Journalisten-Mord in Afghanistan "Leichtsinnig waren die beiden auf jeden Fall"

Mit Hilfe des BKA sucht die afghanische Polizei die Mörder der zwei deutschen Journalisten. Es soll erste Festnahmen geben. Einiges deutet darauf hin, dass die Reporter Fehler gemacht haben: Warnungen schlugen sie in den Wind, lokale Gepflogenheiten missachteten sie.

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Berlin - Als Karen Fischer und ihr Lebensgefährte Christian Struwe am 4. Oktober ein letztes Mal im Bundeswehrlager im nordafghanischen Mazar-i-Sharif zu Gast waren, wurden die deutschen Soldaten deutlich. Mehrmals warnten sie die freien Journalisten der Deutschen Welle davor, sich selbstständig auf den Weg durch den Norden zu machen. Es sei schlicht zu gefährlich, vor allem weil die zwei ohne afghanischen Fahrer oder gar bewaffneten Begleiter in ihrem grauen Toyota Surf unterwegs waren.

Deutsche-Welle-Broschüre mit Bild von ermordeter Reporterin Fischer in Afghanistan (r.): Als Zivilist nicht so gefährdet?
DPA

Deutsche-Welle-Broschüre mit Bild von ermordeter Reporterin Fischer in Afghanistan (r.): Als Zivilist nicht so gefährdet?

Die Warnungen verfingen nicht. Besonders der 38-jährige Struwe, der sich in Afghanistan auskannte und dort länger gelebt hatte, war uneinsichtig. "Er gab an, dass er sich hier ganz gut allein bewegen könne", sagt einer der deutschen Soldaten, "er spreche ein bisschen Dari, außerdem sei man als Zivilist nicht so gefährdet." Kurz nach dem Gespräch fuhren die beiden aus Mazar-i-Sharif ab.

Keine 48 Stunden später waren sie tot. Erschossen von Unbekannten, die sie nachts in ihrem Zelt nahe der Straße nach Bamiyan angriffen.

In der Zentrale der Deutschen Welle hielten heute 300 Mitarbeiter eine spontane Trauerfeier ab, trugen sich in Kondolenzbücher ein. "Keiner kann fassen, dass sie nicht mehr da sind. Das Haus steht unter einem ziemlich großen Schock", sagte der Sprecher des Senders. Intendant Erik Bettermann: "Sie mussten in einem Land sterben, für das sie ihr ganzes Engagement eingesetzt haben und das sie auch in besonderer Weise lieb gewonnen haben."

Schüsse aus nächster Nähe

Wer die beiden getötet hat, ist noch unklar. Zwar seien zehn Verdächtige festgenommen worden, berichtete die "Mitteldeutsche Zeitung" unter Berufung auf den afghanischen Wirtschaftsminister Amin Farhang. Noch scheint der Verdacht aber nicht erhärtet, ein Sprecher des Innenministeriums in Kabul dementierte die Meldung umgehend.

Gerüchte über Festnahmen gab es schon am Wochenende. In der kaum entwickelten Behördenstruktur Afghanistans sind solche Angabe nur schwer zu überprüfen. Zudem gilt es als beliebtes Muster der Polizei, nach einem Vorfall wie diesem zunächst erstmal viele Männer festzunehmen, auch wenn es keine Verdachtsmomente gegen sie gibt. Von Sicherheitsbeamten, die anonym bleiben wollten, war ebenso zu hören, dass mehrere Polizeiobere aus der Region nach dem Mord umgehend entlassen wurden.

Auch deutsche Behörden ermitteln. In Kabul ist die Botschaft aktiv, außerdem begleitet der Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamts (BKA) die Recherchen. Er war bei einer ersten Obduktion anwesend. Die Leichen sollen nun für eine eingehende Untersuchung nach Deutschland geflogen werden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurden die Reporter am Tatort in ihren Schlafsachen gefunden. Vermutlich waren sie noch aus dem Zelt herausgekommen, als sie die Täter kommen hörten. Beide wurden von mehreren Kugeln getroffen. Gestohlen wurde nach ersten Erkenntnissen nichts.

