Nobelpreis für Juan Manuel Santos Vom Falken zur Friedenstaube

Vor nicht mal einer Woche sah Juan Manuel Santos wie ein Verlierer aus, als die Bürger sein historisches Abkommen mit den Farc-Rebellen ablehnten. Mit dem Friedensnobelpreis erhält Kolumbiens Präsident nun Rückenwind.

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Seine politische Karriere hat der neue Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos vor zwei Jahren ganz auf eine Karte gesetzt: Nach mehr als einem halben Jahrhundert des blutigen Konflikts wollte er Frieden mit den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens", kurz Farc, schließen. Im Mai 2014 kandidierte er zur Wiederwahl als Präsident. Damals verhandelte seine Regierung schon in Havanna mit den Rebellen. "Die Wähler entscheiden", sagte er beim Gespräch mit dem SPIEGEL in seinem Amtssitz in Bogotá, "ob sie diesen Krieg weiterführen wollen oder nicht". Scheitere aber der Friedensprozess, so warnte Santos damals, "wird Kolumbien weitere 20, 30 oder 40 Jahre Krieg erleben."

Die Kolumbianer bestätigten Santos als Präsidenten und erteilten ihm somit ein Mandat für die Friedensverhandlungen. Er brauchte länger als erhofft, bis er Ende September schließlich in Cartagena das Abkommen mit dem Farc-Führer Rodrigo Lodoño unterzeichnen konnte. Der untersetzte Santos, ganz in Weiß, reichte dem Guerillero "Timochenko" die Hand. Kubas Staatschef Raúl Castro und weitere 13 Staatschefs, der Uno-Generalsekretär und der US-Außenminister applaudierten. Der sonst so nüchterne Politiker weinte ein paar Freudentränen.

Dann, am vergangen Sonntag, musste er wieder mit den Tränen kämpfen - diesmal vor Enttäuschung. Denn die Kolumbianer lehnten sein Friedensabkommen bei einem Referendum knapp ab. Es fehlten 53.000 Jastimmen, und 63 Prozent der Wahlberechtigten waren dem Votum ferngeblieben.

Doch der Pragmatiker will nicht aufgeben. Dabei hat Santos, vor 65 Jahren in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá als Spross einer der begüterten und einflussreichsten Familien des Landes geboren, selbst einen fulminanten Wandel vom Falken zur Friedenstaube vollziehen müssen.

Nach dem Besuch eines katholischen Gymnasiums in seiner Heimatstadt und der Seekadettenschule in Cartagena studierte er Wirtschaftswissenschaften in den USA und an der London School of Economics. Seine Hochschulausbildung komplettierte er an der Kaderschmiede in Harvard, wo er auch Journalismus belegte. Zunächst arbeitete er als Kolumnist, später in leitender Funktion bei der Tageszeitung "El Tiempo", die seiner Familie gehörte und die Weltsicht des Establishments vertrat.

Auch die Farc wollte den Konflikt beenden

Sein Großonkel war Anfang der Vierzigerjahre für die Liberale Partei Präsident des Landes. So begann auch Juan Manuel Santos dort seine politische Karriere und wurde 1991 als Minister für Außenhandel berufen. Unter dem Konservativen Andrés Pastrana war er später Finanzminister. Der hatte versucht, mit den linksgerichteten Guerillagruppen Farc und dem "Nationalen Befreiungsheer" ELN, die sich über Erpressungen, Entführungen und Drogenhandel finanzierten, Frieden zu schließen.

Santos hatte die Strategie mitentwickelt, hatte sich Rat in Nordirland, Israel und Mittelamerika geholt, wo auch um Frieden gerungen wurde. In einer eigens entmilitarisierten Zone wollte Pastrana mit den Farc-Führern direkt verhandeln. Doch die ließen ihn hängen und nutzten die Gelegenheit, um neue Kräfte zu schöpfen.

Der neue Präsident Alvaro Uribe setzte deshalb ab 2002 auf das Militär im Kampf gegen die Guerilla. Paramilitärische Milizen im Dienste der Großgrundbesitzer wurden amnestiert. Santos unterstützte die Wiederwahl des Haudegens und gründete gar eigens eine Partei für ihn. Ab 2006 machte er sich als Verteidigungsminister Uribes verdient: Er befehligte unerbittliche Militäraktionen auch jenseits der Landesgrenze, schwächte die Guerilla, die wichtige Anführer verlor. 2008 gelang ihm die unblutige Befreiung der verschleppten Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt aus sechsjähriger Gefangenschaft. Als der Kriegsherr Uribe nicht für eine dritte Amtszeit antreten durfte, förderte er schließlich Santos. Der zog im August 2010 in den Präsidentenpalast in Bogotá ein.

Santos, der hervorragend Englisch spricht und seine drei Kinder zum Studium ins Ausland schickt, bewegt sich geschmeidig auf internationalem Parkett - ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, einem Großgrundbesitzer aus der Provinz Antioquia, der sich am wohlsten in Stiefeln zu Pferde fühlt und gern autoritär herumkommandiert. Der belesene Kunstfreund aus der Hauptstadt hatte als Dienstherr der Militärs, denen immer häufiger Menschenrechtsverletzungen nachgewiesen wurden, begriffen: Allein mit Waffengewalt ist kein Sieg über die Guerilla-Fronten zu erringen. Andererseits aber waren die Rebellen so geschwächt, dass auch sie den Konflikt beenden wollten.

