Gauck beim Gedenken an Babi Jar "Es schwindelt uns"

75 Jahre ist es her, dass Deutsche in Babi Jar 33.000 Juden erschossen. Beim Gedenken fordert Bundespräsident Gauck eine ehrliche Aufarbeitung. Die ist auch in Deutschland längst nicht zu Ende.

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) in Babi Jar
DPA

Bundespräsident Joachim Gauck (Mitte) in Babi Jar

Aus Kiew berichtet


Am Morgen des 29. September macht sich eine schier endlose Kolonne auf den Weg von Kiew aus gen Norden. Zehntausende Juden. Alte, Junge, Kinder. Ein Zug der Elenden marschiert in den Tod - nur ahnen das wohl die wenigsten. Auch ihr Ziel kennen sie nicht. Es ist die Schlucht von Babi Jar, einst Nebental eines Dnepr-Zuflusses, die Ukrainer nennen sie Altweiberschlucht. 33.771 in Babi Jar erschossene Juden wird das zuständige deutsche Sonderkommando am Abend des folgenden Tages nach Berlin melden.

Die Aktion sei "reibungslos" verlaufen.

Und nun steht, 75 Jahre später, der deutsche Bundespräsident in Babi Jar. Man hat für die Gedenkveranstaltung eine gewaltige Bühne aufgebaut, hinter dem Rednerpult recken sich metallische Stelen in den Himmel, auf zwei Großleinwänden ist rechts und links jeweils ein siebenarmiger Leuchter, die traditionelle Menora, zu sehen. Er sei "immer wieder fassungslos und voller Trauer angesichts der monströsen Verbrechen anderer Deutscher in einer anderen Zeit", sagt Joachim Gauck. "Wenn wir hineinschauen", sagt er mit Blick auf die Shoah, also die Vernichtung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland, "schwindelt es uns".

Ein furchtbarer Abschluss

Gauck war in seinen viereinhalb Jahren im Amt in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, in Auschwitz, er hat sein Haupt an einigen Orten im europäischen Ausland geneigt, an denen Deutsche während des Zweiten Weltkriegs besonders gewütet haben. Babi Jar ist für den scheidenden Bundespräsidenten - wohl der letzte, dessen Biografie in die Nazi-Herrschaft hineinragt - auch so etwas wie der Abschluss seiner Erinnerungsarbeit. Ein furchtbarer Abschluss.

Babi Jar ist wegen der Zahl der Opfer ein besonders schreckliches Beispiel für die deutschen Massenerschießungen von Juden im Zweiten Weltkrieg. Aber es ist eben auch deshalb ein so wichtiges Symbol, weil es den Blick auf diesen mitunter vernachlässigten Teil des Holocausts richtet: Bis zu 2,5 Millionen Juden sollen durch Schüsse ermordet worden sein. Und noch etwas ist besonders an Babi Jar. Historiker wie Timothy Snyder sehen eine direkte Verbindung von diesem Ort der Massenerschießungen nach Auschwitz - und damit zur sogenannten Endlösung, die in den dortigen Vernichtungslagern umgesetzt wurde (ein ausführliches Interview mit Snyder lesen Sie hier ). Deshalb sagt der Bundespräsident: "In unserem Wissen über den Massenmord an den Juden muss Babi Jar einen festen Platz haben."

Von der Schlucht ist in Babi Jar nichts mehr übrig. Vor 75 Jahren war sie etwa zweieinhalb Kilometer lang und 30 Meter tief. Hier werden die übrig gebliebenen Juden von Kiew - viele sind vor den herannahenden Deutschen geflohen - vom Morgen des 29. Septembers 1941 an erschossen. 36 Stunden lang. Zeitweise wird laute Opernmusik gespielt, um die Schüsse und die verzweifelten Schreie zu übertönen. Die Juden hatte man für den Morgen des 29. Septembers zu mehreren Sammelpunkten in Kiew befohlen, warme Sachen seien mitzubringen. Wer nicht erscheint, so hieß es in den Aufrufen, werde sofort erschossen. Als ob es einen Unterschied gemacht hätte.

