Zum Tod von John McCain Der letzte Held

John McCain überlebte Folter, Invalidität und politische Anfeindungen. Den unvollendeten Kampf des US-Senators müssen nun andere weiterführen - gegen Donald Trump.

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Von , New York


Held und Patriot: Das sind die zwei meiststrapazierten Worte Amerikas, vor allem für Verstorbene und Uniformträger. Sie sind längst so obligatorisch, so sehr Klischee geworden, dass sie den Blick auf das wahre Lebenswerk vernebeln.

John Sidney McCain III. ist jedoch einer der wenigen Menschen, die beide Titel verdient haben.

Nicht unbedingt wegen seiner langen Karriere in Washington, in der er oft mit der Idee des Helden spielte, diese aber ebenso oft wieder verspielte. Nein, John McCains Charakter zeigte sich viel früher, lange vor dem politischen Hickhack - im Vietnamkrieg, als der Preis für die Wahrheit seine Zukunft hätte sein können.

Fünfeinhalb Jahre saß der damalige Kampfflieger in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft. Er wurde fast zu Tode gefoltert und schließlich invalide heimgeschickt. Für viele wäre das das Ende gewesen.

Für ihn war es der Anfang.

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John McCain: Kriegsheld, Senator, Anti-Trump

Zumal zur gleichen Zeit ein jüngerer Vertreter der Vietnamgeneration - einer, der McCain bis in den Tod verfolgen würde - ebenfalls seinen Anfang suchte. Doch anders als McCain drückte sich Donald Trump vor dem Krieg und begann lieber eine ebenso lukrative wie dubiose Laufbahn als "Geschäftsmann", die ihn bis ins Weiße Haus führte - jenes Ziel, das McCain versagt blieb.

Zurück bleibt McCains letztes Buch - eine Abrechnung mit sich selbst, aber auch mit Trump und dessen Amerika. Und zurück bleibt sein letztes öffentliches Statement, das in die gleiche Richtung ging: "Eine der beschämendsten Vorstellungen eines amerikanischen Präsidenten", schrieb er nach Trumps Auftritt mit Wladimir Putin in Helsinki.

Das war Mitte Juli. Seither schwieg er, konfrontiert mit seinem letzten Feind, der ihn schließlich besiegte. Am Samstag erlag McCain mit 81 Jahren einem Krebsleiden, in Arizona umgeben von Familie und Freunden.

Sein drängendstes Vermächtnis ist jener Weckruf, eine Warnung vor dem Mann, in dem er das Gegenteil von sich selbst sah, an die Nation, der er sich verpflichtet fühlte. Dass er diese Gefahr erst so spät - zu spät - verbalisierte, nachdem er Trumps Aufstieg jahrelang gedeckt hatte, macht diese Einsicht bitter, aber nicht minder zutreffend.

John McCain mit Ehefrau Cindy (2010)
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John McCain mit Ehefrau Cindy (2010)

Auch wenn ihm das kaum einer nachträgt, jedenfalls jetzt nicht, in diesen Tagen der nationalen Trauer, wie sie sonst nur einem verehrten Präsidenten zukommt - und von der McCain posthum eine Person ganz bewusst hat ausschließen lassen: Trump.

Der ließ sich immerhin zu einer Beileidsmitteilung bewegen und orderte die Flagge auf dem Dach des Weißen Hauses auf Halbmast.

Geboren auf einer Militärbasis, sollte McCain in die Fußstapfen des Vaters und Großvaters treten, beide Vier-Sterne-Admirale. Marineakademie, Fliegerschule, erste Einsätze auf Flugzeugträgern: Alles war vorgezeichnet, auch wenn McCain kein gutes Bild abgab. Er flog leichtsinnig und schlampig, er trank und trieb sich rum. Irgendwie schien er für anderes prädestiniert zu sein.

