John McCain Der Heilige von Washington

John McCain kämpft gegen einen lebensgefährlichen Hirntumor. Seine Anhänger verabschieden sich bereits von dem US-Senator, der vom Kritiker Barack Obamas zum Helden vieler Trump-Gegner geworden ist.

REUTERS

Von , Washington


Die Hidden Valley Ranch liegt an einer Biegung des Oak Creek ziemlich genau in der Mitte des Bundesstaats Arizona, umgeben von kargen Hügeln. Eine staubige Schotterpiste führt zu der Ranch, vorbei an Büschen und Bäumen. Das ist der letzte Weg zu John McCain, dem früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten und langjährigen Senator, den viele im Land als Kriegsheld verehren.

McCain sitzt in diesen Tagen gerne hinter dem Haus auf der Holzterrasse, wo er früher, als er noch die Kraft dazu hatte, selbst gewürzte Schweinerippen auf den Grill legte. Inzwischen ist er gebrechlicher. Freunde erzählten der "New York Times", er gönne sich hin und wieder einen Wodka auf Eis. Vorigen Sommer wurde bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert, vermutlich wird er im Hidden Valley sterben.

Es ist der Herbst eines großen amerikanischen Politikerlebens. McCain ist ein Politiker, die es in den USA kaum noch gibt, ein Republikaner der Mitte, ein überzeugter Transatlantiker, treuer Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz und einer, der nicht verhehlen kann, dass Donald Trump ihm zuwider ist. Eine Ära geht mit ihm zu Ende. In diesen Tagen empfängt McCain auf seiner Ranch viele Besucher, die Abschied von ihm nehmen wollen.

Richard Fontaine war vor einigen Wochen bei seinem alten Chef. Er habe einen nachdenklichen Mann erlebt, erzählt Fontaine. "Normalerweise reden wir, wenn wir uns treffen, über politischen Klatsch. Wer steht gerade oben in der Hierarchie, wer unten, das übliche Gerede von Washington. Diesmal ging es um Geschichte." Um "Krieg und Frieden" von Tolstoi, um die Generäle Abraham Lincolns, um die Schlacht Napoleons vor den Toren Moskaus. Um all die Dramen der Jahrhunderte, um Heldentum und Tod, die großen Linien.

Fontaine arbeitete mehr als fünf Jahre lang für McCain, zunächst als außenpolitischer Berater in dessen Senatsbüro in Washington, später im Wahlkampf gegen Barack Obama. Inzwischen leitet Fontaine das "Center for a New American Security" in Washington, einen außenpolitischen Thinktank. Er und sein früherer Boss saßen auf der Terrasse der Hidden Valley Ranch wie Veteranen. Sie schauten hinunter auf den Oak Creek und wunderten sich über den Zustand der Politik. "John macht sich Sorgen darüber, dass viele Leute in Washington nicht dazu fähig sind, Kompromisse einzugehen", sagt Fontaine. Natürlich ging es auch um den Präsidenten.

McCain, der Donald Trump im Wahlkampf lange unterstützte, ist inzwischen zu einem der schärfsten und einflussreichsten Kritiker des Präsidenten aufgestiegen. Zum Kämpfer auf dem Sterbebett. Das liberale Amerika feiert McCain als Widerständler aus Trumps eigener Partei, moderate Konservative verehren ihn als den letzten Aufrechten des Landes, als Antithese zu Hass und Unversöhnlichkeit.

Fotostrecke

22  Bilder
John McCain: Kriegsheld, Senator, Todkranker

Ein Mann wird in den Himmel der Politik gehoben. Am Dienstag ist McCains neuestes und sehr wahrscheinlich letztes Buch erschienen, "For whom the bell tolls", Wem die Stunde schlägt, eine Anspielung sowohl auf McCains Lieblingswerk von Hemingway als auch auf das nahe Ende. Kommenden Montag wird der Sender HBO eine 90-minütige Dokumentation über den Politiker ausstrahlen. McCain, der Heilige von Washington.

Trump soll bei der Trauerfeier nicht dabei sein

Sein Aufstieg so kurz vor dem Ende zeigt, wie inständig sich das Land nach Helden sehnt. McCain steht für Werte, die mit Trump begraben wurden. Demut, Disziplin, Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Fairness im Schlagabtausch mit politischen Widersachern. Zwar ging McCain als Senator selten einem ordentlichen Streit aus dem Weg. Und in seinem Buch schreibt er: "Ein Kampf, an dem man nicht teilnimmt, ist ein Kampf, den man nicht genießen kann." Aber er kämpfte immer in dem Bewusstsein, dass in einer Demokratie ein Ausgleich zwischen Gegnern nötig ist. Das macht ihn zu einer seltenen Spezies in Washington, das zerfurcht wird vom Hass der Lager aufeinander.

