Trauerakt für John McCain "Wir trauern um das Ableben amerikanischer Größe"

Amerikas Politprominenz nahm Abschied vom verstorbenen Senator John McCain und einem "besseren Amerika". Nur US-Präsident Donald Trump fehlte - er war nicht eingeladen und ging lieber golfen.

AFP

Von , New York


Einer nach dem anderen tritt ans Renderpult der Kathedrale. Die Prominenz ist beachtlich. Drei frühere Präsidenten, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama. Vier ehemalige Außenminister und -ministerinnen, Henry Kissinger, Madeleine Albright, John Kerry, Hillary Clinton. Drei Ex-Senatoren. Doch am Ende sind es die Worte einer schluchzenden 33-Jährigen, die am meisten nachhallen.

"John McCains Amerika muss nicht erst großartig werden", beschwört Meghan McCain die Werte ihres Vaters, des verstorbenen US-Senators. "Es war immer schon großartig." Daraufhin geschieht etwas Ungewöhnliches: Die Stille bricht, und Applaus wogt durch Washingtons National Cathedral, wie ein Bekenntnis.

Im exakt selben Moment steigt US-Präsident Donald Trump am Weißen Haus in eine gepanzerte Limousine, um golfen zu fahren. Er trägt eine Baseballmütze mit jenem Slogan, den Meghan McCain verhöhnt hat: "Make America Great Again."

Eine Nation hält inne. Fast: John McCains Beerdigung wird auf allen TV-Sendern live übertragen - nur der Mann, der sonst dauerglotzt, schaut absichtlich weg.

Es ist der Höhepunkt einer kuriosen Woche. Eine Woche, die Amerikas Kontraste bloßlegte. Hier: Amerika, wie es in seinen idealisierten Träumen gerne wäre. Dort: Amerika, wie es in Wahrheit ist - und, ehrlich gesagt, immer schon war.

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Trauerfeier für McCain: "Amerika war immer schon großartig"

Diese Kontraste offenbaren sich nicht nur in den Figuren von McCain und Trump, dem Patrioten und dem Poltergeist, Feinde bis zuletzt. Ihr Widerspruch klingt durch jede Grabrede, jede Geste, auch wenn der Name des an diesem Tag verbannten "Präsident non grata" bei der zweieinhalbstündigen Trauerfeier kein einziges Mal fällt.

Im Video: Barack Obama und George W. Bush nehmen Abschied

Doch diese Kontraste zeigen sich vor allem darin, wie sie den zu Lebzeiten kontroversen McCain auf einmal als Boten eines besseren Amerikas verklären - obwohl dieses bessere Amerika immer Wunschdenken blieb, damals wie heute. Nur in diesem Moment scheint es kurz real zu werden, wie immer bei solchen Anlässen: Hier wird ja auch ein amerikanisches Zeitalter zu Grabe getragen.

"Er personifizierte so viel von dem, was gut ist an Amerika", sagt Ex-Präsident Barack Obama, der Hauptredner. "Er machte bessere Präsidenten aus uns." Sein Blick wandert zu Vorgänger George W. Bush, der in der ersten Reihe sitzt und Michelle Obama gerade heimlich ein Bonbon zugesteckt hat, wie ein Schuljunge.

"Manche Werte gehen über die Partei hinaus", fährt Obama fort und zählt die ohnehin wackligen Grundfesten der US-Demokratie auf, an denen Trump täglich rüttelt: Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Gleichheit, eine freie Presse. "Wenn wir uns angewöhnen, die Wahrheit zu verbiegen, der politischen Opportunität oder Parteilinie zuliebe, dann wird unsere Demokratie nicht funktionieren."

"Unsere Politik, unser öffentliches Leben, unsere öffentliche Debatte kann so oft klein und gemein und engstirnig erscheinen", schließt Obama. "Voller Bombast und Beleidigungen, falscher Kontroversen und künstlicher Empörung. Es ist eine Politik, die nur so tut, als sei sie tapfer, doch in Wahrheit der Angst entspringt."

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US-Senator: Abschied von McCain

Als wolle er das aus der erzwungenen Entfernung bestätigen, feuert Trump seit dem Morgengrauen und selbst auf dem Weg zum Golfkurs in Virginia noch die übliche Barrage an Wut-Tweets ab - gegen Obama, gegen Hillary Clinton, gegen die Medien, gegen sein eigenes Justizministerium, gegen Handelspartner Kanada.

Bill und Hillary Clinton sitzen derweil mit den Bushs und den Obamas ganz vorne in der Kathedrale, in der viele auch schon zur 9/11-Trauerfeier zusammenkamen. Weiter hinten sitzen Justizminister Jeff Sessions und eine Delegation aus Kanada, angeführt von Verteidigungsminister Harjit Sajjan, einem Sikh.

