Gauck in Shanghai Harte Kritik, hübsch verpackt

Joachim Gauck schmeichelt seinen Gastgebern, übt aber auch deutliche Kritik: Der Bundespräsident meistert die Gratwanderung in China geschickt.

DPA

Aus Shanghai berichtet


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Am Abend zuvor haben sie den deutschen Präsidenten über den Huangpu geschippert. Von dort bekommt man einen guten Eindruck von Shanghai, dieser chinesischen Mischung aus New York und Las Vegas. Manche irrwitzigen Gebäude dieser Stadt, bis zu 600 Meter hoch, leuchten und blinken vom dunklen Fluss aus noch bunter.

Joachim Gauck kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, seitdem er am Sonntag in China gelandet ist. Zunächst drei Tage Peking mit all der kommunistischen Staatsmonumentalität, nun Shanghai - das Bild dieses Landes wird immer verwirrender für den Bundespräsidenten. Bei seiner Flussfahrt erinnerten Gauck nur noch die an manchen Dächern befestigten roten Fahnen daran, dass China von der KP regiert wird.

Jetzt steht der Bundespräsident an einem hölzernen Rednerpult im Auditorium der Shanghaier Tongji-Universität. Seine Rede soll der Höhepunkt des fünftägigen Staatsbesuchs sein. Jedenfalls aus deutscher Sicht. "Menschenrechte sind keine Priorität für Gaucks Besuch", lautete am Dienstag zwar die Überschrift eines Kommentars in der linientreuen "Global Times", aber da war der Wunsch der Machthaber wohl Vater des Gedankens.

Abbruch des Staatsbesuchs diskutiert

Erstmal geht es hier an der Tongji-Uni aber um den Terror in Brüssel. Gaucks Mitarbeiter hatten nach den Anschlägen sogar über einen Abbruch des Staatsbesuchs nachgedacht. Selbst der oberste örtliche Hochschul-Parteisekretär geht bei der Begrüßung des Bundespräsidenten auf Brüssel ein. "Ich bedanke mich für die Anteilnahme", sagt Gauck.

Dann aber redet er über China. Gauck hat einen geschickten Weg gewählt, um der Volksrepublik die Leviten zu lesen. Zunächst umarmt er die Gastgeber: Er lobt die Hochschule, die Verbindungen beider Länder - aber vor allem die Chinesen selbst. Für ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre Wirtschaft. "Wir in Deutschland bewundern auch die enorme Leistungsbereitschaft des Einzelnen", sagt er.

Dann kommt das große Aber: "Manche Entwicklungen beobachten wir aber durchaus auch mit Sorge." Er redet von der Umweltverschmutzung, erwähnt die ungleiche Verteilung des Wohlstands in China, die inzwischen sogar eklatanter ist als in den USA. Und Gauck fragt, "was jenen widerfährt, die gänzlich eigene Wege gehen und der offiziellen Linie im Wege zu stehen scheinen".

Es ist eigentlich keine Frage, weil er ja weiß, was mit ihnen passiert. Am Montagabend hat Gauck in Peking einige Bürgerrechtler getroffen. Andere konnte er nicht treffen, weil sie im Gefängnis sitzen. Die Repression im Lande ist nach Darstellung von Menschenrechtsorganisationen so schlimm wie lange nicht mehr. Gauck sagt: "Individuelle Freiheitsrechte können nicht dauerhaft durch materielle Güter oder sozialen Status ersetzt werden."

Schmeicheln und mahnen

Gauck schmeichelt - und mahnt dann wieder. Er erinnert an die China über Jahrhunderte zugefügten Leiden, um dann die "verheerende Kulturrevolution" anzusprechen. Ob den eifrig lauschenden Studenten im Auditorium diese Wertung der Mao'schen Politik durch ihre Kopfhörer übersetzt wurde? Manch junger Zuhörer sagt später, dass die Rede beeindruckend und die Kritik nicht zu überhören gewesen sei.

Gaucks Plan könnte also aufgegangen sein. Einen Eklat wollte er vermeiden, aber trotzdem Tacheles reden, so gut das als deutsches Staatsoberhaupt eben geht: China ist wichtig für Deutschland - als Absatzmarkt und Handelspartner, für die Lösung internationaler Krisen. Im Gegensatz zu anderen Staatsbesuchern aus dem Westen will der deutsche Präsident Haltung zeigen.