In Deutschland eröffnete Generalbundesanwältin Monika Harms ein Ermittlungsverfahren - die oberste Strafverfolgungsbehörde ist bei im Ausland getöteten Deutschen zuständig. Ermittler sagten am Montag, man werde alles für eine schnelle Aufklärung des Falls tun. Allerdings seien die Recherchen in Afghanistan schwierig, man sei auf Kooperation der Afghanen angewiesen. "Schon die Sicherung der Spuren am Tatort ist in solchen Fällen nicht ganz einfach", sagt einer der Beamten.

"Nicht gerade eine beliebte Gegend für Rucksacktouristen"

Je intensiver sich die Ermittler mit dem Fall beschäftigen, desto mehr wundern sie sich über die beiden Reporter, die eigentlich als erfahren galten. Sie hatten fernab einer Siedlung ihr Nachtlager an der Straße aufgeschlagen, obwohl sie dort völlig ungeschützt waren. Selbst den BKA-Ermittlern kommt das komisch vor - schließlich sei Afghanistan "nicht gerade eine beliebte Gegend für Rucksacktouristen". Als Grundregel gilt dort, bei Nacht gar nicht draußen zu sein. Außer, man hat einen sehr guten Schutz.

Auch Kenner des Landes wundern sich: "Was die beiden gemacht haben, war auf jeden Fall leichtsinnig", sagt Andre Mann, der in Kabul eine Agentur für Reisen nach Bamiyan betreibt. Schon die Route der beiden - in Afghanistan als "northern route" bekannt - würde seine Agentur nie benutzen. "Sie sind dort völlig allein", sagt Mann, "über Stunden hinweg kommen sie an keiner Siedlung oder auch nur einem Haus vorbei." Dies sei zu risikoreich für ihn und seine Kunden, meist zahlungskräftige Touristen aus aller Welt.

In Kabul macht sich vor allem derjenige Vorwürfe, der den Trip der Reporter in den Tod erst ermöglicht hat. Die beiden Deutschen hatten bei einem unter Journalisten bekannten Kabuler Guesthouse den Toyota-Jeep ohne afghanischen Fahrer gemietet - völlig unüblich in dem Land. Der Besitzer der Pension will jetzt mit niemandem reden. "Er ist völlig fertig", sagt Agenturchef Mann, "er will nie wieder ein Auto ohne Fahrer vermieten." Mann will jetzt versuchen, das gemeinsam mit anderen Agenturen als Grundsatz zu etablieren.

Erregten die beiden durch ein Bad im Fluss Ärger?

Erfahrene Tour-Führer wie Andre Mann können sich nicht erklären, warum die beiden Reporter mitten im Nirgendwo ihr Zelt aufschlugen. Unklar bleibt auch, warum sie sich nicht wie in Afghanistan üblich bei den lokalen Behörden gemeldet haben. "So tragisch der Vorfall ist, die beiden haben Fehler gemacht, die wir hier nie machen dürften", sagt Mann. So werde für seine Touren regelmäßig mit den lokalen Stellen telefoniert und jeder Trip so geplant, dass man nur bei Tag unterwegs sei. "Alles andere wäre einfach Wahnsinn."

Womöglich waren diese Fehler der Grund für den Angriff auf die Deutschen. Kenner des Lands geben zu bedenken, dass die Region um den Tatort von Paschtunen bevölkert sei. Für sie gelte das Pashtunwali, ein gesetzesähnlicher Ehrenkodex. So sehr er jedem angemeldeten Besucher bestmöglichen Schutz und fast bedingungslose Gastfreundschaft zusichert, so sehr wird umgekehrt jeder unangemeldete Fremde als feindlicher Eindringling eingestuft.

In Kabul wurde am Montag über eine weitere These spekuliert: Mehrere Bewohner der Region hätten nach dem Überfall gesagt, sie hätten die beiden Journalisten am späten Nachmittag in einem Fluss baden gesehen, nur wenige Meter vom Zelt entfernt. Obwohl sie Schwimmkleidung getragen haben sollen, wäre dies für die traditionelle Bevölkerung sicher provokant. Ermittler sagten allerdings, diese Angaben seien recht vage.

Tour-Guides wie Andre Mann haben an der Aufklärung des Falls ein eigenes Interesse. Natürlich bangt er um Kunden. Schon vor dem Mord war die Buchungslage dünn. Am Montag sprachen die Sicherheitsexperten der Firma über die Folgen. Am Ende waren sie sich einig, dass sie weiter Touren anbieten - trotz allem.



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