McCain lebt noch, aber die Vorbereitungen für seinen Tod sind bereits im Gange. Die Trauerzeremonie soll in Washington stattfinden, in der National Cathedral, aber der Sterbende ließ wissen, dass er bitte um keinen Preis den Präsidenten dabeihaben wolle. Vizepräsident Mike Pence genügt. Trump hat sich dazu noch nicht öffentlich geäußert, aber es braucht nicht viel Fantasie, um seine Wut über die Ausladung zu erahnen.

Trump und sein Umfeld verachten McCain. Als Präsidentschaftskandidat hatte Trump über ihn gesagt: McCain, der fünf Jahre in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft verbracht hatte, sei kein Held. "Ich ziehe Leute vor, die sich nicht haben fangen lassen." Als vorige Woche bei einer Sitzung im Weißen Haus über McCains Haltung zur Kandidatin für den Posten der CIA-Direktorin diskutiert wurde, sagte eine Mitarbeiterin, McCains Meinung sei ohnehin bald nicht mehr relevant. "Der stirbt doch sowieso."

All das zeigt, wie moralisch hohl und menschlich leer Trumps Washington geworden ist. Wer so über einen Sterbenden spricht, hat vor nichts Respekt.

Palins Nominierung war ein großer Fehler

Und trotzdem ist es nicht ohne Ironie, dass in der Trump-Ära ausgerechnet ein Politiker verehrt wird, von dem es lange hieß, er habe dem Populismus die Tür geöffnet. Im Wahlkampf 2008 gegen Obama entschied er sich, die damals noch weit gehend unbekannte Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zu seiner Vizepräsidentschafts-Kandidatin zu ernennen, ein Liebling der rechten Evangelikalen. Es war einer von vielen Schritten der Republikaner in eine gefährliche Richtung.

Palins Nominierung war das Zugeständnis an die Radikalen, die McCain für zu sanft hielten. Er hob die Gouverneurin auf die große Bühne. Wenig später gründete sich die Tea-Party-Bewegung, die Palin zu einer ihrer Galionsfiguren machte. McCain wird deshalb nicht zu Unrecht mit dafür verantwortlich gemacht, dass die Republikaner nach der Wahl weiter abdrifteten und sich Fanatikern öffneten.

Es ist nicht so, dass der Senator das nicht weiß. Inzwischen gibt McCain zu verstehen, dass die Palin-Episode einer der großen Fehler seiner Karriere war. Er hätte besser seinen Freund Joe Lieberman nominieren sollen, einen Kollegen aus dem Senat, schreibt er in seinem Buch, aber seine Berater waren dagegen. "Ich wünschte, ich hätte die Ratschläge ignoriert."

Man muss sich McCain an seinem Lebensabend als gebeutelten Mann vorstellen, auch wenn er in seinem Film behauptet, es gebe keinen glücklicheren Menschen. Die "New York Times" nennt ihn einen "fehlerhaften Politiker und zugleich eine große Figur der Geschichte". Es ist kompliziert, John McCain zu sein.

Als Veteran des Vietnamkriegs kannte er die brutalen Folgen eines sinnlosen, strategielosen, sich in die Länge ziehenden Militäreinsatzes aus nächster Nähe - und doch argumentierte er vehement für eine Aufstockung der Truppen, als den meisten Amerikanern längst klar war, dass dieser Kampf nie zu gewinnen sein wird. Er unterstützte Donald Trump öffentlich noch kurz vor der Wahl - bis ein Video herauskam, in dem Trump damit prahlte, er greife Frauen gerne in den Schritt.

Trump müsse die Konsequenzen für solche frauenfeindlichen Äußerungen tragen, sagte McCain damals. Der Kandidat schlug gleich zurück. "Der sehr unflätige Senator John McCain bettelte förmlich um meine Unterstützung während seiner Vorwahlen", schrieb Trump auf Twitter.

