John McCains Abschiedsbrief "Ich lebe und sterbe als stolzer Amerikaner"

John McCains Wahlkampfmanager hat am Montagabend die Abschiedsbotschaft des Senators verlesen, der am Sonntag im Alter von 81 Jahren gestorben ist. Lesen Sie hier den Brief im Wortlaut.

John McCain
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John McCain


John McCain war ein Kriegsveteran, der Folter überlebte, ein Senator, der für den Irakkrieg warb und ihn später als Fehler bezeichnete, ein Präsidentschaftskandidat, der eine Wahl verlor.

Er war Republikaner mit ganzem Herzen und scheute Konflikte nicht - weder mit seiner eigenen Partei noch mit seinen politischen Gegnern. McCain war einer der prominentesten Kritiker des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Am Sonntag ist er im Alter von 81 Jahren verstorben. (Lesen Sie hier den Nachruf).

Seine letzte Nachricht an Amerika las sein Wahlkampfmanager Rick Davies am Montag in Phoenix, Arizona vor. Sein Brief soll ein Plädoyer zur Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung sein.

Lesen Sie hier die Transkription seines Abschiedsbriefes:

Meine lieben Amerikaner, denen ich sechzig Jahre in Dankbarkeit gedient habe, und vor allem meine lieben Arizoner,

Ich danke Euch für das Privileg, Euch zu dienen und für das bereichernde Leben, das der Dienst in Uniform und in öffentlichen Ämtern mir beschert hat. Ich habe versucht, unserem Land ehrenvoll zu dienen. Ich habe Fehler gemacht, aber ich hoffe, dass meine Liebe für Amerika sie mindestens aufwiegen wird.

Ich habe oft festgestellt, dass ich der glücklichste Mensch auf der Welt bin. Ich fühle das auch jetzt, während ich mich auf das Ende meines Lebens vorbereite. Ich habe mein Leben geliebt, alles davon. Ich habe genug Erfahrungen gemacht, Abenteuer und Freundschaften gehabt, um zehn zufriedene Leben zu füllen, und ich bin so dankbar. Wie die meisten Menschen bereue ich manches. Aber ich würde nicht einen Tag meines Lebens, egal ob gut oder schlecht, gegen den besten Tag im Leben eines anderen eintauschen wollen.

Diese Erfüllung verdanke ich der Liebe meiner Familie. Kein Mann hat je eine liebevollere Frau und liebevollere Kinder gehabt, auf die er so stolz war wie ich. Und ich verdanke es Amerika. Mit Amerikas Idealen - Freiheit, Gerechtigkeit und Respekt für die Würde eines jeden Menschen - verbunden zu sein, bedeutet ein Glück, das außergewöhnlicher ist als die kurzen Vergnügungen des Lebens. Unsere Identität und unser Selbstwert sind nicht darauf begrenzt, aber vergrößern sich damit, etwas zu dienen, das größer ist als wir selbst.

"Meine lieben Amerikaner" - dieser Ausspruch hat für mich mehr bedeutet als jeder andere. Ich lebe und sterbe als stolzer Amerikaner. Wir sind Bürger der großartigsten Republik der Welt, einer Nation der Ideale, nicht des Blutes und des Bodens. Wir sind gesegnet und ein Segen für die Menschlichkeit, wenn wir diese Ideale zu Hause und in der Welt aufrechterhalten und verbreiten. Wir haben geholfen, mehr Menschen aus Tyrannei und Armut zu befreien, als jemals zuvor in der Geschichte. Wir haben währenddessen ein großes Vermögen und große Macht gewonnen.

Wir schwächen unsere wahre Größe, wenn wir Patriotismus mit Stammesstreitigkeiten verwechseln, die überall auf der Welt Hass und Gewalt gesät haben. Wir schwächen sie, wenn wir uns hinter Mauern verstecken, statt sie einzureißen, wenn wir an der Macht unserer Ideale zweifeln, anstatt darauf zu vertrauen, dass sie die großartige Kraft der Veränderung sind, die sie immer waren.

