US-Wahlkampf Verstörend privat

Joe Biden betrauert öffentlich seinen Sohn, Jimmy Carter erzählt detailreich über seine Metastasen. Immer stärker erodiert in den USA die Grenze zwischen Politik und Privatem. Kann das für Deutschland ein Vorbild sein?

REUTERS

Ein Essay von , Washington


Joe Biden ist gerade viel unterwegs. Der Vizepräsident der USA testet, ob er vielleicht doch noch in das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur einsteigt. Biden trifft sich mit möglichen Geldgebern, er umgarnt Gewerkschaften, es wirkt, als stehe die Entscheidung kurz bevor. Doch Biden bremst. Sein Sohn Beau, 46, ist erst im Mai an einem Hirntumor gestorben.

Für das Amt müsse man 110 Prozent mitbringen. "Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich wäre da schon wieder", sagte Biden jetzt in einem außergewöhnlich emotionalen Gespräch mit dem Late-Night-Star Stephen Colbert.

Trauer ist völlig verständlich, immer und überall. Der frühe Tod eines Kindes ist ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag, in Bidens Fall kommen besonders tragische Umstände hinzu. Vor gut 40 Jahren hat er bei einem Verkehrsunfall seine erste Frau und eine Tochter verloren. Er muss nun beides bewältigen: den jüngsten Tod und die Erinnerung.

Und dennoch bewegt er sich auf einem sehr schmalen Grat: Sein Kummer, die Frage der Kandidatur - es ist schwierig, beides voneinander zu trennen, und Biden wirkt, als wolle er die Angelegenheiten auch gar nicht voneinander trennen. Er spricht auf Bühnen über den Zustand seiner Familie, im Fernsehen über nervliche Zusammenbrüche, er lässt durchsickern, dass sein Sohn ihn am Sterbebett zu einer Kandidatur animierte. Das ist Bidens gutes Recht, aber es kann auch ganz hilfreich sein, den Fall einmal in einen Kontext zu stellen.

Der Abschied von der Intimität

Bidens öffentliche Verarbeitung der Trauer ist ein Beispiel dafür, wie durchlässig in den Vereinigten Staaten die Grenze zwischen Politik und Privatem geworden ist, wie das eine das andere ergänzt, mitunter gar bedingt. Die Grenze war, gerade in Wahlkampfzeiten, in den USA schon immer poröser als in anderen Teilen der Welt. Dass Leben und Biografie von Kandidaten durchleuchtet werden, gehört jenseits des Atlantiks zur Normalität. Inzwischen ist die Trennlinie der beiden Welten kaum noch vorhanden, immer mehr Spitzenpolitiker verlassen von selbst den geschützten Raum der Intimität.

Barack Obama lässt sich im Familienurlaub von mitreisenden Journalisten auf Schritt und Tritt verfolgen. Donald Trump plaudert über seinen Kontostand. Jimmy Carter berichtet auf einer Pressekonferenz über seine metastasierende Krebserkrankung. Es gibt etliche Beispiele.

Aus deutscher Sicht wirken solche Fälle verstörend. Bei uns funktioniert Politik - auch aus historischen Gründen - noch immer in einem geordneten Gefüge von Parteien und Institutionen. Das Persönliche tritt in der Regel hinter das Amt zurück, die Mächtigen tun alles, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, als wollten sie die eigenen Lebensumstände instrumentalisieren. Es gibt Beispiele, in denen Politiker versucht haben, aus diesem System auszubrechen, Karl-Theodor zu Guttenberg etwa.

In den USA ist das grundsätzlich anders. Politiker sind individuelle Marken, die ihre Autorität aus dem direkten Band zur Wählerschaft ziehen. In einem solchen System ist es viel stärker veranlagt, dass man Dinge von sich preisgibt. Es reicht nicht, von Funktionären auf Platz eins einer Liste gesetzt zu werden. Um wählbar zu sein, muss das Menschliche, das Private erkennbar werden. Weil Politik mehr als in Deutschland auf Theatralik basiert, gibt es eine Art gesellschaftlichen Anspruch darauf, am Leben - oder Sterben - von Politikern teilhaben zu dürfen. Viele kommen dem gerne nach, denn nichts verbindet mehr, als ein Gefühl, das man teilt.

Das Gauck-Gefühl

In diesen Zeiten gilt das umso mehr. Stärker noch als in Deutschland steckt die Politik in den USA in einer Vertrauenskrise. Einer Gallup-Umfrage im Juli zufolge sehen die Amerikaner die Regierungsarbeit als das größte Problem des Landes, vor dem Terrorismus. Wer es in Washington nach oben schaffen will, muss mehr noch als früher eine Geschichte zu erzählen haben, muss bereit sein, sich in die Seele schauen zu lassen. Wer den Anschein der Heimlichtuerei erweckt, muss mit Misstrauen rechnen. Hillary Clinton ist dafür mit ihrer E-Mail-Affäre ein gutes Beispiel.

Es gibt keine eindeutige Antwort darauf, ob die Erosion des Intimbereichs in der US-Politik ein guter oder ein schlechter Trend ist. Man ist geneigt zu sagen, dass Deutschland eine gewisse Amerikanisierung in dieser Hinsicht gut täte. Wie humorvoll Jimmy Carter nur Stunden vor seiner ersten Chemotherapie seine Landsleute über die Einzelheiten seiner Krebsgeschwüre aufklärte, war bewegend. Der Ex-Präsident trägt mit seiner Transparenz zu einer Enttabuisierung von Krankheiten in der Politik bei, die der Betrieb in Berlin durchaus auch gebrauchen könnte.

Es würde schon reichen, hin und wieder zu erfahren, wie der Mensch, wie die Lebensgeschichte hinter dem Amtsträger aussieht. Der Satz von Sigmar Gabriel im Jahr 2010, Joachim Gauck bringe ein Leben mit, Christian Wulff nur eine politische Laufbahn, mag auf Wulff nicht gepasst haben. Aber versteht man ihn als Beschreibung eines Defizits der politischen Klasse in Deutschland, dann hatte er einen wahren Kern. Gauck ist auch deswegen so beliebt, weil er sich nicht scheut, seine Person mit einer biografischen Geschichte zu verknüpfen, mit der sich viele Deutsche identifizieren können.

Andererseits wirkt die Realität in den USA nicht wirklich empfehlenswert. Die Nonchalance, mit der die meisten Amerikaner auf die NSA-Affäre reagieren, legt offen, wie sehr das Gespür für die Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem verloren gegangen ist. Für den politischen Betrieb hat das fatale Folgen: Wenn sich kaum noch jemand darum schert, die Hoheit über die eigene Intimsphäre zu bewahren, ist es nicht verwunderlich, dass kaum noch jemand den Anspruch an Politiker erhebt, Grenzen zu respektieren. Aus Donald Trumps Sicht lässt es sich in diesem System prima einrichten. Er plaudert Handynummern von Konkurrenten und Journalisten aus. Er unterstellt einer Moderatorin Menstruationsprobleme. Kurzer Aufschrei, dann ist das Thema erledigt.

In Deutschland wäre zumindest Letzteres wohl ein Rücktrittsgrund. Und das kann auch ruhig so bleiben.

Zum Autor
Veit Medick ist seit Februar 2009 Politikredakteur im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE und seit August 2015 Korrespondent in Washington.

E-Mail: Veit_Medick@spiegel.de

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