Uribe siegte an der Urne, Santos in Oslo

Deshalb begann Santos, zunächst geheim, ab Ende 2012 unterstützt von Norwegen, Chile und Venezuela, auf Kuba Friedensgespräche mit einer Farc-Delegation. Aus den früheren Misserfolgen habe er gelernt, gestand er dem SPIEGEL. Er handle nach der Devise seines Vorbilds Jizchak Rabin: "Ich bekämpfe den Terrorismus, als gäbe es keine Verhandlungen, und ich führe die Friedensverhandlungen, als gäbe es keinen Terror." Waffenstillstand wurde erst im Juni geschlossen.

Doch von Anfang an bekämpfte sein Amtsvorgänger Uribe den Friedenspfad. Seine 4,5 Millionen Follower auf Twitter hetzte er Tag für Tag mit neuen Lügen auf: Santos habe Kolumbien an den "Castro-Chavismo" verraten, eine Mischung aus der hungernden Zuckerinsel und dem verelendeten Sozialismus im Nachbarland Venezuela. Der Grundbesitz würde abgeschafft und die Mörder straffrei ausgehen. Der Populist Uribe ist dreimal so beliebt wie der intellektuelle Reichen-Spross aus der Hauptstadtelite, der gewandter mit Ausländern spricht als mit dem kolumbianischen Landvolk.

Am vergangenen Sonntag triumphierte der Kriegspräsident Uribe. Jetzt gibt der Nobelpreis aus Oslo dem selbst ernannten Friedensschmied Santos einen mächtigen Schub: Ähnlich wie 1994, als das Preiskomitee Israels Premier Jizchak Rabin und seinen Außenminister Shimon Peres sowie den Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat auszeichnete: Prämiert wird die Hoffnung, dass der Preisträger sein nobles Ziel erreicht.

insgesamt 15 Beiträge
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schweizerbesserwisser 07.10.2016
1. ok
mal eine gute Idee Gruss aus Zürich
joG 07.10.2016
2. Das kann vielleicht. ..
...die Bevölkerung und Farc überzeugen. Bei den Israelis und Palästinensern hat es nicht funktioniert und Obama hat voll versagt.... Wollen wir das Beste hiffen....
Listkaefer 07.10.2016
3. Das ist gut für Kolumbien
Glückwunsch an den Präsidenten Santos. Sein Friedensvertrag wurde zwar mit knappster Mehrheit von den Kolumbianern abgelehnt, das war aber gut so, denn das Ausgehandelte war zu vorteilhaft für die Guerrilla gewesen und den Kolumbianern so nicht zu vermitteln. Tausende Entführungen, Drogenhandel in größtem Umfang, Millionen vertriebene Bauern, viele Tote, größte Umweltfrevel durch Sprengung von Pipelines, Öltanks und Tankfahrzeugen, Kindersoldaten, Vergewaltigungen - das sind die Markenzeichen der FARC-Guerrilla. Das können die Kolumbianer nicht so leicht vergessen. Sie sehen die Guerrilla als Verlierer, und die Verlierer dürften nicht die Bedingungen für den Frieden diktieren! Die FARC muss ihre Millionen, erworben aus Verbrechen, zur Opferentschädigung hergeben, sie können sich zwar als politische Partei formieren, ihre Chefs - alle in Kapitalverbrechen verstrickt - sollten aber von politischen Ämtern ausgeschlossen sein. Nun wird nachverhandelt und dabei hat die Guerrilla den eindeutig kürzeren Hebel. Am Ende steht als Ergebnis, dass es eine von den mehreren Kolumbien verheerenden Terrorgruppen weniger gibt. Glückwunsch und danke an Santos. Das ist allerdings nur der erste Schritt zum Frieden. Der Weg zur weiteren Befriedung des Landes ist noch lang, denn es gibt noch die ELN, und etliche Warlords des organisierten Verbrechens und der Drogenmafia weiterhin.
norbert-r 07.10.2016
4. Verantwortung
...hat Santos auch noch für die, von seinem Militär ermordeten 4000 Falso Positivos, die seine Soldaten unter seiner Führung als Verteidigungsminister unschuldig in Kampfklamotzen gesteckt haben und als angebliche FARC Kämpfer ermordet haben. Dafür ist er nie zur Verantwortung gezogen. Und nun der Nobelpreis ? Für was für einen Frieden. Ein solches Friedensabkommen gab es schon einmal und die FARC hätte sich schon einmal in eine politische Partei gewandelt, bis 3000 ihrer Parteimitgöieder von Paramilitärs ermordet wurden und sich die FARC daraufhin wieder in die Berge zurück zog. So ein "preisgekrönter" Frieden ist in Kolumbien nicht das Papier wert, auf dem er steht. Solange Politiker nicht zu ihrer Vrantwortung stehen, haben sie keine Preise verdient und speziell keine, deren Hände mit Blut getränkt sind.
doc_snyeder 07.10.2016
5. Verqueres Timing
Es hätte ja alles so schön werden können. - Das Friendensnobelpreiskomitee hatte ihn wohl schon vor der Volksabstimmung auf der Liste und nach der Volksabstimmung hatten sie dann wohl keinen Plan B. - Fest steht, dass dieser faule Friedensschluss mit der Mörderbande FARC erstmal abgelehnt wurde. Man sollte den Preis für Santos zurückstellen und eventuell dann verleihen, wenn er ein Abkommen geschlossen hat, dass den Opfern der Mörder durch deren Bestrafung Rechnung trägt. - Mit Mördern kann man nicht so einfach Frieden schliessen.
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