Wir sind dreihundertfünfundzwanzig Millionen meinungsstarke und laute individuelle Menschen. Wir diskutieren und konkurrieren, manchmal verunglimpfen wir andere gar in rauen öffentlichen Debatten. Aber wir haben immer so viel mehr gemeinsam als uns trennt. Wenn wir uns nur daran erinnern und annehmen, dass wir alle unser Land lieben, dann werden wir durch diese schwierigen Zeiten kommen. Wir werden stärker daraus hervorgehen. Wie es immer der Fall war.

Vor zehn Jahren hatte ich das Privileg, eine Präsidentenwahl zu verlieren. Ich will meinen Abschied an Euch mit dem tief empfundenen Glauben an Amerikaner, den ich an diesem Abend spürte, beenden.

Der Glaube daran ist in mir noch immer stark.

Verzweifelt nicht an unseren jetzigen Schwierigkeiten, aber glaubt immer an das Versprechen und der Großartigkeit von Amerika, weil nichts hier unausweichlich ist. Amerikaner geben nicht auf. Wir kapitulieren nicht. Wir verstecken uns nicht vor der Geschichte. Wir machen Geschichte.

Lebt wohl, meine lieben Amerikaner. Gott segne Euch, und Gott segne Amerika.

höh



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herumnöler 28.08.2018
1. Wie gut ...
... dass er nicht mehr mitbekommt, welchen Absturz sein geliebtes "größtes und bestes Land" gerade nimmt. Ich bin froh, dass ich 1945 von amerikanischen Soldsaten befreit worden bin, und trotzdem bin ich froh kein Amerikaner zu sein. Ich habe nicht gelernt, mich so wichtig zu nehmen.
neptun680 28.08.2018
2. Ambivalent
Zum einen, muss ich gestehen, empfinde ich große Achtung für Menschen die ihren Idealen und Überzeugungen so derart treu bleiben wie er. Andererseits drückt es für mich aber auch eine Starre aus die mich zweifeln lässt. Denn immer wieder taucht die Frage auf, worauf sich dieses großartigste aller Länder gründet. Es ist auch ein Genozid (Indianer) und die Sklaverei (Afro Amerikaner). Wird hier etwas verbissen idealisiert, um die Fragwürdigkeit des Fundaments nicht wahrhaben zu wollen.
mimas101 28.08.2018
3. Ein bemerkenswertes Schreiben
von McCain, wenn auch mit reichlich Patriotismus und Sendungsbewußtsein durchsetzt. Trotzdem bleibt das Schreiben auch gleichzeitig ein deutlicher Weckruf an Trump und Washington. POTUS 45 wird den Weckruf allerdings ignorieren und sein Land ins politische und wirtschaftliche Abseits führen, bei weiterer gesellschaftlicher Spaltung. Bin mal gespannt wieviele Müllhalden an zerdeppertem Porzellan POTUS 46 dann aufräumen muß
dondondiogo 28.08.2018
4. "Er hat seinem Land gedient"
Inwiefern hat McCain seinem Land gedient? Wirft man einen Blick auf seinen Lebenslauf, dann erkennt man, dass er alles nur seinem Vater verdankt. Er war durch und durch ein Kriegshetzer, der viele Nationen ins Verderben gestürzt hat.
lupomir15 28.08.2018
5. Viel falsches Lob, keine Selbsterkenntnis
Wieso werden führende Kriegsteilnehmer, die Menschen in Vietnam aus der Luft bombardieren und damit töten ließen, die in einer Armee "dienten", die Wälder mit der Kampfstoff Agent Orange "entlaubten", was Menschen zu Krüppeln machte (die bis heute kein Schmerzensgeld bekamen), in einem Artikel nach dem Anderen hofiert, ihnen ein Form geboten oder sie gar als Kriegshelden bezeichnet? Als McCains Maschine abgeschossen wurde, bombardierte er gerade ein Wasserkraftwerk, Angriffskrieg, keine Verteidigung. Und dann seine "Jubilatio" über die Politik der US-Regierungen einschließlich seiner Beteiligungen daran. Sein selbstgeschriebener Nachruf zeugt nicht nur von seinem "Stolz", sondern von seiner völlig fehlenden Selbsterkenntnis über das, was auch er angerichtet hat. Auf solches sollte man nicht mehr hereinfallen. Und die Liste seiner Opfer und Ankläger ist lang.
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