Seine Gegner sprechen anerkennend über ihn - außer Trump

McCain ist ein Mann, der bis zum Ende gescheitert ist, und doch immer noch weiterkämpft. Gerade das macht ihn so sympathisch. In dem HBO-Film äußern sich drei Präsidenten anerkennend bis euphorisch über ihn. Bill Clinton sagt, McCain sei immer bereit gewesen, mit althergebrachten Traditionen zu brechen, wenn es nötig war. "Das ist ein unbezahlbares Gut." Barack Obama lobt McCains Aussage, alle seien Amerikaner, alle spielten im selben Team, egal, welcher Partei sie angehörten. "Das zeigt, was John wirklich ausmacht", sagt Obama über seinen einstigen Gegner.

Auch George W. Bush spricht anerkennend über seinen innerparteilichen Widersacher im Vorfeld der Wahl des Jahres 2000. Damals wollte sich McCain zum ersten Mal zum Präsidenten wählen lassen. "Ich dachte, ich besiege ihn, er dachte, er besiege mich", sagt Bush lächelnd.

Richard Fontaine zeigt auf ein Bild an seiner Bürowand. Es zeigt McCain und Fontaine in Hanoi. Sie stehen vor einem Denkmal, das Vietnam zu Ehren McCains an ungefähr derselben Stelle errichtet hat, an der McCains A4-Skyhawk von einer Bodenrakete getroffen wurde, im Herbst 1967. McCain war immer die Unterscheidung wichtig, dass er als Pilot in der Navy diente, nicht der Air Force. Die Vietnamesen haben trotzdem die Buchstaben "US Air Force" in das Monument integriert. Vielleicht wussten sie es nicht besser. Fontaine sagt, sie hätten herzlich gelacht.

Am Rand des Fotos ist auch eine Widmung zu Fontaines Abschied aus dem Team zu lesen, sie erzählt viel über seinen damaligen Boss. "Richard, du (Kraftausdruck zensiert) Deserteur! Wir werden deinen Humor und dein Talent wahrhaftig vermissen. Gottseidank bist du weg! Alles Gute, John." So hat er McCain in Erinnerung: ein Mann, der sich in Sarkasmus flüchtet, wenn ein loyaler Mitarbeiter geht. Hilflos, das ja, aber unterhaltsam.

"McCain war immer bereit, politische Risiken einzugehen", sagt Fontaine. Das verschaffte ihm Respekt über Parteigrenzen hinweg. Zeitweise war er beliebter bei Demokraten als bei Republikanern. Er war mit Ted Kennedy befreundet, einem der Brüder John F. Kennedys, bis heute ist er eng verbunden mit Joe Biden, Obamas früherem Vizepräsidenten.

Vermutlich hatte er nie größeren Einfluss als jetzt

Während andere Republikaner mit der Zeit verstummten oder auf Trumps Linie einschwenkten, hat McCain die Ermittlungen des FBI und von Sonderermittler Robert Mueller wegen der russischen Einflussnahme auf die US-Wahl immer unterstützt, er hat die Versuche des Präsidenten kritisiert, sie zu stoppen. Und während Trump davon sprach, mit Putin auszukommen, blieb McCain stets ein überzeugter Falke in Bezug auf Russland - er gehörte zu den ersten, die Waffenlieferungen an die Ukraine forderten.

Und McCain war es schließlich auch, der Donald Trump eine seiner größten Niederlagen im Senat zufügte: Mit seiner Stimme verhinderte er am Ende die Abschaffung von Barack Obamas Krankenversicherungsgesetz - obwohl Trump ihn in letzter Minute noch angerufen und versucht hatte, ihn umzustimmen. Es war wohl einer seiner letzten Auftritte im Senat, und er wollte offenbar so in Erinnerung bleiben, wie er sich selbst am liebsten sah: als "Maverick", so nennt man in den USA jene Bullen, die zu keiner Herde gehören, die sich nicht einordnen lassen. Seine liberalen Kritiker sagen, McCain habe in Wahrheit meist mit den Republikanern gestimmt, er habe sich zu selten wie der stolze Einzelgänger verhalten, als der er sich sieht. Aber er tat es sicher öfter als jene republikanischen Senatoren, die Trump jetzt noch Einhalt gebieten könnten, es aber kaum je tun.

Sie hätten über "verrückte Senatoren" geredet, erzählte Joe Biden, mit dem McCain befreundet ist, und der ihn ebenfalls auf der Hidden Valley Ranch besuchte. Sie hätten über den Ruf der USA gesprochen, der in der Welt gerade sehr leidet, sagte Biden, und darüber, wie notwendig es sei, öffentlich über das Drama zu sprechen und nicht zu schweigen. Darum geht es McCain vor allem: Er will am Ende nicht als derjenige dastehen, der vor dem Tod in die Knie geht und einfach nichts mehr sagt.

