Journalistenmorde Russland drittgefährlichstes Land für Reporter

Die Morde an Anna Politkowskaja in Moskau und den deutschen Reportern in Afghanistan zeigen: Journalisten arbeiten weltweit unter enormen Risiken. Binnen 15 Jahren wurden 580 Reporter getötet - darunter viele Mordfälle, die nie aufgeklärt wurden. Immer gefährlicher: Russland.


Berlin - Journalisten leben gefährlich. Weltweit wurden seit 1992 insgesamt 580 Reporter Opfer von tödlicher Gewalt - und am Wochenende kamen wieder drei dazu: die Russin Anna Politkowskaja und die Deutsche-Welle-Mitarbeiter Karen Fischer, 30, und Christian Struwe, 38.

Trauer um Journalistin Politkowskaja (in Straßburg): Mord aus politischen Motiven?
AFP

Trauer um Journalistin Politkowskaja (in Straßburg): Mord aus politischen Motiven?

Viele Journalisten werden aus politischen Gründen getötet, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Komitees zum Schutz von Journalisten (CPJ) - und zwar nicht nur in Kriegsgebieten. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in New York kümmert sich vor allem um die Dokumentation und Aufklärung von Mordfällen an Journalisten. Ihre Untersuchung zeigt, dass gerade Morde in Russland wie jetzt an Politkowskaja keine Einzelfälle sind: Seit 1992 wurden 42 Journalisten in Russland getötet. Auf einer Rangliste der Länder mit den meisten Todesfällen belegt Russland Platz drei. Davor rangieren nur das Kriegsland Irak mit 78 Toten und Algerien mit 60. In Afghanistan wurden seit 1992 14 Journalisten umgebracht.

In Russland hat sich die Lage in den vergangenen Jahren zugespitzt. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" kritisiert im jüngsten Lagebericht, die Arbeitsbedingungen hätten sich "alarmierend verschlechtert". Gewalt sei dort die größte Bedrohung für die Pressefreiheit. Das Land steht inzwischen in einem Welt-Ranking zur Pressefreiheit ganz hinten auf Platz 140. Danach folgen nur noch Länder der Güteklasse "Diktatur" wie Syrien, Burma und Nordkorea.

Weltweit sind vor allem Lokalreporter bedroht, zeigt die Studie des CPJ. Wer sich bei Korruption oder Machtmissbrauch mit den Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Militär anlegt, lebt besonders gefährlich: In 70 Prozent der Fälle wurden die Journalisten gezielt wegen investigativer Recherchen getötet. Das Komittee sieht vielfach professionelle Auftragsmörder am Werk. Auch beim Mord an Anna Politkowskaja spricht manches dafür. Die russische Journalistin galt als Kritikerin der Regierung Putin und arbeitete zuletzt an Enthüllungen über den Krieg in Tschetschenien.

Auf besonderen Einsatz des Staates bei den Ermittlungen kann man sich der Studie zufolge nicht verlassen. In vielen Fällen werden Mordfälle von Behörden gedeckt; manches Verbrechen sei von Politikern in Auftrag gegeben. Das ist einer der Hauptgründe, warum die strafrechtliche Aufklärung oft kurz nach der Tat im Nichts verläuft: 85 Prozent der Fälle seit 1992 wurden nie gelöst - die Täter und Auftraggeber sind noch immer in Freiheit.

tob



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.