John McCain Der Held hat seinen letzten Kampf verloren

Vietnam-Veteran John McCain begann seine Kampagne stürmisch, blamierte sich in der Finanzkrise - und endete in den schmutzigen Niederungen des Wahlkampfs. Der Republikaner fiel seiner berüchtigten Dickköpfigkeit und Sprunghaftigkeit zum Opfer, aber auch den verfehlten Strategien seiner Helfer.

Aus Chicago berichtet


Chicago - "Dieser Wahlkampf war die größte Ehre meines Lebens" - angesichts seiner bitteren Niederlage zeigte sich John McCain gefasst, auch wenn in seinen Augen Tränen glänzten. Sein Traum von der Präsidentschaft ist geplatzt, nun wird im Januar also Barack Obama ins Weiße Haus einziehen.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen - und so typisch McCain, sprich: unberechenbar. Damals im Januar in New Hampshire, als sich der längst Totgesagte bei den Vorwahlen unverhofft an die Spitze setzte. "Heute Abend haben wir ihnen gezeigt, wie ein Comeback aussieht!", rief McCain im Ballsaal desselben Hotels, in dem er auch im Jahr 2000 schon seinen Vorwahlsieg über George W. Bush gefeiert hatte. "USA! USA!" skandierte die Menge.

Bush hatte McCain danach mit miesen Schlammschlacht-Methoden abserviert - die gleichen Methoden, die McCain dann gegen Obama anwandte.

Doch dieser Abstieg in die Wahlkampfgosse kam erst zum Schluss. Zunächst verließ sich McCain auf seine bekannte Stärken: sein Ruf als Querdenker und seine heroische Biografie.

Denn McCains Leben ist der Stoff, aus dem Washington Helden strickt. Absolvent der Naval Academy, 1967 über Vietnam abgeschossen, fünf Jahre Gefangenschaft, Opfer brutaler Folter, deren Folgen ihn bis heute quälen - so kann er die Arme nicht über Schulterhöhe heben, daher kommt seine steife Gestik.

Eingekerkert im Gefängnis, dem sogenannten "Hanoi Hilton", weigerte sich McCain, sein Land zu verraten - ein Motiv, das sich zuletzt auch durch seinen Wahlkampf zog: "Country First." Zurück in der Heimat, zog er erst ins Repräsentantenhaus ein und dann in den Senat, wo er sein Image als "Maverick" begründete: Einer, der gerne gegen den Strom schwimmt - auch das ein Wahlkampfmotiv.

Diese Qualitäten - der Held, der sich auch mal gegen die Partei stellt - rührten die Delegierten des Wahlparteitages im September zu Tränen. Es waren Qualitäten, die McCain, 72, eigentlich beste Voraussetzungen boten in einem Jahr, da Bush die konservative Bewegung mit in sein historisches Popularitätstief zu reißen drohte.

Und doch gelang es McCains Strategen nicht, das in einen politischen Erfolg umzumünzen. Stattdessen brachten sie ausgerechnet seine schlechteren Charaktereigenschaften ans Licht: Fahrigkeit, Dickköpfigkeit, seine cholerische Hitzigkeit.

Immer wieder ein neues Kostüm

US-Wahlkämpfe werden mit "narratives" gewonnen, also damit, wer die bessere Geschichte erzählen und personifizieren kann. Während Obama von Anfang an eine klare "storyline" verfolgte und daran festhielt, trotz aller Querschüsse, verpasste McCains Team dem Kandidaten immer wieder ein neues Kostüm - analog zu seiner sprunghaften Natur.

McCain, der Held. McCain, der Querdenker. McCain, der Kämpfer. McCain, der Washington-Veteran. McCain, der Washington-Outsider. McCain, der Steuerkürzer. McCain, der Held des kleinen Mannes. "Wer ist Obama?", lautete vorübergehend einer der Slogans, mit denen er seinen Gegner zu dämonisieren versuchte. Die bessere Frage wäre gewesen: Wer ist McCain?

Im Sommer hatte Steve Schmidt das Ruder des McCain-Camps übernommen. Der Polit-Veteran - der sich seine Sporen als Protegé des Bush-"Architekten" Karl Rove verdient hatte - brachte Disziplin ins Lager, das den Wahlkampf fast in den Ruin geritten hatten, finanziell wie politisch. Als erstes beschnitt er McCains engen Kontakt mit Reportern und beraubte ihn so seiner treuesten Basis - ein fataler Fehler.

