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13. Juni 2012, 18:57 Uhr

Russland

Moskaus Chefermittler soll Journalist mit Tod bedroht haben

Russlands Chefermittler soll einen Redakteur der kremlkritischen Zeitung "Nowaja Gaseta" mit dem Tod bedroht haben. Das behauptet der Chefredakteur des Blattes, bei dem auch die ermordete Anna Politkowskaja gearbeitet hatte. Der Journalist soll aus Furcht das Land verlassen haben.

Moskau - Der Chefredakteur der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" hat dem Vorsitzenden des Ermittlungskomitees vorgeworfen, einen seiner Journalisten mit dem Tod bedroht zu haben. Leibwächter von Chefermittler Alexander Bastrykin hätten den Reporter Sergej Sokolow vergangene Woche gewaltsam in ein Auto gezerrt und ihn in einen Wald gebracht, schrieb Dmitrij Muratow am Mittwoch in einem offenen Brief. Dort habe Bastrykin damit gedroht, Sokolow zu töten.

Muratow schrieb, die Männer um den Chefermittler hätten dann gar "gewitzelt, sie würden dann selbst den (Mord-)Fall untersuchen". Der bedrohte Sokolow ist laut dem offenen Brief seines Chefs wegen der Todesdrohungen ins Ausland geflohen.

Den Angaben zufolge war der Chefermittler über einen Artikel Sokolows verärgert, in dem ihm Versagen bei der Strafverfolgung einer Bande vorgeworfen wurde, die 2010 im Süden Russlands zwölf Menschen getötet haben soll. Unter den Opfern waren vier Kinder. Bastrykins Behörde wollte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen Muratows äußern.

"Einmaliger Vorfall"

"Dass der russische Chefermittler den Leiter unserer Investigativ-Abteilung in den Wald entführen lässt und dann bedroht, ist ein einmaliger Vorfall", sagte "Nowaja Gaseta"-Chefredakteur Dmitri Muratow der Nachrichtenagentur dpa.

Für die Zeitung "Nowaja Gaseta" arbeitete auch die 2006 in Moskau erschossene Journalistin Anna Politkowskaja. Das Blatt gehört dem Finanzinvestor Alexander Lebedew und dem letzten sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow. Die Zeitung ist für ihre investigativen Berichte und ihre harte Kritik an Präsident Wladimir Putin bekannt.

Die getötete Politkowskaja gehörte zu den wenigen Journalisten, die über Menschenrechtsverstöße während des Tschetschenien-Krieges berichtete. Die Arbeit der Ermittlungsbehörden im Fall Politkowskaja wurde international scharf kritisiert, ihnen wurde ein mangelnder Aufklärungswille vorgeworfen. Bis heute sind die Drahtzieher des Mordes nicht ermittelt.

Fünf Journalisten, die vor dem Sitz des Ermittlungsausschusses in Moskau an einer Protestkundgebung teilnahmen, wurden am Mittwochnachmittag festgenommen. Bei vier von ihnen handelte es sich um Mitarbeiter des Radiosenders Moskauer Echo.

Einen Tag nach den Massenprotesten gegen Putin lud die Ermittlungsbehörde den Linskspolitiker Sergej Udalzow und den Anti-Korruptionsblogger Alexej Nawalny vor. Nach Behördenangaben ging es um die Rolle der beiden Regierungsgegner bei den gewalttätigen Protesten am 7. Mai, dem Tag von Putins Amtseinführung. Am Montag waren die Wohnungen der beiden Protestanführer durchsucht worden.

fab/dapd/AFP

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