Dabei wendet er noch einen Trick an: Der frühere DDR-Bürger erzählt von seinen Diktatur-Erlebnissen. "Diese Erfahrungen dränge ich niemandem auf - nicht Ihnen und nicht Ihren Landsleuten", sagt er. "Sie sind ein Angebot, besser zu verstehen, was mich, aber auch die deutsche Gesellschaft leitet." Die Unterdrückung in der DDR, die mangelnde Legitimation der Führung, die fehlende Glaubwürdigkeit des Regimes - ein fantasiebegabter Zuhörer kann das auch auf die Situation in China beziehen.

"Meinen Besuch, das will ich ausdrücklich wiederholen, verstehe ich als Freundschaftsbesuch", sagt Gauck an einer Stelle. Zumal, das macht Gauck klar, Deutschland mit seiner doppelten Diktaturgeschichte im 20. Jahrhundert die Rolle als Lehrmeister gar nicht zustünde. Was das Beispiel Deutschland allerdings zeige: Demokratische Fortschritte und wirtschaftliche Entwicklung gehen sehr wohl zusammen.

Lockere Runde im Lesesaal

Nach der knapp 40-minütigen Rede sitzt Gauck mit Dozenten und Studenten im Lesesaal der deutschen Bibliothek. Es ist ein lockeres Gespräch, das Gaucks Bild von China wohl noch mehr durcheinanderbringen wird: Dass alle fließend Deutsch sprechen ist weniger überraschend als die Tatsache, wie gut sie sich in der Heimat des Bundespräsidenten auskennen - und was sie interessiert: Wie geht das weiter mit der AfD nach den drei Landtagswahlen? Welche Probleme gibt es mit der deutschen Pflegeversicherung? Und inwieweit hat sich das Europabild Gaucks seit seinem Amtsantritt verändert?

Ein Professor hat noch eine ganz spezielle Frage: Ob Gauck nun denn eigentlich eine zweite Amtszeit antreten werde? Da lacht der Bundespräsident schallend. Das werde er "in den kommenden Wochen und Monaten" mitteilen, sagt Gauck und schaut den Fragesteller freundlich an: "Ich würde es Ihnen sagen, wenn wir beim Bier säßen."


Zusammengefasst: Joachim Gauck hat während seines Staatsbesuchs in China an der Shanghaier Tongji-Universität eine Rede gehalten. Der Bundespräsident setzte dabei auf eine Doppelstrategie, um seine Kritik an den Verhältnissen in China zu äußern: Er lobte die Gastgeber, um dann Umweltverschmutzung, Ungerechtigkeit und Repressionen anzusprechen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
cernovkirill 23.03.2016
1. Guter Mann!
Der beste Bundespräsident den ich kenne !
fessi1 23.03.2016
2. warum tun wir es denn dann immer?
"Zumal, das macht Gauck klar, Deutschland mit seiner doppelten Diktaturgeschichte im 20. Jahrhundert die Rolle als Lehrmeister gar nicht zustünde." Weil wir eben etwas lehrmeisterliches in uns haben. Wir wollten die besseren Kaiser sein, die besseren Diktatoren, jetzt die besseren Demokraten. Die besten Autos bauen wir sowiso. Und alle anderen wollen es einfach nicht begreifen, das unsere Lebensweise die einzig wahre ist! Es ist zum Mäuse melken!
outsider-realist 23.03.2016
3. Gimme Schelte
Viel gescholten hier im Forum...das ist Gauck. Ich mag ihn aber irgendwie.
cernovkirill 23.03.2016
4. Toller Mann!
Der vernünftigster Präsident , denn wir je hatten!
Nabob 23.03.2016
5. Gauck nicht mehr ernst nehmen.
Natürlich dient diese Reise unter der Gallionsfigur Gauck vor allem wirtschaftlichen Interessen, wie eigentlich immer. Der Bundespräsident Joachim Gauck hat sein Recht auf Kritik an anderen Systemen verwirkt: Deutschland ist durch seinen immensen Waffenhandel als Krisentreiber einzustufen und schafft damit Not bei Menschen in dieser Welt. Ein deutscher Bundespräsident wirkt äußerst unglaubwürdig, im fernen Asien gegenüber den Chinesen den Wertelehrer zu geben und - quasi vor unserer eigenen Haustür - das völlig unnötige und leicht behebbare Elend der Flüchtlinge in Idomeni zu ignorieren. Damit macht sich dieser Mann leider lächerlich.
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