SPIEGEL-Gesprächsreihe: "Romney wird nun sehr aggressiv"

Für US-Präsidenten-Berater John Podesta ist Barack Obama klarer Favorit beim Rennen ums Weiße Haus. In der SPIEGEL-Gesprächsreihe "Der Montag an der Spitze" erklärte er, warum Obama dennoch die TV-Debatten mit seinem Konkurrenten Romney fürchten muss.

John Podesta (Mitte) mit SPIEGEL-Redakteuren Mascolo und Sandberg: "Obama ist Favorit" Zur Großansicht
Claudia Höhne

John Podesta (Mitte) mit SPIEGEL-Redakteuren Mascolo und Sandberg: "Obama ist Favorit"

Hamburg - Im Rennen um die amerikanische Präsidentschaft steht für Herausforderer Mitt Romney womöglich der entscheidende Moment bevor. Der Republikaner habe nun die Gelegenheit, in der er das Ruder herumreißen müsse, sagte John Podesta, ein enger Berater von Barack Obama und Bill Clinton bei der Gesprächsreihe "Der Montag an der Spitze", die der SPIEGEL gemeinsam mit der Körber-Stiftung ausrichtet.

Im ersten Fernsehduell zwischen Obama und Romney in der Nacht zu Donnerstag werde "Romney sehr aggressiv auftreten, er muss Obama zu Fehlern zwingen".

Generell sieht Podesta Amtsinhaber Obama als "klaren Favoriten". Im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo und der Leiterin der SPIEGEL-Auslandsressorts, Britta Sandberg, sagte der 63-jährige Jurist, der Präsident habe sich einen riesigen strukturellen Vorteil herausgearbeitet. In den entscheidenden "battleground states" halte Obama seine Vorsprünge. Die Dynamik spreche für Obama, das habe zwei Gründe, so Podesta: "Die Leute mögen ihn, und er hat es geschafft, die Wahl zu einer Entscheidung über die Zukunft zu machen."

Obama könnten nur noch zwei Dinge aufhalten: Ein unvorgesehenes äußeres Ereignis oder ein eigener Patzer - und der geschehe wohl am ehesten in den kommenden TV-Duellen.

Podesta ist parteiisch im Rennen ums Weiße Haus. Der überzeugte Linksliberale war einer der engsten Mitarbeiter der demokratischen Präsidenten Obama und Bill Clinton. Für Obama leitete er nach der Wahl 2008 das sogenannte "transition team", das die Regierungsübernahme des 44. Präsidenten und die Auswahl der Mitarbeiter vorbereitete.

"Das Verhältnis von Obama und Merkel ist exzellent"

Unter Clinton diente Podesta von 1998 bis zum Ende der Amtszeit Anfang 2001 als Stabschef im Weißen Haus, dabei führte er den Regierungsapparat und verteidigte den Präsidenten in der Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Auch Außenministerin Hillary Clinton berate er heutzutage, wie er in Hamburg sagte.

Für das Gespräch im Körber-Forum in der Hamburger HafenCity flog der drahtige Marathon-Läufer eigens aus Washington ein.

Podesta nannte das Verhältnis Obamas zu Kanzlerin Angela Merkel "exzellent". Auch wenn sich die USA verstärkt dem asiatischen Raum zuwendeten, bleibe Europa der Ort, wo Washington die verlässlichsten Partner finde. Die USA bräuchten weiterhin tiefe, lang bestehende Partnerschaften wie zu den Deutschen, und nicht nur kurzfristige Koalitionen wie im Irak-Krieg.

Podesta rechtfertigt Obamas Drohnenkrieg

SPIEGEL-Chefredakteur Mascolo konfrontierte Podesta mit einem fünf Jahre alten Zitat: Ob Podesta heute immer noch sagen würde, das Symbol für Amerika sei nicht länger die Freiheitsstatue, sondern Guantanamo, fragte Mascolo. Podesta nickte - und äußerte dann doch Kritik am Präsidenten. Er sei "enttäuscht, dass Obama Guantanamo nicht geschlossen hat". Amerika zahle weiterhin einen Preis dafür, dass die Einrichtung fortbestehe. Aber in fünf Jahren werde das Lager auf Kuba Geschichte sein, hoffe er.

Beim Drohnenkrieg, den die Amerikaner unter Obama im Rahmen des Kampfes gegen den Terror extrem ausgeweitet haben, gab er dem Präsidenten Rückendeckung. Hier sprach der überzeugte Linksliberale dann von einer "effektiven Methode" und Selbstverteidigung - schließlich träfen die Angriffe Gruppen, die Regierungen in Afghanistan, Pakistan oder Jemen destabilisieren und Amerikaner töten würden. "Die Opfer sind ja Kombattanten in einem Kriegsgebiet", gab sich Podesta unbeirrt. Im Publikum schüttelten dabei einige den Kopf.

"Bill und Barack sind Freunde"

Zum früher schwierigen Verhältnis von Bill Clinton und Obama befragt, sagte Podesta: "Ich war immer nah an Clinton dran, er hat Obama immer respektiert." Nun habe auch Obama Clinton um Rat gebeten. "Sie sind nun Freunde", sagte Podesta, "ihr Verhältnis ist unbelastet von der Vergangenheit".

Podesta verriet ebenfalls, dass er davon ausgehe, dass Hillary Clinton, die er nach eigenen Angaben wöchentlich trifft, ihr Amt als Außenministerin nach der Wahl aufgeben werde. Sie sei etwas amtsmüde.

Auf die Frage, ob Clinton dann 2016 einen erneuten Angriff auf die Präsidentschaft starten wolle, sagte Podesta, das wisse er auch nicht. Doch eines sei sicher: "Sie wäre eine ausgezeichnete Kandidatin."

Die Gesprächsreihe wird am Montag, 29. Oktober, um 18 Uhr im SPIEGEL-Haus fortgesetzt. Zu Gast ist dann der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann.

fab

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Zur Person
  • DPA
    Georg Mascolo, 48, arbeitete ab 1988 für SPIEGEL TV und wechselte 1992 als stellvertretender Leiter des Berliner Büros zum Nachrichten-Magazin. Danach wurde er Leiter des Deutschland-Ressorts in Hamburg, bis er 2004 als politischer Korrespondent für den SPIEGEL aus Washington berichtete. Ab Juli 2007 leitete er mit Dirk Kurbjuweit das Hauptstadtbüro in Berlin. Seit Februar 2008 ist er gemeinsam mit Mathias Müller von Blumencron Chefredakteur beim SPIEGEL.

    Seit Februar 2011 sind die Zuständigkeiten in der Doppelspitze neu verteilt: Mathias Müller von Blumencron hat die Alleinverantwortung aller digitalen Angebote unter der Marke SPIEGEL, einschließlich SPIEGEL ONLINE übernommen, Georg Mascolo die Alleinverantwortung für das Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL.

Zur Person
  • Carsten Schilke
    Britta Sandberg, 50, arbeitete ab 1990 bei SPIEGEL TV, zunächst als Reporterin, später als Moderatorin und leitende Redakteurin der SPIEGEL TV Reportage und des Magazins. 2006 wechselte sie ins Auslandsressort des SPIEGEL, wo sie unter anderem die Themen Terrorismus und Frankreich betreute. 2010 wurde sie Vize-Chefin, seit September 2012 leitet sie das Auslandsressort.