Wobei Schmidt durchaus erfolgreich anfing. Sein erster Clou wurde von Obama selbst provoziert: Der ließ sich im Juli bei einer kleinen Weltreise feiern, namentlich von rund 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule. Prompt verwandelte Schmidt das in einen bösen Spot, der Obama als "Promi" verspottete und ihn mit Paris Hilton und Britney Spears gleichsetzte:

Dass Hilton sich sofort mit einem genialen Spot wehrte, in dem sie McCain als "diesen faltigen, weißhaarigen Typen" verlachte, zeigte aber: Obamas Aura war schwer zu knacken - nicht mal von McCains dramatischem Lebenslauf.

Grimmiger Greis mit jugendlicher Stellvertreterin

Der "Celebrity"-Gag brachte McCain kurz ein paar Punkte. Auf Dauer blieb er den Leuten aber als grimmiger Greis in Erinnerung - was sich durch die schwelenden Fragen nach seinem Gesundheitszustand nur verstärkte.

Während Obama mit seinem telegenen Parteitag in Denver zulegte (und das Clinton-Melodrama aus der Welt räumte), suchte McCain nach einer neuen Wahlkampf-Identität. Er fand sie in der Vize-Kandidatin Sarah Palin.

Alaskas Gouverneurin brachte anfangs frischen Wind ins Rennen, feuerte die lethargische Parteibasis an, erfüllte auch den Kandidaten selbst mit neuer Energie. Doch dann zerbrach ihr Image, dank der mangelnden Substanz ihrer politischen Vorstellungen und ein paar verheerenden TV-Interviews. Am Ende war Palins Bestallung ein weiterer grober Schnitzer, der die Zweifel an McCains Führungskraft nur noch verschlimmerte.

Und dann kollabierte die Wall Street. Das war einer der folgenschwersten Schläge für McCain, der sich selbst als wirtschaftlicher Laie bezeichnet und im Januar gesagt hatte: "Die Grundlagen dieser Wirtschaft sind stark." Von diesem verheerenden (wiewohl verkürzten) Soundbite kam er nie los. Fortan drehte sich der Wahlkampf nur noch um die Wirtschaft. Das war das Ende von McCains Heldenepos.

Auch sein hektischer Aktivismus im September - als er seinen Wahlkampf "aussetzte", um in Washington das Rettungspaket für die Finanzwirtschaft mitzuschnüren - ging nach hinten los. Es bewies wieder einmal nur McCains dramatische Sprunghaftigkeit.

Am verhängnisvollsten war aber wohl der Entschluss, McCains Aufrichtigkeit dem Ziel des Siegs zu opfern. Seine Biografie wurde zur Fußnote reduziert. Stattdessen setzte Wahlkampfstratege Schmidt auf die gleichen perfiden Methoden, mit denen Bush vor acht Jahren McCain erledigt hatte.

McCain war anzumerken, wie ihn das anwiderte. Während Palin freudig die Drecksarbeit versah, versuchte er, die Balance zu halten. So bei einem Auftritt in Minnesota, wo er eine Frau zurechtwies, die Obama als "Araber" bezeichnete - und sich dafür von den eigenen Fans ausbuhen lassen musste.

Nach und nach wandten sich auch prominente Republikaner von ihm ab. Sogar Freunde wie Ex-Außenminister Colin Powell, der sich auf Obamas Seite schlug. Das war ein weiterer Sargnagel in McCains Kandidatur, dem später ein finaler folgte - die offene Unterstützung durch Vizepräsident Dick Cheney, von dessen Erbe er sich so zu distanzieren versuchte.

Nur ganz am Schluss brach der wahre McCain noch mal durch. Am Samstagabend veräppelte er sich selbst und seinen wankelmütigen Wahlkampf in der Comedy-Show "Saturday Night Live". Er erwäge "ein paar radikale neue Strategien in letzter Minute", etwa eine mit dem Arbeitstitel: "Der traurige Großvater."

Das war der McCain, der diese Wahl hätte gewinnen können. Doch da hatte er bereits den Tonfall eines Mannes, der wusste, dass das Ende naht.



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