Fast die gesamte US-Politprominenz, rechts wie links, im Amt oder pensioniert, huldigt dem Toten und seinen Qualitäten: Überparteilichkeit, Streitbarkeit, Courage. Al Gore und Dick Cheney. Madeleine Albright und John Kerry. Mitt Romney und Nancy Pelosi. Unter den symbolischen Sargträgern, die McCain auf dem letzten Weg begleiten, sind alte Freunde wie Hollywoodstar Warren Beatty, Milliardär Mike Bloomberg und der russische Dissident Wladimir Kara-Mursa.

Im Video: Joe Biden würdigt McCain

MATT YORK/POOL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Nicht eingeladen sind, neben Trump, auch McCains frühere Vizekandidatin Sarah Palin - sowie seine drei Topberater aus dem Wahlkampf 2008, mit denen er sich seither überworfen hatte. Als einzige Vertreter der Trump-Familie sinken Präsidententochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner still in eine Kirchenbank.

Viele bekämpften ihn, manche schlugen ihn, keiner kam jedoch wirklich an ihn heran. Und alle sind nun bereit, Absolution zu erteilen - ihm und sich selbst.

"Wir sind besser als das", sagt Bush. "Amerika ist besser als das." Bush hatte McCain im Vorwahlkampf 2000 besiegt - mit dem von seinem Team gestreuten Gerücht, McCains adoptierte Tochter Bridget, die aus Bangladesch kommt, sei "ein uneheliches schwarzes Kind". Jetzt sitzt die ein paar Meter vor ihm, neben Meghan McCain.

Meghan McCains Rede - "die Rede, die ich nie halten wollte" - ist die persönlichste und prägnanteste. Weinend erzählt sie, dass er nicht nur Krieger, Senator und Kandidat gewesen sei, sondern vor allem "ein toller Vater".

"Wir trauern um das Ableben amerikanischer Größe", sagt sie. "Die wahre Sache, keine billige Rhetorik von Männern, die niemals an die Aufopferung heran kommen, die ein Leben der Bequemlichkeit und des Privilegs lebten, während er litt und diente." Und: "John McCains Amerika ist großzügig und einladend und kühn. Es ist tatkräftig, selbstbewusst, sicher. Es erfüllt seine Verantwortung. Es spricht leise, denn es ist stark. Amerika prahlt nicht, denn das muss es nicht."

Der Mann, dem diese Sätze indirekt gelten, der sich vor dem Vietnamkrieg drückte, während McCain gefoltert wurde, der Einwanderer beschimpft und abweist, der prahlt und lieber laut spricht, schwingt derweil den Golfschläger.

Zum Schluss singt der Chor die inoffizielle Nationalhymne, die die USA überhöht zum Märchenland: "America The Beautiful."

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trex#1 01.09.2018
1.
Was ist hier los? Der Mann war noch nicht einmal Präsident der USA, auch kein Vizepräsident, nur mal Kandidat und einer von 50 Senatoren. Dafür gibt es bereits mehrtägige Trauerberichterstattung in den Medien.
Hörbört 01.09.2018
2. Obsession
Langsam nimmt die Totenverehrung überhand. Bin auch gegen Trump, 24/7, und darüber hinaus noch gegen ein paar andere Zustände; man ist ja als (hoffentlich) hellwacher Mensch nicht monothematisch unterwegs. Die Zelebrierung des Gedenkens an John McCain indes hat - hüben wie drüben - schon etwas von sehr angestrengtem Symbolcharakter. Eigentlich ist diese extrem pathetische Überhöhung eine Domäne jener Leute, denen man es mit dieser Inszenierung 'richtig' zeigen will.
nixproblem 01.09.2018
3. Sehr zwiespältig
Wenn man nachliest, was über den Präsidentschaftskandidaten McCain gesagt und geschrieben wurde und nunmehr mit den Nachrufen vergleicht, die teils von denselben Personen stammen, dann beschleicht einen das ungute Gefühl, dass hier ein Hollywood-Spektakel aufgeführt wurde, das nur bedingt mit Wahrhaftigkeit zu tun hat.
tomrobert 01.09.2018
4. Ein Kalter Krieger ist von uns gegangen
Der Vietnam Krieg war zu abscheulich als ihn und seine Helden auch noch zu verherrlichen. Um so bedauerlicher die Folter und Gefangenschaft des Verblichenen. Andere mögen ihn nicht zu (Un)recht als Hetzer gegen den Kreml in Erinnerung haben. Für die Bürger in Deutschland ist er als ein Kostentreiber in Erinnerung, der vor allem viel Ressourcen für die Gegnerschaft zu Moskau in Beschlag nehmen lies, und Merkel dem willig folgte.
newline 01.09.2018
5. Offensichtlich
Zitat von trex#1Was ist hier los? Der Mann war noch nicht einmal Präsident der USA, auch kein Vizepräsident, nur mal Kandidat und einer von 50 Senatoren. Dafür gibt es bereits mehrtägige Trauerberichterstattung in den Medien.
haben Sie diese Berichte nicht gelesen.
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