Krebskranker US-Senator John McCain Letztes Kapitel

Der legendäre US-Senator John McCain ist todkrank. Doch er will sich nicht kampflos ergeben - und warnt in einem emotionalen Buch noch einmal vor Donald Trump.

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Von , New York


John McCain ist hart im Nehmen. Er überlebte Kriegsgefangenschaft und grausame Folter in Vietnam. Er ging bei zwei Präsidentschaftswahlen ins Rennen, wurde einmal als Spitzenkandidat seiner Partei nominiert, und scheiterte - gegen Barack Obama. Er widerstand allen Flügelkämpfen in seiner republikanischen Partei, die immer mehr nach rechts driftet.

Jetzt sieht sich der Senator mit einem ganz anderen Gegner konfrontiert - und der wird ihn wohl besiegen. "Meine Stunde hat geschlagen", schreibt McCain ohne Sentimentalität in "The Restless Wave", seinem siebten Buch, das am Dienstag in den USA erscheint. "Wenn Sie dies lesen, werde ich vielleicht schon nicht mehr da sein."

McCain, 81, hat einen unheilbaren Hirntumor. Nun hat er noch mal alles aufgezeichnet, was ihm auf der Seele liegt. Das Buch ist eine Abrechnung mit sich selbst, mit Amerika und vor allem mit Donald Trump: Seine Verachtung für den US-Präsidenten ist auf jeder der 383 Seiten greifbar.

McCain ergibt sich nicht kampflos - weder dem Krebs noch dem politischen Gegner. Selbst vom Krankenlager aus protestierte er neulich noch gegen die wegen ihrer Folter-Vergangenheit umstrittene neue CIA-Chefin Gina Haspel. "Egal", soll eine Trump-Beraterin dazu gesagt haben. "Er stirbt ja sowieso." Außer McCain stimmten nur zwei Parteifreunde gegen Haspels Bestallung.

Darin offenbart sich McCains Tragik. Er ist nun der moralische Kompass der zusehends radikalen US-Republikaner, auch wenn er oft versagte und immer häufiger alleine dastand. Jetzt, wo es drauf ankommt, wo "wir Grund haben, uns um die Richtung unseres Landes und einiger Leute, die es führen, zu sorgen", drohen seine Stimme, seine Werte und sein Erbe zu verschwinden.

Der Kampf gegen Trump ist McCains letztes Gefecht. Und es bleibt ihm nicht mehr viel Zeit.

"The Restless Wave", flankiert von einem Dokumentarfilm, der kommende Woche Premiere hat, ist Vermächtnis und Warnung zugleich: Wacht auf, bevor es zu spät ist, ruft McCain. Die bittere Ironie ist natürlich, dass er selbst Trump im Wahlkampf nur halbherzigen Widerstand leistete.

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Leben von John McCain: Kriegsheld, Senator, Todkranker

Leider findet McCain erst jetzt, im Schatten des Todes, deutliche Worte über den Präsidenten. "Er wirkt desinteressiert am moralischen Charakter von Herrschern und ihren Regimes", heißt es in einer schon vorab viel zitierten Passage. "Ein Realityshow-Faksimile von Härte scheint ihm wichtiger als unsere Werte. Schmeichelei sichert seine Freundschaft, Kritik seine Feindschaft."

Am schärfsten zerreißt er Trumps gegen Latinos und Muslime gerichtete Einwanderungspolitik, die er als "bullshit" bezeichnet: "Sein mangelndes Mitgefühl für Flüchtlinge, für unschuldige, verfolgte, verzweifelte Männer, Frauen und Kinder ist abstoßend." An anderer Stelle erinnert sich McCain an eine Einbürgerungszeremonie von 161 neuen US-Soldaten in Afghanistan, die er miterlebte: "Immigranten, von denen viele illegal ins Land kamen, bringen Opfer für die Amerikaner, die viele Amerikaner nicht für sie bringen würden", schreibt er in Anspielung auf Trump, der den Vietnamkrieg einst vermied.

Selbst wenn McCain nicht explizit über Trump schreibt, ist immer klar, wen er meint: "Es ist unpatriotisch, die Ideale aufzugeben, die wir in der Welt etabliert haben, nur um einem halbgaren, fadenscheinigen Nationalismus zu genügen." Der gehöre zu den "müden Dogmen, die die Amerikaner auf den Aschehaufen der Geschichte geworfen haben".

Auch verteidigt McCain die Russland-Ermittlungen, die Trump als "Hexenjagd" bezeichnet. "Ich vertraue dem FBI und Sonderermittler Robert Mueller", schreibt er und nennt ihn "einen Mann von außerordentlicher Integrität und Charakterstärke". Das steht in direktem Widerspruch zu Trump, der seine beispiellose Hetzkampagne gegen Mueller übers Wochenende verstärkt hat.

"Wem das nicht gefällt, der kann zur Hölle fahren"

McCain bestätigt, dass er das berüchtigte "Steele-Dossier" über Trumps angebliche Russland-Connections an den damaligen FBI-Chef James Comey übergab. Er habe es von einem britischen Ex-Diplomaten zugesteckt bekommen. Es sei seine Pflicht gewesen, dass der Report "in die Hände derjenigen kam, die die Mittel haben, seinen Inhalt zu ergründen", verteidigt er sich - mit einem erneuten Seitenhieb auf Trump: "Wem das nicht gefällt, der kann zur Hölle fahren."

Aus irgendeinem Grund, warnt McCain, ignoriere Trump die Bedrohung durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin: Der wolle die liberale Weltordnung und deren Werte zerstören, "die ich mein Leben lang verteidigt habe" - und damit sei Putin bisher "jeden Tag erfolgreich".

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John McCain, Mark Salter:
The Restless Wave

Good Times, Just Causes, Great Fights, and Other Appreciations

Simon & Schuster; 416 Seiten; 26,99 Euro.

Am leidenschaftlichsten wird McCain beim Thema Folter: Ein ganzes Kapitel - das er noch vor der Debatte um Gina Haspel verfasste - widmet er den Leiden der US-Terrorhäftlinge, die ihn an seine eigene Leiden in Vietnam erinnerten. Folter sei "ein Schandfleck auf der Ehre der USA". Dem stellt er Trumps Behauptung gegenüber, dass Folter "absolut funktioniert", und seine Drohung, sie wieder einzuführen: Dies zeuge, so McCain, von mangelndem menschlichen Anstand.

Am Ende scheint McCain fast erleichtert, dass sein Weg nicht mehr weit in die Zukunft führt. "Ich liebte mein Leben", schreibt er. Doch: "Meine Zeit in diesem Kampf ist vorbei." Auch seine Beerdigung hat er bereits detailliert geplant und ganz Washington dazu eingeladen - außer Trump: Der sei, so ließ er über Freunde verlauten, unerwünscht.



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