"Die Erinnerung wird sich immer Bahn brechen"

"Man kann die Schlucht zuschütten, wie es mit Babi Jar buchstäblich versucht worden ist", sagt der Bundespräsident 75 Jahre später. "Die Erinnerung wird sich immer wieder Bahn brechen." Nachdem die Deutschen abgezogen waren und der Krieg zu Ende war, ließ die von der Sowjetunion eingesetzte Stadtverwaltung die Altweiberschlucht tatsächlich zuschütten. Keiner hatte so richtig ein Interesse an der Erinnerung. Die Kiewer nicht wegen ihres schlechten Gewissens, denn auch Ukrainer halfen bei dem Massenmord, die Sowjets nicht, weil das Leid der Juden nicht zum eigenen Mythos passte. Aber das rächte sich: Nachdem Babi Jar zugebaut worden war, brach in den Sechzigerjahren auf dem Gelände ein Damm, Hunderte starben.

Und es rächt sich immer noch. Weil die mangelnde Bereitschaft, sich mit der eigenen Vergangenheit ehrlich auseinandersetzen, bis heute neue Gräben schafft. Der Bundespräsident wünscht sich deshalb "eine Forschung, die neuerlich modischen Versuchungen widersteht, die Wahrheit durch das Prisma der Nation zu sehen".

In der Ukraine erinnert man sich heute vor allem daran, dass man zweifach im vergangenen Jahrhundert auf der Opferseite stand: Einmal wegen der Besatzung durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs - sowie davor und danach wegen der von Moskau oktroyierten Sowjetherrschaft, so die Kiewer Sichtweise. Ob das nun vergleichbar ist oder nicht, vor allem vergisst man in der Ukraine gerne, dass mitunter auch Landsleute den Deutschen bei ihren monströsen Taten halfen. Wie in Babi Jar.

Poroschenko zieht Parallelen zum heutigen Russland

Kann man 75 Jahre später davon schweigen? Israels Präsident Reuven Rivlin erinnerte an die ukrainischen Täter, als er im Rahmen des Babi-Jar-Gedenkens in dieser Woche im ukrainischen Parlament, der Rada, ans Rednerpult trat. Führende ukrainische Politiker reagierten äußerst ungehalten und warfen Rivlin falsche Behauptungen vor. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagt in Babi Jar lediglich: "Kollaborateure stellen nicht die Völker dar, denen sie angehören." Stattdessen nutzt er den Auftritt für heftige Angriffe gegen Russland, spricht mit Blick auf die Auseinandersetzungen in der Ostukraine sogar von Parallelen zum damaligen Aggressor Deutschland.

Gauck spricht das Problem auf grundsätzliche Weise an. "Sich der eigenen Geschichte zu stellen, den genauen Blick auf die Fakten zu wagen, eigener Schuld, eigenem Versagen nicht auszuweichen, ist ein generationsübergreifender Prozess", sagt er. Deutschland sei diesen schweren Weg gegangen - "und er ist auch so viele Jahre nach dem Krieg nicht abgeschlossen".

Auch dafür steht Babi Jar. Die deutschen Mörder in der Altweiberschlucht gehörten der Waffen-SS an, Polizeieinheiten - aber ebenso der Wehrmacht. Genauer: der 6. Armee unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau. Aber während beispielsweise SS-Standartenführer Paul Blobel für seine Rolle in Babi Jar nach dem Krieg zum Tode verurteilt wurde, blieben die Wehrmachts-Mörder unbelangt.

"Zum Blick in den Abgrund unserer eigenen Geschichte gehört das Einverständnis, dass auch die deutsche Wehrmacht an diesen Verbrechen maßgeblich beteiligt war", sagt der Bundespräsident. "Viel zu lange hat es gedauert, bis sich diese Einsicht in Deutschland durchgesetzt hat." Aber hat sie sich wirklich schon durchgesetzt - man erinnere nur an die Auseinandersetzungen um die Ausstellung zu den Verbrechen der Wehrmacht vor wenigen Jahren?

