Aus Jerusalem berichtet Ulrike Putz
Das "Paradiso" ist eins der wenigen Restaurants in Jerusalem, das nicht koschere Küche bietet, und vorzügliche obendrein. Am Mittwoch bescherte ihm das einen hohen Gast: US-Außenminister John Kerry aß mit einigen Mitarbeitern hinten in der Ecke zu Mittag, schien dabei eine Rede durchzugehen, genoss seine Calamari. Auf dem Weg nach draußen plauderte er kurz mit einigen Gästen: "Minister Kerry, bringen Sie uns Frieden, Sie sind der richtige Mann", bat ein Israeli. "Ich werd's mir merken", schmunzelte Kerry und macht sich zu Fuß auf zurück ins nahe King-David-Hotel, in dem er und sein Chef US-Präsident Barack Obama während ihres Israel-Besuchs abgestiegen waren.
Die Episode im "Paradiso" ist symptomatisch, weil sie Kerrys Vorteil unterstreicht. Während Präsident Obama diese Woche einen offiziellen Termin nach dem anderen abarbeiten musste, hielt sich Kerry im Hintergrund, führte Gespräche abseits des Trosses, mischte sich, wo es ging, gar mal unter das Volk. Dass der Minister bereits am Dienstag, einen Tag vor Obama, eingetroffen war und - nach einem gemeinsamen Abstecher ins jordanische Amman - am Samstag auch zu weiterführenden Gesprächen nach Jerusalem zurückkehren würde, blieb bei so viel Zurückhaltung fast unbemerkt.
Mit der Abreise Präsident Obamas ist Kerrys Zeit im Schlagschatten seines Chefs vorbei. Obama hatte am Donnerstag in seiner mit Hochspannung erwarteten Rede vor israelischen Studenten einen flammenden Appell für den Frieden gehalten. Es ist nun an Kerry, diesen Worten Leben einzuhauchen. Bei seinem Abstecher nach Ramallah versprach Obama der dortigen Führung, Kerry werde "einen erheblichen Teil seiner Zeit auf den Versuch verwenden, die Differenzen zwischen Israel und den Palästinensern zu verringern".
Kerry selbst kündigte denn auch in der "Jerusalem Post" an, die USA würden sich weiter intensiv für den Frieden in Nahost einsetzen. Obama sei überzeugt, dass Frieden zwischen Israelis und Palästinensern "möglich" sei, und seine Regierung werde "sehr hart arbeiten, um diesen Prozess voranzutreiben", zitierte die Zeitung den Außenminister.
Ein leichter Einsatz wird das nicht: Obamas kritische, aber hoffnungsvolle Worte im Kongresszentrum stießen im politischen Jerusalem sofort auf Ablehnung. Das Problem: Weite Teile der gerade eingeschworenen Regierung Benjamin Netanjahus sind für die von Obama angemahnte Zwei-Staaten-Lösung allenfalls noch auf dem Papier. Vertreter gemäßigter aber auch radikaler Siedler haben großes Gewicht im neuen Kabinett. Ihnen gilt die anhaltende Besatzung der palästinensischen Gebiete im Westjordanland als Befreiung des Landes, das Gott den Juden versprochenen hat. Die Siedler, auf deren Unterstützung Netanjahu nicht verzichten kann, sind auf vollem Konfrontationskurs zu Obama.
Erfolge in Pakistan und Afghanistan
Auch Obamas Aussage, dass der palästinensische Präsident Mahmud Abbas und Ministerpräsident Salam Fajad "echte Partner" für Friedensbemühungen seien, wird in Jerusalem auf Kopfschütteln stoßen. Dass Israel keinen Partner für einen Frieden habe, ist eine gängige Ausrede, mit der Verhandlungen abgelehnt werden.
Trotzdem gibt es leise Zuversicht, dass Kerry den gordischen Knoten durchschlagen könnte. "John, ich kenne Dich, und weiß, dass Du Erfolg haben willst", sagte Israels Präsident Schimon Peres dem amerikanischen Diplomatensohn beim Abendessen am Donnerstag.
Tatsächlich hat Kerry in der Vergangenheit schon öfter schier unmögliche Missionen zu einem erfolgreichen Abschluss geführt. Als Husarenstück gilt dabei sein Einsatz in Afghanistan, als er im Jahr 2009 den dortigen Präsidenten Hamid Karzai davon überzeugte, eine zweite Runde der Präsidentschaftswahlen zuzulassen, obwohl diese seine Wiederwahl gefährdete. In zwanzig Stunden Gespräch über den Zeitraum von fünf Tagen soll Kerry Karzai damals überredet haben, eine Stichwahl zuzulassen.
In Pakistan gelang es Kerry, die Regierung von einer heiklen Forderung abzubringen: Islamabad hatte eine Garantie verlangt, dass die USA niemals versuchen würden, den Pakistanern ihre Atomwaffen zu nehmen. Nur bei Syriens Präsident Baschar al-Assad nützte Kerrys berühmtes diplomatisches Geschick nichts. Kerry hatte Assad vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien mehrfach davon zu überzeugen versucht, eine konstruktive Rolle im Wandlungsprozess im Nahen Osten einzunehmen - vergeblich.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema John Kerry | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH