Johannesburg-Gipfel eröffnet: "Es geht um ein Ende der Apartheid zwischen Arm und Reich"

Von Holger Kulick, Johannesburg

104 Staats- und Regierungschefs versammeln sich in den nächsten Tagen in Johannesburg, um "die Welt zu retten". Eindringlich bat zur Eröffnung Südafrikas Regierung die Weltgemeinschaft, den Uno-Gipfel zum Erfolg zu führen. Aber ein Viertel aller Verhandlungspunkte ist noch offen und das Endergebnis nicht absehbar.



Es geht um die Erde: Südafrikanische Tänzer bei der Eröffnungsfeier vor einem gigantischen Globus
AFP

Es geht um die Erde: Südafrikanische Tänzer bei der Eröffnungsfeier vor einem gigantischen Globus

Johannesburg – Plötzlich erschien ein Totenkopf auf dem Erdball. Dann wandelte sich der riesige aufblasbare Globus zur Leinwand für blitzartig wechselnde Bilder von all dem, was der Mensch der Erde angetan hat: Umweltkatastrophen, Luftverpestung, Hunger, Dürre, Aids, Krieg.

Die überdimensionale Weltkugel hing über den Köpfen von 500 Trommlern, Tänzern und Sängern auf einer Bühne im Johannesburger Stadtteil Ubuntu-Village. Die von Südafrikas Präsident Thabo Mbeki am Sonntagabend angestimmte eindringliche Vor-Eröffnung des Johannesburg-Gipfel war sehr viel anschaulicher als die Eröffnungsreden heute im Johannesburger Uno-Konferenzzentrum.

Afrikaweit wurde die Tanzperformance live im Fernsehen übertragen, in der ein Großvater seinen Enkeln erzählt, wie die Geschichte der Erde verlief und wie Afrika in diesem Prozess zur Wiege der Menschheit wurde. Aber durch "Foolishness" habe der Mensch seine eigene Existenzgrundlage ruiniert und sei nun auf seine eigene Einsicht und auf die Weisheit der 104 Staats- und Regierungschefs angewiesen, die in den nächsten Tagen in Johannesburg erwartet werden.

Den spielerischen Gedanken nahm Mbeki in seiner anschließenden Rede auf und appellierte in eindringlichen Worten: "Wir leben in einer Welt, die unter Hunger, Ungleichheit und ökologischer Verwüstung leidet und das trotz aller Vereinbarungen auf dem Uno-Gipfel in Rio vor zehn Jahren." In dieser Welt genieße eine Minderheit immer höhere Wohlstandsstufen, "während die Entmenschlichung der Armen immer weiter voranschreitet".

Neue Dimension der Armut

Das Ausmaß der Armut hatte nur wenige Stunden zuvor die Weltbank in ihrem neuesten Jahresbericht aufgelistet: Drei Milliarden Menschen auf der Welt verdienen weniger als zwei Dollar am Tag. Und fast die Hälfte von ihnen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Folge: Allein 6000 Kinder sterben täglich an Durchfall durch Darminfektionen.

Buntes Spektakel zur Eröffnung des Weltgipfels
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Buntes Spektakel zur Eröffnung des Weltgipfels

In 30 bis 50 Jahren werden allen Berechnungen nach mindestens zwei weitere Milliarden Menschen auf der Erde leben, die - wenn sich an der mangelnden Solidarität der Menscheit nichts ändert - unter ähnlich miserablen Verhältnissen leben werden und in kriminelle oder kriegerische Milieus abzurutschen drohen.

"Dies ist aber ein Moment der Hoffnung, und nicht der Verzweiflung", mahnte Mbeki. Das jetzt demokratische Südafrika habe unterstützt durch viele Länder die Apartheid besiegt, nun müsse als nächster Schritt gemeinsam die "weltweite Apartheid" der Ungleichbehandlung von Menschen beendet werden. Um dies zu erreichen, seien die vielen Delegierten nun an die Wiege der Menschheit zurückgekehrt, um eine neue globale Gesellschaft zu formen, "die hilfsbereit und menschlich wird", forderte Mbeki.

In diesem Sinne appellierte Südafrikas Präsident am heutigen Montag auch an die bereits in Johannesburg eingetroffenen 5700 Delegierten, die in dieser Woche zu Ende bringen sollen, was in mehren Vorbereitungsgruppen bereits vorverhandelt wurde: Eine Agenda des Handelns, in der es nicht mehr nur um schöne Worte, sondern um konkrete Zielvorgaben und Zeitpläne gehen soll, die festschreiben, wie es auf den Gebieten Armutsbekämpfung, Gesundheit, Umwelt- und Artenschutz sowie Handel und Landwirtschaft weitergehen soll.

"Notstand genug, um zu handeln"

Dies müsse schnell geschehen, forderte im Anschluss an Mbeki der Generalsekretär des Johannesburg-Gipfels, Nitin Desai, denn allein drei Millionen Todesopfer durch Luftverschmutzung jährlich und fünf Millionen durch verseuchtes Wasser seien "Notstand genug, um endlich zu handeln".

