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Massenmörder: Was wurde aus dem Warlord Joseph Kony?

Von Michelle Trimborn

2012 wurde ein Warlord über Nacht zur meistgesuchten Person der Welt. Das Video mit seiner Geschichte sahen 100 Millionen Menschen. Uno, EU und die USA versprachen, ihn festzunehmen. Wie steht es heute um Kony und seine Armee?

Joseph Kony: Wo steckt der Rebellenführer heute? Fotos
AFP

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Entführung, Vergewaltigung, Rekrutierung von Kindersoldaten: Der unehrenhafte Ruhm des Joseph Kony basiert auf den schlimmsten denkbaren Verbrechen. Der selbsternannte Prophet verkündet Gottes vermeintliche Wahrheit, so wie er diese sieht - und will sie mit einer brutalen Armee durchsetzen.

Seit mehr als 25 Jahren ist er aktiv, doch globale Bekanntheit erlangte er erst, als die US-amerikanische Organisation Invisible Children das Video "Kony 2012" veröffentlichte (siehe unten).

Das Ziel: "Make him famous" - Kony sollte berühmt-berüchtigt werden, um ihn so vor Gericht zu bringen. Eine simple Rechnung, die leider nicht aufging. 26 Millionen Dollar wurden an die Organisation gespendet, Soldaten entsandt, politische Versprechen gemacht. Doch so schnell der Warlord notorisch berühmt wurde, so laut die Rufe nach seiner Verhaftung schallten, so schnell verklangen die lauten Stimmen auch wieder.

Seit 1987 führte Kony die "Lord's Salvation Army" (Gottes Heilsarmee), eine Widerstandgruppe gegen den ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni. 1992 benannte er sie in "Lord's Resistance Army" (LRA), Gottes Widerstandsarmee, um. Mit ihr will er einen Gottesstaat gründen, regiert nach den Zehn Geboten. Dabei ist das Vorgehen der Rebellengruppe wenig christlich: Zehntausende Verschleppte, 100.000 Ermordete, Millionen Vertriebene, so die traurige Bilanz der Raub- und Mordexzesse.

Über Nacht zum "Star"

Diese Taten waren außerhalb Afrikas eher Experten und Politikern bekannt - bis zum 5. März 2012. Dann veröffentlichte die NGO Invisible Children den halbstündigen Film "Kony 2012". Der Film setzte auf höchst emotionale Bilder, und das wirkte. Etwa 100 Millionen Menschen sahen das Video, Kony war auf einen Schlag weltweit berüchtigt.

Die EU kündigte an, die Afrikanische Union bei der Bekämpfung der LRA unterstützen zu wollen. Auch US-Präsident Obama sicherte finanzielle Belohnungen für Hinweise zur Ergreifung Konys zu.

Doch die Kampagne gegen Kony blieb nicht ohne Kritik. Die Geschichte sei zu stark vereinfacht, bemängelten viele. Man zeige nicht mehr als Schwarz und Weiß, im wahrsten Sinne des Wortes: ein hilfloses Uganda, das weiße Helden brauche. Und weiter: Der Film würde höchstens zu Clicktivism führen - Engagement per Mausklick. Gut fürs Ego, aber ohne nachhaltige Wirkung.

Was bleibt vom Spektakel?

Tatsächlich behielten die Kritiker recht: Der Hype war von kurzer Dauer, die Empörung schaffte es kaum vom Netz in die stoffliche Welt. So sollten in einer weltweiten Aktion Städte über Nacht mit Bildern Konys plakatiert werden. Doch den Schritt vom Klick zum Aktivismus schafften nur wenige - "Cover the Night" floppte, nur sechs Wochen nachdem die Kampagne zum weltweiten Gesprächsthema geworden war.

Was blieb, waren die Spenden. Nach Angaben von Invisible Children floss das Geld vor allem in Projekte für die afrikanische Bevölkerung: Stipendien für zurückgekehrte Kindersoldaten, die Ausweitung eines LRA-Frühwarnsystems, Hunderttausende Flyer mit Anweisungen zur Flucht für LRA-Mitglieder. Aber die Einnahmen gingen in den Folgejahren stark zurück. Letzte Gelder wurden dafür genutzt, die afrikanischen Partner eigenständiger zu machen. Bald werden alle Aktivitäten eingestellt.

