Gauck-Besuch in Frankreich Der anstrengende Gast

Joachim Gauck hat sich viel vorgenommen für seinen Staatsbesuch in Frankreich: Als erster deutscher Repräsentant besucht er Oradour - die Bevölkerung des Orts wurde 1944 von der Waffen-SS ermordet. Aber Gauck hat auch eine Botschaft für seine Gastgeber; er wünscht sich mehr Reformeifer.

DPA

Aus Paris berichtet


Er war im tschechischen Lidice, wo die Deutschen 1942 einen kompletten Ort auslöschten. In Sant'Anna di Stazzema, einem italienischen Dörfchen in der Toskana, gedachte Joachim Gauck der mindestens 560 Menschen, die von der Waffen-SS 1944 getötet wurden. Im holländischen Breda hat der Bundespräsident am Tag der Befreiung von Nazi-Deutschland die Tausenden Niederländer gewürdigt, die während der Besatzung ihr Leben lassen mussten.

Und jetzt Oradour-sur-Glane.

Noch nie war ein hoher deutscher Repräsentant in dem mittelfranzösischen Dorf nordwestlich von Limoges. Und noch bis vor 10, 15 Jahren wäre das wohl auch keine gute Idee gewesen, heißt es. Die deutsch-französische Freundschaft mag in diesem Jahr 50. Geburtstag haben, aber sie kann Oradour nicht ungeschehen machen: Am 10. Juni 1944 töteten Mitglieder der Waffen-SS 642 Menschen, mit Maschinengewehren erschossen die Truppen die Bewohner des Dorfes, dann legten sie überall Feuer. Wer den Kugelhagel überlebt hatte, starb in den Flammen.

Nur sechs Menschen entkamen dem Massaker. Die Ruinen von Oradour stehen bis heute, so hatte es Präsident Charles de Gaulle nach dem Krieg verfügt, und mahnen still.

Gauck wollte unbedingt nach Oradour. Am Mittwochnachmittag wird er gemeinsam mit Gastgeber François Hollande die Gedenkstätte besuchen, sich von einem Überlebenden durch die Überreste des Dorfs führen lassen, später trifft er mit Vertretern von Opferfamilien zusammen und hält eine Rede. "Ich werde nicht verbergen, wie es um mein Herz bestellt ist," sagte Gauck am Dienstag nach seiner Ankunft in Paris bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Hollande.

Das deutsche Staatsoberhaupt, geboren im Kriegsjahr 1940, will auch den Franzosen zeigen, was er schon den Tschechen, Italienern und Holländern zeigte: Ich trage schwer an dem, was Deutsche hier angerichtet haben - aber das neue Deutschland ist ein anderes. Dennoch vergisst es nicht.

Oradour steht in Frankreich auch für ein heikles Kapitel

Dass Gauck bei seinem Staatsbesuch in Frankreich - dem ersten eines deutschen Präsidenten seit Roman Herzog 1996 - nach Oradour fährt, hat im Nachbarland einige Wellen geschlagen. Auch deshalb, weil der Name des ausgelöschten Dörfchens, das nach dem Krieg 500 Meter weiter neu aufgebaut wurde, auch für ein heikles Kapitel französischer Vergangenheit steht: Männer aus dem Elsass waren damals unter den Soldaten der SS-Panzer-Division "Das Reich" - bis heute ist in Frankreich umstritten, ob sie freiwillig für Hitler kämpften und mit mordeten oder unter Zwang.

Wenn es nach Präsident Hollande geht, war der Gauck-Besuch am Ort des Massakers auch seine Idee. Aber angesichts der innerfranzösischen Schwierigkeiten mit Oradour kann man daran Zweifel haben. Prompt hat der Verband der Elsässischen Kriegswaisen des Zweiten Weltkriegs den Bundespräsidenten dazu aufgerufen, bei seiner Rede an das Schicksal der damaligen Zwangsrekrutierten aus dem Grenzgebiet zu erinnern.

Es kann anstrengend sein mit einem Gast wie Gauck, das dürfte sich Hollande auch nach dessen Ankunft am Dienstag gedacht haben. Natürlich lobte und pries sein Amtskollege die enge Partnerschaft der Nachbarländer, erst bei der Konferenz im pompösen Presseraum des Elysée-Palasts, am Abend beim Staatsdiner in dem nicht weniger goldglänzenden Bankettsaal des Präsidentensitzes. Aber Lob und Mahnung folgen beim Bundespräsidenten oft unmittelbar aufeinander. "Ich gehöre zu den Menschen, die sich freuen, dass Konsolidierungs- und Reformschritte konkret angegangen werden", sagte Gauck.