Präsident Mbeki mit dem zwölfjährigen Kgotso Tsagae, der ihm zum Abschluss der Eröffnungszeremonie einen Globus überreichte. Der Name des Jungen bedeutet übersetzt "Please"
DPA

Präsident Mbeki mit dem zwölfjährigen Kgotso Tsagae, der ihm zum Abschluss der Eröffnungszeremonie einen Globus überreichte. Der Name des Jungen bedeutet übersetzt "Please"

Desai beschwor zugleich den "Geist neuer Partnerschaften" zwischen Regierungen, Zivilgesellschaften und Unternehmen zur Umsetzung der Zielvorgaben, damit die "weltweite Apartheid zwischen Reich und Arm" überwunden werden kann.

Aber einfach wird das nicht. Denn über 156 von 615 für das Abschlussdokument vorbereitete Paragrafen war bis zum Wochenende keine Einigkeit erstellt. Ein großes Fiakso sei zu erwarten, schrieben südafrikanische Sonntagszeitungen. Der Gipfelbeauftragte von Uno-Generalsekretär Kofi Annan, der ehemalige Umweltminister der Niederlande, Jan Pronk, sah sich darum genötigt, Zweckoptimismus zu verbreiten. "Hier sind Unterhändler, die ihre Arbeit ernst nehmen und unbedingt zu einem Ergebnis kommen wollen, sie machen ihre Arbeit gern", versuchte er zu beruhigen.

Aber auch acht namhafte Umweltorganisationen wie Greenpeace oder der WWF warnten heute in einer Erklärung davor, den Gipfel "zu früh zu beerdigen". Vor allem die Europäische Union und die USA müssten erkennen, wieviel auf dem Spiel stehe, wenn dieser Gipfel nicht gelinge.

Zähe Verhandlungen

Jan Pronk machte deutlich, wie zäh die Bemühungen bislang vorangehen, konkrete Zielvorgaben in wichtigen Feldern auszuhandeln. "Slo-Mo-Talks" titelte am Montag eine südafrikanische Zeitung. Besonders im Bereich eines sozial verantwortlichen Abbaus von Handelsschranken und in Fragen der Finanzierung vieler Entwicklungsmaßnahmen scheiden sich die Geister.

Auch im Umweltbereich hakt es, in der Regel wird über den Umfang konkreter Verpflichtungen gestritten. So schlug Brasilien vor, dass sich die Weltgemeinschaft verpflichten soll, den Einsatz von erneuerbaren Energien zur Stromerzeugung bis zum Jahr 2010 von 2,5 Prozent auf zehn Prozent zu steigern - ohne Einrechnung von Wasserkraftwerken. Die EU möchte dagegen die Marke von 15 Prozent vorgeben, aber einschließlich Wasserkraft.

Ebenso sind die Zielvorgaben für den Zugang zu sauberem Trinkwasser umstritten. Die einen wollen die Zahl derer, die keinen Zugang zu Trinkwasser haben, innerhalb des nächsten Jahrzehnts halbieren. Die anderen wollen es weniger konkret und lediglich die Zahl der Wasser-Armen "drastisch senken".

Noch wichtiger ist vielen Unterhändlern aber, dass auch der Zugang zu Sanitäranlagen gleichberechtigt festgeschrieben wird. Denn nur dann kann auch der Bau von Abwasseranlagen künftig in Förderprogramme aufgenommen werden.

Stark strittig ist nach wie vor auch, in welchem Umfang sich die Wohlstandsländer auf die Streichung von Subventionen und Zöllen verpflichten, um weltweite Handelsgerechtigkeit herzustellen. Gegen den Abbau der Kohlesubventionen sperrt sich beispielsweise Deutschland und pokert nun um Zugeständnisse auf anderen Gebieten, falls sich die deutsche Seite doch zum Einlenken bereit erklärt.

Achse des ökolisch Bösen

Als störrischste Verhandlungspartner gelten aber immer noch die USA, Kanada und Australien, über die von Delegierten als "Achse des ökologisch Bösen" gelästert wird, wie der Sprecher von "Friends-of-the-earth", Daniel Mittler, berichtet. Vor allem der Druck aus Öl- und Kohleindustrie sei dort immens.

Dass die Industrie mitunter den Ton angibt, macht die Vorsitzende des Bunds für Umwelt- und Naturschutz, Angelika Zahrnt, aber auch an einem anderen augenfälligen Beispiel in Johannesburg fest. Den zentralen Platz vor dem eleganten Shopping- und Hotel-Center Standton, wo das ausgedehnte Uno-Konferenzzentrum beginnt, wollten ursprünglich Nichtregierungsorganisationen nutzen, um Informationsstände aufzubauen.

Jetzt aber stehen dort Zelte von BMW, um über das Wasserstoffauto und recyclebares Autozubehör zu informieren.

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