Es ist eben so eine Sache mit dem Erinnern. Auch in Deutschland.



insgesamt 45 Beiträge
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denkdochmal 29.09.2016
1. Solche Erinnerungen sind schwer zu verdauen.
Dieses Elend kann man sich nicht vorstellen. Ebensowenig diese deutsche Mordbande, die ohne Skrupel massenhaft Menschen abschlachtet. Um so mehr bin ich erzürnt, daß es immer noch Unsägliche in unserem Land gibt, die der braunen Mörderpest huldigen. Was sind das für Leute? Verbrecher? Irre? Wahnsinnige? Was wollen sie mit dieser furchtbaren "Tradition" bewirken? Liebe Leute weit rechts von mir, denkt an das, was diese Unmenschen angerichtet haben. Laßt Euch nicht verleiten, diesen fäkalbraunen Rattenfängern zu folgen. Sie haben Folter Tod, Not und Elend über alle Maßen in ganz Europa und darüber hinaus verübt. Wollen Sie so etwas wirklich? Meine Trauer, mein tiefes Mitgefühl gilt allen Opfern, jene die ermordet wurden und jenen, die überlebten. Und nicht nur den Opfern der verachtenswerten Nazipest, sondern allen, die Elend, Folter und Mord erlebten und noch erleben müssen.
ich-geb-auf 29.09.2016
2. mein beieleid
Diese Morde waren barbarisch, ja.. sollten nie vergessen werden. ja.. aber ganz ehrlich, ich sehe es nicht ein, dass ich in den 70ern Geborener jetzt da schuld bei mir suchen muss, mich schäme aus Deutschland zu kommen...
franziskus.2 29.09.2016
3. 33000 ?
Waren es nicht mehr? Diese Verbrechen kann man nicht aufarbeiten und schon gar nicht Sühne mit Geld leisten, obwohl das den Schmerz der Nachkommen auch nicht lindert.
claudio_im_osten 29.09.2016
4. Noch so eine deutsche Hölle.
Ich muss gestehen: Ich habe viel gelesen über die Zeit des Nationalsozialismus - und doch von Babi Jar noch nie etwas gehört. Es ist gut, dass Gauck diesen Weg offensiv geht und damit auch manch Anderem - man denke gerade an die Armenier-Debatte und die unrühmliche Figur des (auch noch mit uns verbündeten) Staatspräsidenten einer anderen Täternation - ein Beispiel gibt. In Gesprächen in Osteuropa kann man schon sehen, dass dort wahr genommen wird, wie wir in Deutschland mit diesem Teil unserer Geschichte umgegangen sind - auch wenn es Deutsche waren, die 1970 Willy Brand bei seinem Kniefall als Verräter angesehen haben. Die Ukrainer, die Letten, die Litauer und andere mehr haben nach wie vor einen solchen Weg vor sich und tun gut daran, sich dem nicht zu verschließen. Auch Mittäterschaft befreit nicht von jeglicher Schuld. Gauck wird nicht unser letzter Präsident sein, der an solchen Orten Worte finden muss. Ich bin ihm dankbar dafür, wie er's tut.
AtmosFear 29.09.2016
5. Wichtiger ist das JETZT
Ja es ist schlimm was vor 75 Jahren passiert ist, aber das können wir nicht mehr ändern. Stattdessen gilt es, solche Greueltaten in Zukunft zu verhindern bzw JETZT, denn es sterben täglich Tausende nach dem selben Prinzip, sei es in Syrien, Jemen, Sudan und so fort. Also bitte: aus der Vergangenheit lernen und JETZT tun was man kann um solches zu verhindern mit aller Kraft im JETZT und HEUTE. Ansonsten hat das alles keinen Sinn gemacht.
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