John McCain bei seiner Gefangennahme in Nordvietnam (1967)
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John McCain bei seiner Gefangennahme in Nordvietnam (1967)

Doch erst musste er durch den Vietnamkrieg - und die Folterqualen im "Hanoi Hilton", wie sie das Gefängnis nannten, in dem er von Oktober 1967 bis März 1973 vegetierte. Als sein Vater 1968 zum Oberkommandierenden der US-Truppen in Vietnam aufstieg, boten ihm die Nordvietnamesen aus Propagandagründen die Freiheit an. McCain lehnte ab, er wollte nicht bevorzugt werden gegenüber den anderen Kriegsgefangenen. Daraufhin begann seine jahrelange Folter, die ihn bis an den Rand des Suizids trieb.

Diese Trauma würde ihm später immer wieder begegnen: in der Folterdebatte unter George W. Bush. Aber schließlich auch, als Trump solche brutale Maßnahmen in höchsten Tönen pries.

Nach seiner Rückkehr aus Vietnam wurde McCain mit Orden überhäuft, doch seine Militärkarriere war vorbei, nicht nur aus physischen Gründen. Er ging in die Politik, schaffte es in Ronald Reagans Windschatten ins Repräsentantenhaus, dann in den Senat. Aber auch hier blieb der größte Preis fern - die Präsidentschaftskandidatur.

Im Winter 1999/2000 trat er bei den Republikaner-Vorwahlen gegen Bush an und tingelte mit einem Bus, dem legendären "Straight Talk Express", in wechselnder Begleitung von Journalisten und Wählern durch die Provinz. Eine perfide Schmutzkampagne warf ihn aus dem Rennen.

John McCain mit Sarah Palin (2008)
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John McCain mit Sarah Palin (2008)

Sein Wahlkampf-Image als "Maverick", Querdenker, nahm er nach der Niederlage mit in den Senat zurück, wo er zwischen den immer härteren Parteifronten vermittelte - oft gegen die eigene Partei. Sein engster Freund war der Demokrat Ted Kennedy, mit dem er 2005 eine große Einwanderungsreform einfädelte - und mit dem er nun den selben Todestag teilt, neun Jahre später.

2008 holte McCain den "Straight Talk Express" aus der Garage, um einen neuen Anlauf aufs Weiße Haus zu machen. Diesmal bekam er die Nominierung - doch er machte den verhängnisvollen Fehler, Sarah Palin zu seiner Vizekandidatin zu küren.

Die ungeschliffene, ungebildete Gouverneurin aus Alaska kam bei der rechten Basis der Republikaner an, der McCain jedoch misstraute. Er berief sie gegen seinen Instinkt - ein Riesenfehler, den er erst in diesem Jahr einräumte. Im Wahlkampf bemühte sich McCain um Toleranz und Offenheit, um den engstirnig-nativistischen Impulsen Palins entgegenzusteuern, verteidigte seinen Widersacher Barack Obama sogar gegen Gerüchte, er sei ein "Araber" - und verlor trotzdem.

John McCain mit Ronald Reagan (1986)
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John McCain mit Ronald Reagan (1986)

Doch Palins Prominenz öffnete der Tea Party die Tür - und dem Verrat der republikanischen Ideale, den Trump nun vollendet. "Ich wünschte, ich hätte die Ratschläge ignoriert", schrieb McCain im Buch "The Restless Wave" - das die Zeit seit 2008 nachzeichnet - über die Berater, die ihn seinerzeit zu Palin gedrängt hatten.

Zu spät, wie so vieles. McCain musste mit ansehen, wie die Saat Palins mit Trump aufging, wie seine Partei ihre Seele verkaufte und sich selbst zerstörte. In Umfragen war er zuletzt bei den Demokraten weit populärer als bei den eigenen Republikanern.

McCains finales Aufbäumen war seine einsame, entscheidende Neinstimme gegen die ersatzlose Abschaffung von Obamacare, die Gesundheitsreform seines einstigen Gegners - ein Votum, das ihm Trump bis zuletzt verübelte, selbst noch bis aufs Sterbebett.

"Er ist kein Kriegsheld", sagte Kriegsvermeider Trump im Vorwahlkampf über McCain. "Ich mag Leute, die sich nicht gefangen nehmen lassen." Er offenbarte damit seine völlige Ignoranz dafür, wer ein Held und wer ein Patriot ist.

Der Kampf gegen Donald Trump war John McCains einziges unvollendetes Gefecht. Nun müssen es andere zu Ende führen.

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