Genau daran mangelt es Frankreich.

Er sei "ohne jede Häme gegen Frankreich", sagt Gauck

Es protzt und prunkt im Herzen von Paris wie in kaum einer anderen europäischen Hauptstadt, aber ein paar Kilometer entfernt sieht das Land ganz anders aus: Die Wirtschaft kommt nicht voran, die Arbeitslosigkeit steigt, die Staatsfinanzen laufen aus dem Ruder. Dafür kann der sozialistische Präsident Hollande nur bedingt etwas, nachdem gut anderthalb Jahrzehnte lang die Konservativen Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy das Land regiert haben, aber er muss die Probleme nun angehen. Auch weil Europa ein starkes Frankreich braucht. Bisher allerdings zaudert das Staatsoberhaupt - wohl vor allem aus Angst vor seiner eigenen Partei. Hollande weiß, wie es Gerhard Schröder und seiner SPD nach Beginn der Agenda-Reformen erging.

Sein deutscher Gast lobt die Schröder-Regierung gerne für ihre Agenda-Politik, seinem Gastgeber ruft er beim Bankett zu: "Reformen - das Wort sagt sich leicht. Veränderungen aber haben viele kleine Gegner: Angst, Bequemlichkeit, auch tief eingelagerte Prägungen stehen ihnen im Weg."

Gauck sagt das nicht von oben herab: "Ich bin ohne jede Häme gegen Frankreich." Zumal - und das wird man zu Hause in Berlin wiederum mit mäßiger Begeisterung vernehmen - es nicht lange dauern dürfte, "und wir werden in Deutschland eine Reformdebatte haben". Auch dort seien "nächste Reformschritte nötig", prognostiziert er, Deutschland sei "kein Hafen der Seligen".

Aber für Hollande macht das die Lage auch nicht leichter.

insgesamt 177 Beiträge
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seine-et-marnais 04.09.2013
1. Ohne Häme, aber reichlich unverschämt
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck hat sich viel vorgenommen für seinen Staatsbesuch in Frankreich: Als erster deutscher Repräsentant besucht er Oradour - die Bevölkerung des Orts wurde 1944 von der Waffen-SS ermordet. Aber Gauck hat auch eine Botschaft für seine Gastgeber; er wünscht sich mehr Reformeifer. Joachim Gauck in Oradour: Heikles Kapitel in der Geschichte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/joachim-gauck-in-oradour-heikles-kapitel-in-der-geschichte-a-920259.html)
Gott sei dank geht dieser Präsidentenbesuch den meisten in Frankreich am A.. vorbei. Warum? Gauck sagt 'Ohne Häme', also ohne Schadenfreude, fordert aber von Frankreich dass man da endlich die Hausaufgaben machen und sich an Deutschland ein Vorbild nehmen sollte. Was mischt sich eigentlich ein deutscher Präsident in die inneren Angelegenheiten Frankreichs ein? Merkt er denn nicht dass es so nicht geht? Er pilgert nach Oradour um Busse wegen der Naziverbrechen zu begehen und möchte gleichzeitig Frankreich vorschreiben was es zu tun hat. Würde er nur nach Oradour gehen, ok, würde er nur von 'mangelndem Reformeifer' sprechen, ok, aber beides zusammen geht nicht. Da hat man das Gefühl, was die Nazis mit rauher Gewalt nicht erreicht haben, möchte man mit 'Reformen' durchsetzen, 'am deutschen Wesen' soll Europa genesen. Das hätte eigentlich einem Bundespräsidenten auffallen müssen.
thomas_gr 04.09.2013
2. optional
Wann besucht er Kalavryta?
frankmerkel 04.09.2013
3. Ach Gott, Herr Pfarrer!
Gauck glaubt also offensichtlich, das der Aufruf zum Wettbewerb des innereuropäischen Sozialdumpings seine Aufgabe ist. Ansonsten duckt er sich bei allen relevanten Themen (Bedrohung der Freiheit durch USA und GB, völkerrechtwidriger Angriffskrieg gegen Syrien.) Stattdessen macht er sich lieber zum Fürsprecher eines bereits gescheiterten neoliberalen Ichlingskapitalismus.
omguruji 04.09.2013
4. Rente mit 62
Dies wird ein Knackpunkt sein..
micha.w 04.09.2013
5. Erstaunlich
Unser "nichtssagender" BP (z.B. Grundrechtsverletzungen durch NSA) hat dann aber gleich mal eine Forderung, natürlich an andere, zur Hand. Peinlich, peinlich für mich eben typischer ehemaliger DDRler. Wenig begriffen.
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