Mit der Aufmerksamkeit für die Aktion schwand auch die für Kony. Er ist noch immer frei. Aufhalten soll er sich in der Region Kafia Kingi, einem Grenzgebiet zwischen Sudan und Südsudan, regiert vom sudanesischen Militär - das ihn vermutlich schützt. Erst 2014 hatte Obama Flugzeuge zur Unterstützung der Taskforce der AU entsandt. Doch das dichte Waldgebiet ist schwer zugänglich, die Suchtrupps blieben erfolglos.

Eher Räuberbande als Armee

Dennoch scheint die LRA stark geschwächt zu sein. So soll die Zahl der tödlichen Angriffe seit 2011 um 92 Prozent gesunken sein, behauptet der LRA Crisis Tracker, ein Projekt verschiedener Nichtregierungsorganisationen. Auch die Zahl der nicht tödlichen Angriffe und Entführungen ging generell zurück, mit einem leichten Wiederanstieg im Jahr 2014, wie dem letzten vorgelegten Jahresbericht 2015 zu entnehmen ist - der aktuelle steht aus.

Doch auch wenn die LRA in Uganda heute weniger aktiv als vor vier Jahren erscheint, wirken ihre Untaten fort. Nach Einschätzung der Stiftung Politik und Wissenschaft ist es zu früh, von einer Normalisierung in der Region zu sprechen. Nur in ökonomischer Hinsicht findet eine gewisse Regeneration statt: Vertriebene kehren zurück, bewirtschaften ihr Land, Lebensmittel sind wieder verfügbar. Doch zu groß sind die Traumata, welche die Kämpfer verursacht haben. Familien wurden vernichtet, Landstriche verwüstet.

In anderen Ländern ist die LRA noch aktiv. Die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und der Südsudan waren in den vergangenen Jahren von LRA-Angriffen betroffen. Aber: Sie ist heute kaum vergleichbar mit der Armee, die 2012 durch die Medien ging - mit schon damals veralteten Bildern.

Die vor Jahren als Aufteilung in Kampfverbände begonnene Umstrukturierung hat sich zu einer weitgehenden Fragmentierung der LRA entwickelt - die einstige "Armee" besteht heute aus Splittergruppen. Nur noch 200 bis 1000 Kämpfer soll die LRA überhaupt haben, verstreute Gruppen, vermutlich ohne engen Kontakt zum Kommandanten Kony.

Mord, Folter und Versklavung

Laut Stiftung Wissenschaft und Politik seien die Kämpfer heute mit kriminellen Banden zu vergleichen, die vor allem herumziehen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern, etwa durch Raubzüge und Geschäfte mit Elfenbein. In dieser Umstrukturierung nehme auch Kony eine neue, schwächere Rolle ein. Viele Kämpfer seien entideologisiert, nie zuvor desertierten so viele von ihnen wie in den Jahren seit 2012. Kony scheine nur noch für die Kerngruppe von großer Bedeutung zu sein. Um diese zu schwächen, sei seine Festnahme noch immer wichtig.

Eine entscheidende Entwicklung im Fall Kony hat es im Januar 2015 mit der Festnahme von Dominic Ongwen gegeben. Der Stellvertreter Konys stellte sich US-amerikanischen Truppen - für ihn vermutlich die bessere Alternative zur Ermordung durch seinen Anführer. Der Deserteur soll zuvor bei ihm in Ungnade gefallen sein.

Im Januar 2016 eröffnete der Internationale Strafgerichtshof den Vorprozess gegen Ongwen. Ankläger werfen ihm Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie Mord, Folter und Versklavung vor. Der 35-Jährige soll selbst als Kind von Kony verschleppt worden sein, stieg dann bis in die Führungsriege der LRA auf. Auch deswegen ist das Verfahren brisant: Ongwen ist Opfer und Täter zugleich.

Ob er neue Informationen über die LRA offenlegen wird, bleibt fraglich. Die Verteidigung wies die Anklage bei der ersten Anhörung zurück. Die Aufmerksamkeit für den Prozess ist gering, die Welt hat ihren Blick wieder auf andere Regionen gerichtet. Kony, der kurzzeitig berühmt-berüchtigste Mann der Welt, gerät wieder in Vergessenheit.


Zusammengefasst: Durch eine weltweite Veröffentlichung seiner Verbrechen wurde der Warlord Joseph Kony 2012 zum wohl meistgesuchten Mann der Welt. Die Kampagne, die zu seiner Verhaftung aufrief, brachte Spenden und westliche Staaten dazu, Hilfe zu leisten. Ihr Ziel erreichte sie jedoch nicht: Joseph Kony ist weiterhin frei und aktiv. Seine Miliz hat aber immerhin an Macht und Einfluss verloren.

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