Die Besuche und Anrufe reißen nicht ab. George W. Bush hat sich telefonisch gemeldet, die halbe Welt will sich verabschieden. McCain war seit Dezember nicht mehr in Washington. Vermutlich hatte er nie größeren Einfluss als jetzt.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Horch und Guck 27.05.2018
1. Heilig?
Muss man den Mann jetzt zu einem "Heilgen" hochstilisieren? Der Mann, der für den auf einer Lüge basierenden Irak-Krieg agitierte? Der Mann der die sehr weit rechtsaußen stehende Sarah Palin(!) zu seiner Kandidatin für die Vizepräsidentschaft machte? Der Mann, selber schwer krebskrank, der mit einer Unterschrift dafür sorgte, dass demnächst womöglich 22 Millionen US-Bürger ihre Krankenversicherung verlieren und vielleicht sogar einige dieser Menschen aufgrunddessen sterben werden? Despite What the Press Says, “Maverick” McCain Has a Long and Distinguished Record of Horribleness https://theintercept.com/2017/07/27/john-mccain-fake-maverick-horrible-record/ Wenn solche Leute in den USA schon Heilige sind, dann wird einem einiges klar!
Jor_El 27.05.2018
2. McCain
McCain ist ein Konservativer, also sicherlich nicht mein Parteifreund, aber er hat einen wachen Verstand und moralische Integrität. Nie vergessen und hoch anrechnen werde ich ihm, als er Obama während seines Wahlkampfes verteidigte. Eine seiner anhängerin bat ihn Sie vor dem Teufel Obama zu beschützen. Mc Cain nahm die alte Dame ruhig zur Seite und sagte ihr sinngemäß, daß sie sich nicht zu fürchten brauche. Obama sei nur ein Mann, der sich für das gleiche amt bewerbe, wie er selbst. McCain ist nicht mein bevorzugter Politiker, aber der Mann hat Größe. Trump dagegen ist und bleibt ein primitiver "Bully", der nicht auf den Präsidentensessel gehört.
unwissender3000 27.05.2018
3. Heiliger?
Auf der Seite bundestag.de existiert immer noch eine Zusammenfassung der Positionen McCains im Gegensatz zu denen Obamas: Der republikanische Präsidentschaftsbewer- ber, John McCain, befürwortet eine Politik der Stärke, die den US-Streitkräften eine wichtige Rolle einräumt und auch vorbeu- gende militärische Interventionen nicht aus- schließt. Er gilt als „neokonservativer Inter- ventionist“ und unterscheidet sich in seinen Vorstellungen, die amerikanische Vormacht- stellung sicherzustellen, von seinem Rivalen Obama bei der Aufstockung der Verteidi- gungsausgaben und in der Frage der Konfliktlösung. noch mehr dazu: https://www.bundestag.de/blob/414444/2164c8082bbe65897b198facd919d409/wd-2-138-08-pdf-data.pdf
rus.-ukrain.-deutscher 27.05.2018
4. Das Schicksal schlägt zurück.
Dieser Mann ist, durch seine Politik, für eine Vielzahl von Toten in den letzten Jahrzehnten mitverantwortlich und wird trotz dem als "Held" dargestellt. Wer weiß wie viele Leichen er sonst noch im Keller liegen hat!
MDen 27.05.2018
5. Der Steigbügelhalter des Bullykraten
Mit der Wahl Palins als Viepräsidentinnenkandidatin hat sich McCain an der westliche Demokratie versündigt, denn mit ihr wurde in der Führungsnation des „Westens“ ganz unverhohlen die simplifizierende extreme Rechte als die die Präsidentenwahl entscheidende Minderheit ins Rampenlicht der politischen Bühne gezerrt. Von da an war eine simple, von Unwissenheit, Stereotypen und Vorurteilen geprägte Weltsicht gepaart mit waffenstrotzender Kraftmeierei als vizepräsidententauglich geadelt. Oft von den Medien in ungläubiger bis angewiderter Faszination vorgeführt, was aber deren Popularität in den eigenen Kreisen nur förderlich war. Das Fußvolk scharrt sich eben gern hinter dem Obermobber. Da ist es erstmal sicherer. Und die eigene Beschränktheit und Gemeinheit wirkt ganz harmlos.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.