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Im Wortsinn bedeuten die Worte "Großbritannien zuerst". Sie sind aber auch der Name einer rechtsradikalen Partei. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht zum möglichen Tatmotiv.

Jo Cox hinterlässt einen Ehemann und zwei kleine Kinder. Die Politikerin hatte die Polizei bereits im März dieses Jahres über Drohungen gegen sie informiert. Sie habe den Sicherheitskräften mitgeteilt, "bösartige Nachrichten" zu bekommen. Die Polizei berichtete am Freitag, daraufhin sei ein Mann vorübergehend in Gewahrsam genommen worden. Es handele sich aber nicht um den mutmaßlichen Attentäter.

Der Bruder des Festgenommenen berichtete dem "Daily Telegraph" von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes. "Es fällt mir schwer zu glauben, was passiert ist", sagte er der Zeitung. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig und er ist nicht besonders politisch." Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen.

In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meist für sich geblieben sei.

Nach der Ermordung der Labour-Abgeordneten wurden die Flaggen vor dem Regierungsgebäude in London am Freitag auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Vor dem Westminster-Palast legten in der Nacht zum Freitag Hunderte Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an.

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Mord an Politikerin: Tödlicher Angriff in Birstall

als/kry/Reuters/dpa

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