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Gauck in Jordanien: "Sie sehen mich hier einigermaßen bewegt"

Aus Amman berichtet Marc Hujer

Nahost-Reise: Gauck in Jordanien Fotos
DPA

Dickes Lob für Jordanien: Joachim Gauck besucht ein Flüchtlingscamp im Nahen Osten. Und dann sendet der Bundespräsident eine Botschaft an Deutschland.

Er ist ein Meister der Rührung, ein Mann, dem man die feuchten Augen gern abnehmen mag. Denn so hingebungsvoll wie er kann kaum jemand sagen, er sei "erfüllt" von Respekt, von Respekt für Jordanien, dem armen Königreich, das in der Flüchtlingskrise so viel leistet.

Drei Tage lang ist Bundespräsident Joachim Gauck auf Staatsbesuch in Jordanien, trifft den König, spricht mit Studenten, besucht ein Flüchtlingscamp. Gauck lobt ein Land, das bis heute eine Million syrische Flüchtlinge aufgenommen haben soll, neben Millionen Zuwanderern aus anderen Ländern.

Allein die Zahl der syrischen Flüchtlinge macht mehr als zehn Prozent der jordanischen Bevölkerung aus, und alles, was Deutschland bisher in der Flüchtlingskrise geleistet hat, wirkt kleinmütig gegen das, was Jordanien leistet.

Respekt also ist der Refrain von Gaucks Reise. Er sagt das Wort so oft, dass sich die Frage stellt, welche Schlüsse er daraus zieht.

Zeigt Jordanien den Deutschen, dass mehr geht, wenn man nur will?

Dass das arme Land, das viel weniger hat und viel mehr tut als Deutschland, ein Beispiel gibt, das Mut machen soll?

Wünscht er sich insgeheim ein bisschen mehr Jordanien in Deutschland?

Vor gut zwei Monaten wirkte Gauck selbst eher kleinmütig. Er überraschte in der deutschen Debatte mit dem Satz: "Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich." Es war ein Satz, der nicht nur als unfreundliche Grätsche gegenüber der Bundeskanzlerin verstanden wurde, als großväterliche Kurskorrektur eines vermeintlich blauäugigen Wir-schaffen-das-Optimismus. Der Satz zeigte Gauck auch in einer eher ungewohnten Rolle: als Bremser. Gerade diesen Bundespräsidenten, der sich eigentlich als Mutmacher versteht.

"Ihr Girls, bye, bye!"

Zu Beginn seiner Reise steht Gauck im Hotel InterContinental in Amman, direkt nach seiner Ankunft aus Israel, und erklärt noch einmal, was er sich von seiner Reise verspricht.

Er wolle mit seinem Besuch in Jordanien die "großartigen Leistungen der Jordanier würdigen, die ein Maß an Hilfeleistungen erbringen, von dem wir in Europa noch entfernt sind", sagt er. Gauck kritisiert, dass einige EU-Staaten noch nicht genug leisten, aber für Deutschland hat er ebenfalls nur lobende Worte übrig, auch wenn diese Worte für die Deutschen umständlicher klingen als seine Respektbekundung gegenüber den Jordaniern: "Ich will schon anerkennen", sagt Gauck, "was gerade wir Deutschen in den letzten Monaten gebracht haben an Empfangsbereitschaft."

Am nächsten Morgen beginnt er seinen Staatsbesuch an der Deutsch-Jordanischen Universität, bevor er mit militärischen Ehren von König Abdullah II. in dessen Palast empfangen wird. "Hoffentlich ist mir der König nicht böse, dass ich Sie vor ihm besuche", sagt Gauck den Studenten, Jordanien nennt er eine "Oase der Stabilität" im Nahen Osten: "Ich weiß nicht, wie es in Deutschland, in meinem Land aussehen würde, wenn wir so viel Flüchtlinge hätten wie sie."

Es schwingt ein wenig Bedauern mit in diesem Satz, ein Bedauern, dass er sich eigentlich verkneifen wollte: Er wünscht sich mehr Offenheit in Deutschland. Was ihn stört, das sind jene Landsleute, die auf die Straße gehen, in Dresden oder Leipzig etwa, und einfach nur besorgt sind oder tun - ohne zu wissen oder sagen zu können, warum. Ernsthafte Sorgen dagegen will er nicht einfach wegwischen. Er würde seine Landsleute gern noch zu mehr motivieren, mitreißen. Aber er weiß auch, dass das zu viele Menschen erst recht bockig machen könnte.

Auch deshalb hat er gesprochen von den Möglichkeiten, die endlich sind.

Nach dem Treffen mit Abdullah tritt er vor die Kameras, ein Zwischenbericht. Wie war der König? "Super wie immer", sagt Gauck. Dann erzählt er, dass er "sehr viel lobende Worte über die deutsche Gesellschaft gehört" habe. Es hat ihn bewegt, aber auch ein wenig überrascht, als hätte er so viel Lob gar nicht verdient: "Wenn sie prozentual so viel mehr Flüchtlinge haben, dann ist es schon erstaunlich, wenn ich dann diese lobenden Worte über unsere Regierung und unsere Bevölkerung höre."

Am Morgen vor seinem Rückflug besucht Gauck das Flüchtlingscamp Azraq der Vereinten Nationen, das mitten in der Wüstenlandschaft liegt, eine Stunde von Amman entfernt. 28.000 Flüchtlinge. Es ist der Schlusspunkt seiner Reise. Er besucht eine Familie und ist Gast im Mathematikunterricht einer Mädchenklasse in Village 6, der im Schichtbetrieb funktioniert. Morgens Jungs, nachmittags Mädchen. Wurzelrechnung steht auf dem Lehrplan.

"Sit down", sagt Gauck, als ihn die Schüler im Stehen empfangen. Er geht durch die Reihen der Schulbänke, entdeckt etwas in einem Schulbuch, das ihn belustigt, weiß der Himmel was, denn das Buch ist komplett in Arabisch.

Er schüttelt Hände und stellt ein paar Fragen zum Lehrplan, zur täglichen Schulstundenzahl. Die Mädchen tuscheln und kichern. "Ihr Girls, bye, bye!", ruft Gauck, bevor er den Klassensaal wieder verlässt.

Abschlussstatement, vor dem Camp. "Sie sehen mich hier einigermaßen bewegt", sagt Gauck. Die Weltgemeinschaft müsse sich genau überlegen, ob sie hier Ernährungsprogramme herunterfahre. Das reicht. Mehr muss er nicht sagen.

Auf einen ausgiebigen Kommentar zu Deutschland verzichtet er jetzt.

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Fläche: 88.794 km²

Bevölkerung: 6,530 Mio.

Hauptstadt: Amman

Staatsoberhaupt:
König Abdullah II.

Regierungschef: Abdullah al-Nusur

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